„Meine Herren, ich ergebe mich Ihnen ganz förmlich – mein Gepäck ist im Auto.“ Mit diesen Worten stellt sich Hermann Göring, soeben seiner motorisierten Reichsmarschallskutsche entstiegen, den Streitkräften der Alliierten, die ihm den Fluchtweg versperren. Wir schreiben den 8. Mai 1945. Deutschland liegt in Trümmern, der Krieg ist vorbei und der Führer tot.
Der Film „Nürnberg“ schildert nun Motivation, Vorbereitung und Durchführung des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses gegen den zweitmächtigsten Mann des NS-Staates und 23 weitere Hauptverantwortliche der Verbrechen gegen Frieden und Menschlichkeit (Lesen Sie hier ein JF-Geschichtsstück zum Thema), die vor dem eigens zu diesem Zweck eingerichteten Internationalen Militärgerichtshof ab dem 18. Oktober 1945 verhandelt wurden.
„Nürnberg“ kann indes nur wenigen der Angeklagten klarere Konturen verleihen. Neben Hermann Göring sind das der Chef der Deutschen Arbeitsfront Robert Ley (Tom Keune), Hitlers Nachfolger Karl Dönitz (Peter Jordan), Julius Streicher (Dieter Riesle), Herausgeber des Propagandablattes Der Stürmer, sowie der aus britischer Kriegsgefangenschaft an das Nürnberger Tribunal überstellte Rudolf Heß (Andreas Pietschmann), dessen kuriose Englandmission der Film mit einem kleinen Exkurs, einem Kurzfilm im Film, würdigt.
Die schillerndste Figur ist der Psychiater
Es sind zwei Protagonisten und ein Antagonist, die die Handlung tragen. Der Antagonist ist, selbstverständlich, Hermann Göring, gespielt, obwohl der nun wirklich keine Ähnlichkeit mit dem berüchtigten Morphinisten hat, von dem Australier Russell Crowe. Die Protagonisten sind der amerikanische Chefankläger Robert H. Jackson (Michael Shannon) und der Militärarzt Douglas M. Kelley, spezialisiert in Psychiatrie.
Jackson ist das Gehirn des Mega-Verfahrens. Den Anfang von „Nürnberg“ bestimmen seine Mission und sein Kampf dafür, durch einen aufsehenerregenden Prozess der Weltöffentlichkeit die Verbrechen der NS-Mafia zur Kenntnis zu bringen, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen und auf diesem Wege zugleich neue Maßstäbe zu setzen für das Zusammenleben der Völker, damit sich Vergleichbares nie wiederholt. Die vielschichtigste und schillerndste Figur des Dreiecks ist jedoch der ambitionierte Psychiater Kelley, dargestellt von Rami Malek, der für seine Verkörperung von Queen-Frontmann Freddie Mercury in „Bohemian Rhapsody“ 2019 einen Oscar gewann und auch diesmal glänzt.

Kelley weiß, als er im Zug die Bekanntschaft einer forschen Journalistin macht, noch nicht, wohin die Reise geht, und staunt nicht schlecht, als man ihm eröffnet, er sei für die psychiatrische Betreuung von Hermann Göring abkommandiert. Es liege ja nahe, erklärt ihm Jackson, dass angesichts der Größe der Verbrechen der führenden NS-Straftäter ein auch psychiatrisch diagnostizierbarer Größenwahn nicht ganz auszuschließen ist, und niemand möchte schließlich Patienten hinrichten lassen.
„Nürnberg“ ist frei von Avantgarde-Ansprüchen
Die unerwartete Aufgabe schlägt Kelley rasch in ihren Bann. Mit einem zu seiner Begleitung abkommandierten Assistenten stürzt er sich in die gewaltige Aufgabe und sieht sich rasch zu Höherem berufen: Er möchte das Böse definieren und der Frage auf den Grund gehen, ob das deutsche Volk sich durch eine Prädestination zum Bösen von anderen unterscheidet, eine Frage, auf die er am Ende auch eine klare Antwort gibt, die man als Moral des Films auffassen könnte und die Anhängern der Tätervolk-These von Daniel Goldhagen vermutlich nicht gefallen wird.
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Als er herausfindet, dass die vertraulichen Gespräche zwischen ihm und Hermann Göring auch dazu dienen sollen, diesen als Verbrecher zu entlarven, kommt es zum Konflikt zwischen Kelley und Johnson. Ein Arzt, argumentiert der Psychiater, sei nicht dazu da, seinen Patienten eine Falle zu stellen.
Nachdem sich das internationale Kino mit dem NS-Verbrecher-Abgesang „Das Verschwinden des Josef Mengele“ (JF 44/25) und dem preisgekrönten Auschwitz-Drama „The Zone of Interest“ (JF 9/24) mit zwei eher avantgardistisch-spröden Essay-Filmen dem Grauen des Hitlerismus näherte, kommt mit „Nürnberg“ jetzt ein Streifen in die Kinos, der mit seiner konventionellen Machart, der musikalisch unterstützten Theatralik und den um den historischen Kern herumkomponierten hollywoodtauglichen Konflikten, die auch ein breites Publikum bei Laune halten können, frei von Avantgarde-Ansprüchen ist.
Göring wird als kumpelhaftes Dickfell gezeichnet
Er ist allerdings auch alles andere als ein Neuaufguss des legendären Gerichtsfilms „Urteil von Nürnberg“ (1961), der Maximilian Schell zu Oscar-Ehren und Starruhm verhalf. Seinen unorthodoxen Blickwinkel verdankt er dem Buch „Der Nazi und der Psychiater“ (auf deutsch erschienen 2014) von Jack El-Hai, der an „Nürnberg“ auch als ausführender Produzent beteiligt war.
Das Buch, das dem Film als Vorlage diente, ist keine Fiktion und Douglas Kelley so real wie die Kriegsverbrecher, die 1945 auf der Anklagebank saßen. Vor allem die von der schweren Schuld des ehemaligen Reichsluftfahrtministers überschattete Beziehung zwischen Göring und Kelley ist es denn auch, die den Film dominiert, während der von Michael Shannon („Zeiten des Aufruhrs“) verkörperte Jackson nach und nach aus dem Blickfeld gerät. Diese Akzentverschiebung schadet „Nürnberg“ aber nicht. Auch dass er eine ganze Reihe von Figuren aufbietet, die alle ihre kleine Rolle im Gesamtkunstwerk spielen, trägt dazu bei, dass sich die zweieinhalb Stunden Spieldauer nie lang anfühlen und das Interesse des Publikums trotz einiger langer Dialogpassagen nicht erlahmt.
Skriptautor und Regisseur James Vanderbilt wagt dabei einiges: Göring wird als kumpelhaftes Dickfell gezeichnet, das seine führende Rolle im NS-System hinter einer Fassade der Jovialität zu verbergen und so das Vertrauen seines Betreuers zu erschleichen sucht. Das wird dem Film vermutlich Vorwürfe einbringen, wie sie seinerzeit schon Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ (2004) mit Bruno Ganz als zerbrechendem Hitler trafen.
Besonders für jüngere Semester lohnt der Film
Als es dem NS-Kriegsverbrecher sogar gelingt, seinen Psychiater zum Kontaktmann zwischen ihm und seiner Familie zu machen, menschelt es doch sehr. Kelley sucht Görings Ehefrau Emmy (Lotte Verbeek) auf und freundet sich mit seiner Tochter Edda an, die ihren Vater nach wie vor anhimmelt. Briefe gehen hin und her, und es scheint lange Zeit so, als würde der Psycho-Doc dem Reichsmarschall a. D. auf den Leim gehen. Dann beginnt endlich der Prozess.
Das einmontierte Archivmaterial, der Exkurs zur absonderlichen Mission des Rudolf Heß und vieles, das durchschnittlich Gebildeten hinlänglich bekannt ist, erwecken den Eindruck, dass Vanderbilt hier auch einen Film für die Generation Z machen wollte, für diejenigen, die bei der Beschäftigung mit der NS-Zeit in Merkel-Jargon „Neuland“ betreten. Reifere Semester werden sich darum beim Anschauen des Vergangenheitsbewältigungsdramas zuweilen verwundert die Augen reiben, dass es so viel Zeit für Allgemeinplätze verwendet. Nach den jüngsten antisemitischen Aufmärschen hierzulande und Enthüllungen zum tendenziösen Israel-Bild, das ausgerechnet Berliner Schulbücher vermitteln, erscheint dieser pädagogische Ansatz allerdings als höchst angemessen.
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Kinostart von „Nürnberg“ ist am 7. Mai 2026.






