Damals warben sie noch geeint für "Die Partei": Die Europaparlamentarier Martin Sonneborn (l.) und Nico Semsrott (r.) (Archivbild) Foto: picture alliance/dpa | Wolfgang Kumm
Damals warben sie noch geeint für „Die Partei“: Die Europaparlamentarier Martin Sonneborn (l.) und Nico Semsrott (r.) (Archivbild) Foto: picture alliance/dpa | Wolfgang Kumm

Spaßprojekt „Die Partei“
 

Sitzfleisch schlägt Moral

Wenn Satiriker betonen, eine „humorlose Erklärung“ abzugeben, muß die Lage ernst sein. Mit einer ebensolchen Stellungnahme wandte sich der EU-Parlamentarier Nico Semsrott am Mittwoch an die Öffentlichkeit und erklärte seinen Austritt aus dem Spaßprojekt „Die Partei“.

Für das Team des ehemaligen Titanic-Chefredakteurs Martin Sonneborn war Semsrott 2019 ins EU-Parlament eingezogen. Doch nun ist der Spaß vorbei. In einer Stellungnahme gab der Politiker an, sein ehemaliger Parteichef sei kritikunfähig und könne nicht verstehen, daß seine jüngsten Witzversuche Menschen rassistisch beleidigt hätten.

Was den Anhängern der stets um Provokation und Humor bemühten „Partei“ sauer aufgestoßen war, war ein T-Shirt, das Sonneborn vergangene Woche zur Schau gestellt hatte. In Kalauer-Manier veräppelte er den vermeintlichen chinesischen Akzent und kommentierte den Sturm auf das US-Kapitol durch Trump-Anhänger mit den Worten: „Au Wiedelsehern, Amlerika! Abem Sie Guter Frlug runtel! Printed in China für Die Paltei“. Der Shitstorm der eigenen Gefolgschaft ließ in den sozialen Medien natürlich nicht lange auf sich warten.

Sonneborn beugt sich der Rassismuskeule

Die Empörung der „Partei“-Basis und Fans ließ der Zampano Sonneborn an sich abprallen mit dem Argument, zu dem verkannte Genies gern greifen: Die Leute verstehen meine Kunst nicht. Das wiederholte er auch noch in seiner Reaktion auf den Parteiaustritt seines ehemaligen Mitstreiters Semsrott.

Allerdings weiß auch Sonneborn, daß die Rassismuskeule vor allem in linken Kreise ihre Wirkung nicht verloren hat. So folgte am Mittwoch abend noch die pflichtschuldige Klarstellung: „Wenn ein Witz aber zu rassistischer Verletzung führt, statt Reflexionsanstöße zu geben oder zumindest ein befreiendes Lachen nach sich zu ziehen, dann ist es ein mißlungener Witz. Es tut mir leid, daß Menschen durch die Reproduktion dieser Stereotype verletzt wurden.“

Ob das Semsrott besänftigt, der zuvor bereits beklagt habe, daß Sonneborn „falsch und inakzeptabel“ auf Kritik reagiere? Von der hohen Warte der Moral verkündete er jedenfalls, „nicht weiter mein Gesicht hergeben“ zu wollen. Klingt konsequent. Doch an ihren Taten sollt ihr sie messen.

Ausharren lohnt sich

Denn ganz so schnell will der Kabarettist Semsrott dem EU-Parlament nicht den Rücken kehren. „Das schreckliche Mandat im EU-Parlament werde ich als Partei-Loser bis zum bitteren Ende ausführen. Ich könnte das Leid nicht verantworten, das ein*e Nachrücker*in statt meiner ertragen müßte.“

Was witzig klingen soll, hat für Semsrott nämlich den netten Nebeneffekt, daß er als Abgeordneter weiter monatlich seine Dienstbezüge in Höhe von 8.932,86 Euro Brutto bekommt. Da die nächsten Wahlen erst im Frühjahr 2024 anstehen, bedeutet das bis Ende 2023 immerhin ein Schmerzensgeld von mindestens 321.582,96 Euro. Dazu kommen noch Tagegelder, Reisekostenerstattungen und die Allgemeine Kostenvergütung. Die finanziellen Aussichten für die kommenden Jahre könnten schlimmer sein. Da läßt sich das garstige Schicksal leichter ertragen.

Außerdem erkämpft sich Semsrott mit jedem Mandatsjahr Anspruch auf einen weiteren Monat Übergangsgeld in Höhe der Dienstbezüge nach dem Ausscheiden aus dem Parlament. So kann sich der Satiriker bis zum nächsten Urnengang nochmal über 20.000 Euro sichern. Sitzfleisch macht sich bezahlt, ganz humorlos versteht sich.

Damals warben sie noch geeint für „Die Partei“: Die Europaparlamentarier Martin Sonneborn (l.) und Nico Semsrott (r.) (Archivbild) Foto: picture alliance/dpa | Wolfgang Kumm
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