In Spanien wurde in dieser Woche ein Vergewaltigungsopfer vom Staat getötet. Der jungen Frau voller Schmerz und Verzweiflung wurde nicht Liebe oder Gerechtigkeit, sondern der Tod angeboten. Die Antwort der Regierung auf ihre Qualen war nicht, sie sorgend in den Arm zu nehmen, sondern ihr tödliche Medikamente zu verabreichen, damit sie stirbt. Was wie aus einem dystopischen Roman klingt, ist Realität in einem Euthanasieregime, das sich in vielen Staaten durchgesetzt hat.
Die junge Frau hieß Noelia Castillo. Sie war 25 Jahre alt. Ihr Leben war hart. Einen Großteil ihrer Kindheit verbrachte sie in Heimen. Zweimal war sie sexuellen Übergriffen von Männern ausgesetzt, wie sie erzählte – zuerst war es ein Ex-Freund, dann waren es drei junge Männer. Das war 2022. Diese zweite Attacke katapultierte sie in einen mentalen Ausnahmezustand. Ende 2022 versuchte sie sich umzubringen, sprang aus dem fünften Stock. Der Selbstmordversuch ließ sie gelähmt zurück.
Castillos Vater kämpfte verzweifelt gegen das „Recht zu sterben“
Jetzt ist sie tot. Ihren letzten Atemzug tat sie von ihren Liebsten umgeben in Barcelona – ein Akt, den man nur als Tötung von Staats wegen beschreiben kann.
Das „Recht zu sterben“ hat sie 2021 durch das in Spanien geltende Euthanasiegesetz erhalten. Seinen tödlichen Segen für ihr körperliches Dahinscheiden hat der Staat bereits 2024 erteilt. Das Prozedere wurde in letzter Minute von ihrem Vater aufgehalten, der gegen ihren Freitod geklagt hatte. Für ihn schränkte das seelische Leiden seiner Tochter ihre Urteilsfähigkeit in so schwerwiegenden Fragen wie dem eigenen Tod ein. Er kämpfte hart, um seine Tochter zu retten. Doch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied gegen ihn und beharrte auf dem Recht des spanischen Staates, Noela dabei zu helfen, ihr Leben zu zerstören.
Selbst Kafka hätte einen solchen Horror nicht heraufbeschwören können
Es fällt schwer, sich ein noch schrecklicheres Szenario vorzustellen als dieses: Ein Vater, der sich ein Kräftemessen mit irgendwelchen Bürokraten um seine eigene Tochter liefern muss – selbst Kafkas Geist hätte einen solchen Horror nicht heraufbeschwören können. Jedem sollte bei der gottlosen Erscheinung der EuGH-Richter mit ihren schwarzen Roben ein kalter Schauer über den Rücken laufen, haben sie doch die Bitte eines Vaters um das Leben seiner Tochter mit einem einfachen Handstreich ausgeschlagen. Wie im Mittelalter. Ein Urteil, das ganz Europa beschämt.
Das tragische Leben und Sterben der Noelia Castillo stellt den ganzen Wahn amtlich geförderter Sterbehilfe zur Schau. Das angebliche „Geschenk“ des Todes für jene in Leid und Not ist in Wahrheit ein geradezu grotesker Verrat der Werte zivilisierter Gesellschaften. Das moderne Europa redet von nichts anderem als der Wichtigkeit, Menschen mit schlechter seelischer Gesundheit zu helfen – trotzdem wurde dieses verzweifelte Mädchen dem Tod überlassen. Wir leben im Zeitalter von „MeToo“ – und doch hat die Frau, die sexuellen Missbrauch erlebt hat, nicht unsere Solidarität, sondern Vernichtung erfahren. Unter der Herrschaft der Sterbehilfe opfern wir unsere Pflichten als Menschen auf dem Altar des „barmherzigen Todes“.
Der Fall Castillo ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel
Manche werden sagen, der Fall Castillo sei eine Ausnahme in der Welt des assistierten Suizids. Tatsächlich aber stimmte er bestens mit der Logik des Todes zusammen, auf der die Selbstmordindustrie beruht. Spaniens Sterbehilfe ist beängstigend weit gefasst. Es erlaubt den staatlich unterstützten Freitod für alle, die mit einem „ernsthaften, dauerhaften und beeinträchtigendem Leiden“ zu kämpfen haben, das „konstantes und unerträgliches physisches und psychisches Leid verursacht, dem man keine Linderung verschaffen kann“.
Das geht weit über den „Gnadentod“ für Menschen in ihren letzten Lebensmonaten hinaus, als was uns der assistierte Suizid immer verkauft wurde. Ein „dauerhaftes Leiden“, das „mentale Beeinträchtigungen“ verursacht, kann alles Mögliche – von einer Depression bis zur Magersucht – beinhalten. Unterstützer eines Gesetzes zum assistierten Suizid in Großbritannien, das sich derzeit seinen Weg durchs Parlament bahnt, werden einwenden, dass im Königreich mehr Sicherheitsvorkehrungen herrschen als in Spanien. Dass z.B. nur sehr kranke Menschen Sterbehilfe erhalten sollen, für die eine Prognose von sechs Monaten oder weniger gelte.
Wieviel ist ein Leben wert?
Das Problem daran ist, dass, sobald es in Gesetzesform gegossen ist, dass manches Leben so wenig lebenswert ist, dass der Staat mit Gift dabei hilft, es zu beenden, die Tür weit offen steht, den Tod als Lösung für alle möglichen menschlichen Konflikte anzusehen. Die Idee der Wertlosigkeit des Lebens, ein Leben so schrecklich, dass der Staat es zerstören hilft, ist schon das ganze Wesen der Entmenschlichung. Sie sagt den Kranken, dass sie vielleicht besser dran wären, wenn sie tot wären, und reizt die Geplagten an, endlich den finalen Ausweg zu wählen, von dem sie träumen. Sie entmutigt all jene, die noch leben möchten, und stiftet all jene an, die sterben wollen. Unmenschlichkeit, als Gnade verkleidet.
Das ist der Punkt: Es spielt keine Rolle, ob eine Nation ein laxes Euthanasiesystem vorweist wie in Spanien oder Kanada oder ein striktes wie Großbritannien es bald haben wird. Jedes Regime assistierten Suizids steht für einen radikalen Bedeutungswandel des Staates.
Eine Kultur des Todes sucht Europa heim
Der Staat ist dann nämlich nicht länger dazu verpflichtet, das Leben seiner Bürger zu schützen – in manchen Fällen wird er vielmehr dabei helfen, es zu zerstören. Das Gesundheitssystem wird beizeiten zu einem Todessystem, das neben der Pflege auch Gift austeilt. Richter werden nicht mehr allein über Schuld und Unschuld, sondern über Leben und Tod urteilen. Die Logik der Euthanasie besteht darin, den Staat von der Bewahrung des Lebens weg zur Abwägung seines Wertes zu lenken – um anschließend entscheiden zu können, ob es vernichtet wird oder nicht.
Das ändert alles. Ich will es so ausdrücken: Was hätten Sie getan, wenn Sie Noelia Castillo auf einer Brücke begegnet wären, wie sie damit droht, herunterzuspringen? Ich denke, Sie hätten wohl alles in Ihrer Macht Stehende getan, um sie zu retten. Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie leben in einem Land, in dem der Staat einen Menschen verzweifelt auf einer Brücke stehen sieht – und ihn manchmal selbst da herunterschubst. Eine Kultur des Todes sucht Europa heim.
Übersetzung von Florian Werner
Brendan O’Neill ist ein britischer Autor und Kommentator, der für zahlreiche Publikationen wie Spiked, Spectator, New York Post und National Post schreibt. Sein Kommentar erschien zuerst im britischen Magazin The Spectator.





