Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: Lebt das, was er vorgibt nicht zu sein
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: Lebt das, was er vorgibt nicht zu sein Foto: picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka

150 Jahre Reichsgründung
 

Steinmeiers einseitige Geschichtsstunde

„Einen ungetrübten Blick auf das Kaiserreich vorbei am Völkermord, an zwei Weltkriegen und einer von ihren Feinden zerstörten Republik, gibt es nicht. Es kann ihn nicht geben“, sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einer Gesprächsrunde mit Historikern zum 150. Jahrestages der Reichsgründung. „Wir Deutschen stehen dem Kaiserreich heute so beziehungslos gegenüber, wie den Denkmalen und Statuen aus dieser Epoche. Es scheint eine stumm gewordene Kulisse zu sein, die den meisten nichts mehr sagt.“

Das sind bedeutende Worte. Geschichte hat demnach nur Relevanz, wenn sie dem Zeitgeist entgegenkommt. Steinmeier sagt richtigerweise, daß es keinen ungetrübten Blick geben kann. Manche historische Sicht wird jedoch vor allem von ideologisch Annahmen getrübt, wo historische Unaufgeregtheit nötig wäre. Der Bundespräsident mahnt in seiner Rede selbst an, die Dinge nicht nur vom Ende aus zu betrachten – und tut es doch fast durchgängig.

Es ist nicht ohne Ironie, wenn das Oberhaupt eines föderalen Staates, dessen sozialpolitische Vorstellungen allesamt aus dem späten 19. Jahrhundert stammen, in der preußischen Hauptstadt sitzt und das Preußenreich zur Antithese stilisiert, aus der man lernt, aber dann doch nur im Hinblick auf die negativen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Dabei ist sogar die Parteigeschichte der Sozialdemokraten, die sich in vielen Facetten von anderen sozialistischen Parteien in Europa abhebt, ohne das Zweite Reich in dieser Form undenkbar.

Ein typischer Versuch, das Reich von 1871 neudeutsch zu „framen“

Selbst die Betonung einer besonderen Rolle in Europa, eines besonderen Systems, das anderen überlegen sei, sowie eines gegensätzlichen Verhältnisses zur Vergangenheit ist gesinnungstechnisch in einer Traditionslinie mit der moralischen Überlegenheit des Reiches von 1871 zu sehen. Steinmeier lebt das, was er vorgibt, nicht zu sein.

Die Würdigung, daß das Kaiserreich so vielen Menschen wie nie zuvor auf deutschem Boden Partizipation gewährte, wird von Steinmeier moralisch diskreditiert, da das Wahlrecht allein Bismarcks Machttaktiken zu verdanken sei. Daß die mittlerweile verruchte schwarz-weiß-rote Fahne jene war, mit der das Parlament eingeweiht wurde, gerät in Vergessenheit, wenn Parlament und Demokratie nur als Gegensatz zum Kaiserreich gedacht werden.

Daß es keinen „demokratischen Prozeß“ gegeben habe, ist angesichts der historischen Auffassung, daß die Umwandlung zur parlamentarischen Monarchie nur eine Frage der Zeit war, höchst kritikwürdig. Ähnlich historisch unbedacht ist Steinmeiers Äußerung, die gegenwärtige Erosion der internationalen Beziehungen rufe Gedanken an damalige Machtpolitik wach – obwohl die Zeit um 1900 stärker von internationaler Zusammenarbeit gekennzeichnet war als so manch andere Epoche.

Es ist ein typischer Versuch, das Reich von 1871 neudeutsch zu „framen“, wenn mit der Form des „im Krieg geborenen“ Nationalstaates neuerlich der militaristische Dämon gefüttert wird, obwohl damit keine genuin deutsche, sondern eine zu diesem Zeitpunkt typische europäische Erscheinung beschrieben wird: die italienische Einigung etwa erfolgte in nicht weniger als drei Kriegen (1859, 1866, 1871).

Steinmeier verirrt sich in schwarz-weißen Geschichtsspaltungen

Die Reichsgründung schwebt im losen Raum, und erscheint gerade deswegen im Steinmeierschen Sinn als nationalistisch und nicht in gesamteuropäische und überzeitige Vorgänge eingeordnet – ihr „Platz in der Geschichte“ bleibt die Vorbereitung des Dritten Reiches, ohne einen eigenen qualitativen Wert zu besitzen. Rhetorisch verweist Steinmeier auf die „Janusgesichtigkeit“ des Reiches, betont dann jedoch immer nur die eine Seite.

Es ist kein Zufall, daß der in Cambridge lehrende Historiker Christopher Clark als einziger diese Gemengelage anschnitt, und als Beobachter hatte man nicht nur hier den Eindruck, daß der Vater der „Schlafwandler“ die ideologische Debatte auch an andere Stelle mit historischen Fakten einordnen hätte können. Dabei hatte die deutsche Nachkriegsgesellschaft mit der kritischen Würdigung des Kaiserreiches durch Thomas Nipperdey eigentlich ihren Frieden gefunden, der eben jene Historiker, die Geschichte nur aus der Gegenwart bewerteten, als „Relevantiner“ bezeichnet hatte.

Von Nipperdey erhalten ist auch das Bonmot: Die Grundfarbe der Geschichte ist grau, in unendlichen Schattierungen. Steinmeier dagegen verirrt sich in schwarz-weißen Geschichtsspaltungen. Damit ist der Bundespräsident ein Vertreter genau jener manichäischen Weltansichten, die er behauptet, zu bekämpfen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: Lebt das, was er vorgibt nicht zu sein Foto: picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka
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