Den linken Wirtschaftswissenschaftler Patrick Kaczmarczyk treibt die Ungerechtigkeit in der Welt um. In seinem Buch beschäftigt er sich mit den Nord-Süd-Disparitäten und der Frage, warum so viele Entwicklungs- und Schwellenländer trotz aller Milliarden-Hilfen dauerhaft abgehängt bleiben. „Strukturelle Armut, neokoloniale Praktiken und ein von der Kette gelassener Finanzsektor be- und verhindern noch immer die wirtschaftliche Entwicklung in weiten Teilen der Welt“, konstatiert Kaczmarczyk.
Der 35jährige arbeitet als Entwicklungsökonom an der Universität Mannheim und war früher für die Welthandels- und Entwicklungsorganisation der UN (UNCTAD) tätig. Geprägt ist er von der Vorstellungswelt des linken Ökonomen Heiner Flassbeck, der auch das Vorwort zum Buch verfasst hat. Der Ex-Staatssekretär unter Kurzzeit-Finanzminister Oskar Lafontaine und langjährige Direktor bei der UNCTAD steht wie Kaczmarczyk im Inland gegen Spar- und für staatliche Investitionspolitik, für kräftige Lohnerhöhungen und das Ende der deutschen Exportfixierung. Die Schuldenbremse wird abgelehnt. Das entspricht der Politik des linken Flügels der SPD. So ist Kaczmarczyk auch Referent im parteinahen Wirtschaftsforum der SPD.
Jetzt diagnostiziert der Autor wie nach dem Ersten Weltkrieg einen neuen Absturz der Weltordnung. „Der Aufstieg autokratischer Politiker und Mächte, das Wiederaufflammen nationalistischer Ressentiments, die Abkehr vom Liberalismus und die wachsende Tendenz zur nationalen Abschottung – all diese Symptome von damals ähneln in erschreckender Weise dem Krankheitsbild der Gegenwart“, so die düstere Sicht Kaczmarczyks.

Autor sieht „reaktionär-konservative Kräfte“ im Aufwind im Westen
Erst 1944 seien in Bretton Woods die Grundzüge einer neuen Weltwirtschaftsordnung festgelegt worden. Heute setzten die tonangebenden westlichen Industrieländer in ihrem Abwehrkampf gegen den immer gewichtigeren Globalen Süden Doppelstandards und untergrüben damit ihre Glaubwürdigkeit. „Einerseits werfen wir anderen Ländern vor, mit Exportüberschüssen gegen die Regeln des Freihandels zu verstoßen“, schreibt Kaczmarczyk mit Blick auf China. „Andererseits sind wir stolz auf unsere eigenen Überschüsse, die alles übersteigen, was man in den größten Volkswirtschaften dieser Welt finden kann.“
Heuchelei sieht der Autor auch, wenn „Partnerschaft auf Augenhöhe“ propagiert werde, man „andererseits aber in der Praxis an neokolonialen Wirtschaftsabkommen und -strukturen nichts ändern“ wolle. Primär gehe es immer noch um Rohstoffzugang. An industrieller Wertschöpfung in den Entwicklungsländern sei man nicht interessiert.
Der von den westlichen Industrieländern dominierte Internationale Währungsfonds (IWF) gebe Geld nur bei marktliberalen Reformen, die der Autor für wachstumsfeindlich hält. Kaczmarczyk: „Wir glauben, eine besonders gutmütige Rolle in der Welt zu spielen, doch der Rest der Welt sieht uns anders. Das führt zu Missverständnissen und Kränkung, wenn uns plötzlich nicht mehr überall der rote Teppich ausgerollt wird.“
Für den Autor kommt es darauf an, „einen vollständigen Bruch der sich auflösenden Ordnung zu verhindern“. Er sieht überall „reaktionär-konservative, (neo-)liberale und rechte Kräfte im Aufwind“, die mit Demagogie und falschen Rezepten die Risse in der Weltordnung vertiefen würden. Hier wird es sehr ideologisch, denn vielfach geht es in der globalen Wirtschaftspolitik einfach um knallharte Interessen- und Geopolitik.
Das Buch ist ein Wiederaufguss linker Utopien
Nach Ansicht Kaczmarczyks muss der Westen fairer mit dem Globalen Süden umgehen und unberechtigte Vorrechte schleifen. Andernfalls schaffe man „tiefes Leid, anhaltende Armut und irreparable Klimaschäden“. Als Pfeiler für eine „neue Weltordnung“ zugunsten des Globalen Südens schlägt der Autor eine Salve aus dem klassischen linken Maßnahmenkatalog vor: Schuldenschnitt, mehr Entwicklungshilfe, globale Finanzaufsicht, Beendigung der „wachstumsfeindlichen“ IWF-Bedingungen, Schutz für Schlüsselindustrien, Zwang zu „fairen“ Löhnen, Technologietransfers. Einiges mag hier sinnvoll sein wie der Schutz der heimischen Wirtschaft ärmerer Staaten.

Anderes ist daneben, wie das geforderte Ende markwirtschaftlicher Bedingungen für IWF-Kredite, denn diese basieren letztlich auf Steuern der Bürger der Geberländer. Was im Buch fehlt, ist eine tiefere Reflexion darüber, warum einst bitterarme asiatische Länder wie China, Südkorea, Taiwan, Vietnam oder Singapur solch starke Volkswirtschaften hervorgebracht haben und etwa Afrika nicht. War das nur geschickte Politik oder hat das Ganze auch mit Prägungen wie Arbeitsfleiß, Leistungsbereitschaft oder Kulturtechniken zu tun?
In seinem Furor für mehr globale Gerechtigkeit verlangt Kaczmarczyk viel Selbstentäußerung der wohlhabenden westlichen Länder. Das Buch vermittelt lehrreiche Einsichten in die globalen Schieflagen und die Nöte ärmerer Länder. Es ist aber auch ein Wiederaufguss alter linker Utopien.





