Für Ferdinand Knauß ist dieser Mittwochabend in der Bibliothek des Konservatismus kein leichter. Als er sein neues Buch „Der gelähmte Westen“ bewirbt, folgt ein Debattenbeitrag dem anderen. Der Cicero-Redakteur und eingefleischte Liberale wird von gut 50 Zuschauern konfrontiert. Eigentlich wollte er nur das Entsetzen der deutschen Presse über den US-Präsident Donald Trump und seinen Vize JD Vance in ein paar Zeilen auf die Schippe nehmen. Daraus wurde eine ganze „Chronik einer Selbstaufgabe“, die bis in die Zeit der 68er-Bewegung reicht.
„Also, ich bin kein Trump-Anhänger – aber am Niedergang des Westens ist er nun wirklich nicht schuld“, so Knauß’ Resümee. Schon das Scheitern der USA und ihrer Alliierten im Afghanistan-Krieg sei ein Zeichen dafür gewesen, dass der Westen „nichts Dauerhaftes mehr zu schaffen“ vermöge. Längst gelte er für weite Teile der Welt nicht mehr als Vorbild, sondern als „billiger Versorger und Obdachgewährer“. Nicht ganz selbstverschuldet, wie der Journalist anmerkt. „Zur Wahrheit gehört, dass ein großer Teil der Bürger, vor allem in Deutschland, die passive Politik der Selbstentäußerung als eine moralisch unumstößliche Pflicht verstand.“
Eine Entwicklung, deren Wurzeln Knauß unmittelbar im Nachgang des Zweiten Weltkriegs sieht. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen steht vor allem eine „Bruchlinie“ zwischen zwei Generationen. „Wer 1945 überlebt hatte, wollte einfach ein normales Leben in einem funktionierenden Land.“ Die Nachfolger hingegen wollten „mangels konkreter Sorgen oft die Welt retten“.

„Die Hülle ist geblieben, der Inhalt nicht“
Stellvertretend für letztere Generation stehe der Grüne Joschka Fischer, dessen politische Karriere während der Studentenrevolte 1968 begann. „Heute spricht er gerne über die alte Bundesrepublik, Adenauer und die Westbindung als Fundament dieser Republik, als ob er selbstverständlich in dieser Tradition stünde“, moniert Knauß. Dabei habe der „Zusammenhalt des Westens“ für ihn und seine Kampfgefährten eine mitnichten positive Rolle gespielt.
Knauß erinnert an Fischers späteren Planungsstab-Mitarbeiter im Auswärtigen Amt, Joscha Schmierer. 1978 hatte er eine „Solidaritätsreise“ mit seinen Genossen vom Kommunistischen Bund Westberlin nach Pol Pots Kambodscha veranstaltet. „Sie merkten vermutlich mit zunehmender Reife, dass es sich als höherer Beamter im zuvor verdammten Westen wohl doch besser leben ließ als in der permanenten Revolution“, so die spöttische Anmerkung dazu.
Am Ende hätten sie aber den Westen übernommen und „entwestlicht“. „Sie haben dem Westen die DNA ausgetauscht: Die Hülle ist geblieben, aber der Inhalt ist nicht mehr der gleiche.“ Dabei hätten sie ein Demokratieverständnis durchgesetzt, das nicht der „pluralen Tradition“ entspreche, sondern dem „volonté générale“ nach Jean-Jacques Rousseau – einem Allgemeinwillen, der unbedingt durchgesetzt werden müsse.
„Konservatismus ist unabdingbar zum Erhalt des Westens“
Doch wie konnte das passieren – und was macht „den Westen“ überhaupt aus? Hier zieht der ausgebildete Historiker eine lange Traditionslinie. Sie reiche von den jüdischen, griechischen und römischen Zivilisationen über das christliche Europa, die Aufklärung, die Revolutionen in Amerika und Frankreich bis hin zur Überwindung des Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Das Endergebnis sei eine offene Gesellschaft gewesen, die laut dem Historiker Joachim Fest „keinen Glaubenssatz und keine vorgeblichen Richtigkeiten“ zulasse.
„Und was den Westen einst stärker, reicher und freier als andere Weltregionen gemacht hat, war eine kulturell verankerte Neigung zur individuellen und kollektiven Selbstkritik“, betont Knauß. Diese „einmalige“ Neigung sei allerdings in den vergangenen Jahrzehnten pervertiert worden, zum Nutzen der 68er.
Mitschuld an der Entwicklung gibt Knauß dem Versagen der nicht-linken politischen Kräfte. Sowohl Liberale als auch Konservative hätten es nach dem Ende des Kalten Krieges versäumt, sich „intellektuell und realpolitisch“ zu erneuern. Dabei sei ein „gewisses Maß“ an Konservatismus unabdingbar zum Erhalt des Westens und ein Gegengewicht gegen die „stets zum Totalitären neigenden“ linken Versprechungen. „Liberalismus und Konservatismus gehören für mich im 21. Jahrhundert zusammen.“
„Für mich sind ‘Abendland’ und ‘Westen’ das Gleiche“
Wie viel Konservatismus darf es aber sein? Auf die Frage, ob Knauß im Zweifel auch Traditionen bewahren würde, die Freiheit einschränken, fällt seine Antwort eindeutig aus: „Ich persönlich würde im Zweifel immer für die Freiheit votieren.“ Ohnehin sei die europäische und westliche Geistesgeschichte ein „Reservoir von Grundlagen“ für eine freiheitliche Gesellschaft.
Eine Zuschauerin hakt nach, wie er die Rolle der Kirchen sehe, die „nicht gerade Horte der Freiheit“ gewesen seien. „Unterm Strich sehe ich die christlichen Kirchen als ganz wichtiges Fundament des Abendlandes – und letztlich auch nicht als eine Kraft, die immer und unbedingt der Freiheit im Wege stand. Erst recht nicht, seit es die Reformation gab.“

Immer wieder fällt der Name von Jürgen Habermas. Laut einem Publikumsgast habe der jüngst verstorbene Philosoph für sich reklamiert, „den Westen“ zu repräsentieren. „Ich glaube, dieser Anspruch beruht vor allem darauf, dass er Schluss mit der deutschen Philosophietradition machen wollte“, schätzt Knauß ein. Verbunden auch damit, dass der Denker der Frankfurter Schule eine „Abneigung gegen alles, was deutsch und nationalgeschichtlich“ gewesen sei, gehegt habe. Zugleich gibt der Journalist zu bedenken: „Ich bin alles andere als ein Habermas-Spezialist.“
Schließlich fragt ein Mann in der vorderen Reihe, ob der Westen überhaupt mit Deutschland vereinbar sei. Dabei ruft er Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ und den innerrechten Streit um die Folgen der Westbindung in Erinnerung. „Das, was ich unter ‘Westen’ verstehe, ist eigentlich das Gleiche, was man Abendland nennt. Für mich ist Deutschland ein Teil des Abendlandes und des Westens“, so die eindeutige Antwort.





