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Buchrezension: Jüdische Identitäten, jenseits des Wanderns

Buchrezension: Jüdische Identitäten, jenseits des Wanderns

Buchrezension: Jüdische Identitäten, jenseits des Wanderns

Links sieht man den Filmregisseur Woody Allen, daneben den Philosophen Theodor Lessing – Abramovych beschreibt verschiedene jüdische Identitäten, "Schlemihls" und Muskeljuden
Links sieht man den Filmregisseur Woody Allen, daneben den Philosophen Theodor Lessing – Abramovych beschreibt verschiedene jüdische Identitäten, "Schlemihls" und Muskeljuden
Filmregisseur Woody Allen, Philosoph Theodor Lessing – Abramovych beschreibt verschiedene jüdische Identitäten. Foto: picture alliance / Everett Collection | PHOTOlink/Courtesy Everett Collection / picture-alliance / dpa | dpa
Buchrezension
 

Jüdische Identitäten, jenseits des Wanderns

Mit seinem neuen Buch stellt Artur Abramovych gängige deutsch-jüdische Selbstbilder radikal infrage. Statt Opferdiskurs und Assimilation plädiert er für ein nationales, selbstbewußtes Judentum – und schießt gegen die Figur des „Schlemihl“.
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Es braucht nicht viel, um zu bemerken, daß der 1996 im ukrainischen Charkiw geborene Autor und Vorsitzende der Bundesvereinigung Juden in der AfD, Artur Abramovych, aus den üblichen deutsch-jüdischen Debatten heraustanzt. Das beginnt bereits bei den Kapitelüberschriften: Wer ein Kapitel zum Beispiel mit „Der Sieg des Muskeljuden über den Schlemihl“ betitelt, dürfte mit der Art von jüdischer Identität, wie sie ein Max Czollek oder ein Meron Mendel vertritt, eher wenig zu tun haben.

Während die beiden letzteren das Judentum „links“ deuten, also als „Minderheit par excellence, das Opfer bzw. der Feind jeder Selbstgewißheit, das kritische Prinzip, der Entwurzelte, der sich immer und überall eine Änderung der Umstände vorzustellen imstande ist“, verwirft Abramovych exakt diese Vision. Vielmehr sei mit der Gründung des Staates Israel sowie der Tatsache, daß mittlerweile fast die Hälfte des weltweiten Judentums in diesem Staat lebe, Ahasver, der Ewige Wandernde Jude der mittelalterlichen Volkssage, seßhaft geworden.

Sprich: Das Judentum sei heutzutage national, partikular, rechts und ethno-zentristisch. Weder versuchen sich seine prominenten Akteure assimilatorisch in anderen Kulturen aufzulösen, noch stellen sie sich in die vordersten Reihen ersatzreligiöser Befreiungsideologien wie Liberalismus oder Kommunismus, welche im 19. und 20. Jahrhundert stark von jüdischen Akteuren geprägt waren.

Jüdische Linke wandeln auf den Spuren des Reformjudentums

Gleich zu Beginn beschreibt Abramovych die Möglichkeiten einer neuen Allianz zwischen patriotischen Deutschen und Juden – und stellt sich damit gegen eine weit verbreitete Wahrnehmung, das Deutschtum als Bedrohung des Jüdischen zu sehen. Ursächlich für diese veraltete Sichtweise seien nicht ausschließlich die Verwerfungen des Nationalsozialismus, sondern vielmehr ein innerjüdischer Streit aus dem 19. Jahrhundert über die Frage, ob die damals im deutschsprachigen Raum lebenden Juden ihre Eigenheiten erhalten oder sich an die dominante Kultur anpassen sollten.

Wenn heutige jüdische Linke ihre Identität als störendes Element innerhalb einer feindseligen deutschtümelnden Mehrheitsgesellschaft imaginieren, argumentiert Abramovych, wandeln sie dabei eigentlich auf den Spuren eines assimilatorischen Reformjudentums. Es ist heutzutage schließlich nicht zuletzt ein großer Teil der Deutschen, die ihre eigene Identität nur gebrochen und sich ins Nichts verflüchtigend denken kann.

Jakobiner hielten das Judentum für rückständig

Ruft Czollek den Juden zu, sie sollen sich „desintegrieren“, so meint er dementsprechend damit doch nur, „dazu beizutragen, den Haufen an Fäkalien, in dem der Deutsche ohnedies wühlt, noch ein wenig zu bereichern mit eigenen Exkrementen“. Demgegenüber haben es der rechte Jude und der rechte Deutsche leicht: Sie können sich gegenseitig ihre Haltung zugestehen und diese respektieren.

In einem anderen Kapitel wird der Lichtkegel auf die Geschichte des Antisemitismus innerhalb der französischen Linken des 19. Jahrhunderts gerichtet. Gerade die französische Linke habe, von der Aufklärung bis zur Revolution, eine judenfeindliche Tradition gehabt – nicht bloß weil die jüdische Bevölkerung aufgrund ihres oft überdurchschnittlichen Wohlstands als bourgeois galt, sondern auch, weil ihre frommen und orthodoxen Vertreter als rückständig, abergläubisch und reaktionär angesehen wurden.

Muskeljude kämpft gegen Schlemihl

Als die Linke während der Februarrevolution 1848 die zweite Republik aus der Taufe hob (JF berichtete), ging dies sogar konkret mit antisemitischen Pogromen im Elsaß einher. In der Dreyfus-Affäre, wenngleich sie später zum Mythos der philosemitischen Linken werden sollte, war die linke bis linksliberale Presse – bevor Émile Zola zu seinem „J’accuse“ anhob – dementsprechend anfangs nicht besonders für den jüdischstämmigen Offizier eingenommen.

Gegen Ende der Essaysammlung widmet sich Abramovych schließlich der Gegenüberstellung zweier Typen. Da gibt es zum einen den Schlemihl, eine wiederkehrende Persönlichkeitsgattung der jüdischen Literatur.

Der Schlemihl ist ein tolpatschiger, neurotischer Intellektueller, bebrillt und schmächtig von Statur. Er ist brilliant in Geistesdingen und ansonsten in kaum etwas, neben seinen meist wenig glücklichen Frauengeschichten quält ihn die ständige Paranoia, antisemitischen Ressentiments ausgesetzt zu sein. Man denke hier an die neurotischen Hauptfiguren unzähliger Woody-Allen-Filme.

Abramovych adelt Schoeps

Dem Autor dient der Schlemihl als Inbegriff des linken Juden: vergeistigt, seiner eigentlichen Religion und seinem Volk entfremdet. Dem wird der Muskeljude gegenübergestellt. Dieser Begriff stammt von dem zionistischen Autor Max Nordau, der damit Ende des 19. Jahrhunderts einen „neuen“ Juden, schlagkräftig und viril, heraufbeschwor.

Artur Abramovych: Ahasvery Heimkehr, 224 Seiten, Edition BuchHaus Loschwitz, Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen
Artur Abramovych: Ahasvery Heimkehr, 224 Seiten, Edition BuchHaus Loschwitz. Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen.

Zu letzterem adelt der Autor etwa den Religionswissenschaftler Hans-Joachim Schoeps. Dieser formulierte bereits in der Frühphase der Bundesrepublik jene Allianz zwischen Deutschtum und partikular-selbstbewußtem Judentum, die zuvor unmöglich erschien. Schoeps’ angebliche Verstrickungen in den Nationalsozialismus hält Abramovych für böswillige Verzerrungen – der Preuße Schoeps habe sich „gegenüber den nationalsozialistischen Machthabern keineswegs naiver als der Durchschnitt seiner ganz überwiegend deutschnationalen jüdischen Zeitgenossen“ gezeigt.

Theodor Lessing beschimpfte Samuel Lublinski

Ebenfalls als Muskeljude gilt dem Autor der Philosoph Theodor Lessing (Lesen Sie hier das JF-Porträt). Dieser gelangte über Nietzsche zu der Erkenntnis, daß das europäische Judentum ob seiner Fokussierung auf geistige Welten sowie seinem beständigen Schielen nach Anerkennung der Mehrheitsgesellschaften „entartet“ sei.

Berühmt wurde dabei eine Fehde, die er sich mit dem Autoren Samuel Lublinski lieferte: „Er stellte Lublinski dar als Prototyp des schwächlichen, vergeistigten, nur wiederkäuenden, aber nichts selbst schaffenden ‘Espritjuden’, und er schonte dabei auch die wenig ansehnliche Gestalt des untersetzten, kleinwüchsigen Lublinski nicht; denn Lessing lag es am Herzen, zu verdeutlichen, wie grotesk ein schon angesichts seiner Physis erkennbarer Jude wirkt, wenn er den Eindruck zu erwecken versucht, Deutscher zu sein.“ Daß sich Lessing dabei selbst dem Vorwurf ausgesetzt sah, Antisemit zu sein, gilt Abramovych als deutliches Anzeichen einer Verkennung der bislang kaum erforschten Tradition eines jüdischen Nietzscheanismus.

Ein Ritt durch die jüdische Geistesgeschichte

Am Ende der Essaysammlung bekommen schließlich die Schlemihls ihr Fett weg. Den Alt-68er Daniel Cohn-Bendit nennt der Autor, ausgehend von einer Begriffsschöpfung Alain Finkielkrauts, einen juif imaginaire, einen „eingebildeten Juden“. Nichts verbinde dieser mit seiner Identität, das Jüdischsein sei ihm vielmehr gleichbedeutend mit der „Verpflichtung zur politischen Intervention zugunsten aller Geknechteten“.

Insgesamt schreibt Abramovych kurzweilig und anregend. Wer der vorliegende Essaysammlung annimmt, wird danach zweifellos mehr wissen über jüdische Geistesgeschichte und Literatur, über fast vergessene Strömungen rechten Denkens in Europa – und über das aktuelle Selbstverständnis eines sehr alten Volkes.

Aus der JF-Ausgabe 7/26.

Filmregisseur Woody Allen, Philosoph Theodor Lessing – Abramovych beschreibt verschiedene jüdische Identitäten. Foto: picture alliance / Everett Collection | PHOTOlink/Courtesy Everett Collection / picture-alliance / dpa | dpa
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