Seit einiger Zeit lässt sich ein gesteigertes mediales Interesse an angeblichen christlichen „Fundamentalisten“ und deren vermeintlichen Beziehungen zum Rechtsextremismus beobachten. So strahlten die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF zuletzt in auffälliger Häufung Dokumentationen aus, in denen konservative Christen schlecht wegkamen.
Jetzt hat das Thema auch den Bundestag erreicht: Ende Mai hat die grüne Bundestagsfraktion bei der Bundesregierung eine Kleine Anfrage eingereicht, die so klein gar nicht ist: 27 Fragen formulieren die grüne Innenpolitikerin Marlene Schönberger und ihre Kollegen darin. Titel: „Mögliche Verbindungen zwischen christlichem Fundamentalismus und Rechtsextremismus in Deutschland“.
Dabei beziehen sich die Grünen ausdrücklich auf diverse Medienberichte, welche zeigten, „dass vereinzelte, in Publikationen teilweise als christlich-fundamentalistisch bezeichnete Gruppierungen, Einzelpersonen, Netzwerke und Online-Akteurinnen und -Akteure mit großer Reichweite unter Bezugnahme auf das Christentum rechtskonservative bis rechtsextreme, queerfeindliche, antifeministische, rassistische, antisemitische und demokratiefeindliche Positionen verbreiten“.
Anfrage nennt konkrete Namen
Die Anfrage benennt verschiedene Personen, wirft dabei allerdings sehr Unterschiedliches in einen Topf. So wird etwa auf eine vom Verfassungsschutz beobachtete Sekte aus Pforzheim Bezug genommen, die unter anderem dadurch aufgefallen ist, dass sie für die Tötung eines dezidiert konservativen freikirchlichen Pastor betete.

Im selben Atemzug rekurrieren die Grünen dann auf zahlreiche bekannte Gesichter der normalen konservativ-freikirchlichen Szene in Deutschland. Dazu gehört etwa Leonard Jäger, besser bekannt als „Ketzer der Neuzeit“. Der YouTuber startete seinen Kanal einst mit politischen Videos, ließ sich aber 2024 taufen und redet heute viel über Glaubensthemen. So sprach er 2025 bei einem AfD-Parteitag die Parteivorsitzende Alice Weidel auf Jesus an.
„Marsch für das Leben“ ebenfalls am Pranger
Ebenfalls erwähnt wird Tobias Riemenschneider, ein konservativ-reformierter Pastor aus Frankfurt, der sich durch YouTube-Videos einen gewissen Bekanntheitsgrad erarbeitet hat. Riemenschneider hat sich wiederholt positiv über die AfD geäußert. So erklärte er im Februar bei einem Vortrag für die „Christen in der AfD“, es gebe womöglich „Anfänge der Rückkehr des Christentums in unserem Land“, was er wiederum „nur bei der AfD“ sehe. Zu Weihnachten schrieb Riemenschneider einen Gastbeitrag für die JUNGE FREIHEIT.
Auch Jana Hochhalter (bekannt als Jana Highholder) wird von den Grünen nicht verschont. Hochhalter ist ebenfalls christliche Influencerin; sie vertritt etwa ein konservatives Rollenbild für die Frau. Mit AfD-Bezügen ist sie bisher nicht aufgefallen. Zwischen 2018 und 2020 war Hochhalter außerdem YouTube-Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
Neben den Einzelpersonen führen die Grünen verschiedene christliche Organisationen an. So beziehen sie sich etwa auf die „Alliance Defending Freedom International“ (ADF), die sich unter anderem für die Redefreiheit konservativer Christen einsetzt. Und auch der Bundesverband Lebensrecht und der von ihm veranstaltete „Marsch für das Leben“ werden erwähnt und in Zusammenhang mit Rechtsextremismus gebracht.
Grüne regen Löschung christlicher Inhalte an
Von der Bundesregierung wollen die Grünen dann wissen, welche Erkenntnisse „zu Umfang, Struktur und Gefährdungspotenzial christlich-fundamentalistischer Milieus mit Bezügen zum Extremismus in Deutschland“ vorlägen. Sie fragen zudem nach „Verbindungen zwischen christlich-fundamentalistischen Influencerinnen und Influencern (…) und rechtsextremistischen Einzelpersonen, Netzwerken oder Parteien in Deutschland sowie zur Alternative für Deutschland“.
Ferner erkunden sie, welche strafrechtlichen Ermittlungsverfahren der Bundesregierung im Zusammenhang mit christlichen „Fundamentalisten“ bekannt seien. Und sie wollen erfahren, „ob und in welchem Ausmaß Kinder und Jugendliche durch rechtsextreme Influencerinnen und Influencer über antisemitische, antifeministische oder queerfeindliche Narrative im christlich-fundamentalistischen Kontext radikalisiert werden“.
Schließlich regen die Grünen auch politische Maßnahmen an. So fragen sie die Bundesregierung etwa, was konkret sie tue, „um die konsequente Anwendung bestehender rechtlicher Instrumente zur Entfernung von Inhalten im digitalen Raum sicherzustellen, die im Kontext von christlich motiviertem politischem Extremismus stehen“.
„Ketzer der Neuzeit“: Gegenwind vielleicht notwendig
Was sagen die Betroffenen dazu? Leonard Jäger reagierte am Dienstag selbstbewusst: „Vor einigen Jahren war man als gläubiger Christ einfach nur ein langweiliger Christ. Heute reicht es schon, an biblischen Werten festzuhalten, um von den Grünen in die Nähe von Extremismus gerückt zu werden“, sagte er der JUNGEN FREIHEIT. „Nicht das Christentum hat sich verändert, sondern der Meinungskorridor in Deutschland.“
Die Anfrage zeige „sehr deutlich den Zensurreflex einer Partei, die christlich-konservative Positionen nicht argumentativ bekämpfen, sondern moralisch delegitimieren möchte“, ist sich Jäger sicher. Ihn schrecke das allerdings nicht ab: „Im Gegenteil: Vielleicht ist dieser Gegenwind sogar notwendig, weil viele Christen im Westen bequem, leise und angepasst geworden sind.“
„Mit der Gewalt des Staates gegen Christen“
Tobias Riemenschneider unterstrich auf JF-Anfrage, die Grünen sähen offenbar die Notwendigkeit, „mit der Gewalt des Staates gegen bibelgläubige Christen und ihre Glaubensüberzeugungen vorzugehen“, da bestimmte Aussagen der Heiligen Schrift „insbesondere zum Lebensschutz und zur Sexualität, mit der links-woken Ideologie der Grünen in Konflikt stehen“. Riemenschneider wertet die Anfrage „als Versuch, historisch christliche Glaubensüberzeugungen zu stigmatisieren und zu kriminalisieren“. Das sei „Ausdruck totalitärer Tendenzen“.
Alexandra Linder, Vorsitzende des Bundesverbands Lebensrecht, betont derweil, dass es sich um einen weiteren Versuch handle, „konstruierte Verbindungen zu belegen und den positiven Einfluss von Lebensrechtlern und Christen auf Politik und Gesellschaft zu unterminieren“. Dies erlebe man medial „seit etwa zwei Jahren“, sagte sie der JF.
Wann genau die Auskunft der Bundesregierung zur Anfrage der Grünen vorliegt, ist noch nicht klar. Die Regierung muss Kleine Anfragen aber in der Regel innerhalb von zwei Wochen nach Eingang beantworten. Allzu lange dürften die Antworten also nicht mehr auf sich warten lassen.







