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Die Chefin der Grünen Jugend, Sarah-Lee Heinrich, erfährt Solidarität aus ihrem politischen Lager Foto: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld
Die Chefin der Grünen Jugend, Sarah-Lee Heinrich, erfährt Solidarität aus ihrem politischen Lager Foto: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Tweets der Grüne Jugend-Chefin
 

Nicht aufregen, lernen!

Nie zuvor war Deutschland so politisch korrekt wie heute. Nie waren die Ansprüche an die moralische Vorbildfunktion von sogenannten Personen des öffentlichen Lebens höher. Nie galten strengere Maßstäbe bei der Bewertung dessen, was man öffentlich sagen darf und was man lieber nicht einmal denken sollte.

Gegen die derzeit grassierende Hypermoral waren wohl selbst die lange als Gipfel der Spießigkeit verschrienen 1950er Jahre eine Ära der Liberalität, der Kunst-, Kultur- und Redefreiheit. Der neue Puritanismus kam im trojanischen Pferd der Progressivität daher und wurde deshalb in seinem alt-autoritären, kleingeistigen Wesen von vielen liberalen und aufgeschlossenen Zeitgenossen zu spät erkannt. Einige von ihnen wollen die Enge hinter der Stirn ihrer vermeintlich so toleranten Freunde und Kollegen bis heute nicht sehen. Schließlich glaubt man doch, mit diesen auf einer Wellenlänge zu liegen. Modern, öko, gegen Diskriminierung und vor allem: links. Also irgendwie. So vom Bauchgefühl her… und natürlich vom Herzen. Das schlägt ja schließlich auch links.

Diese politische Naivität, die man vor allem bei Künstlern und Medienschaffenden vorfindet, sorgt dafür, daß die ideologisch gefestigten und oft auch dank staatlicher Subventionen gut geschulten Linken leichtes Spiel haben beim Dominieren des öffentlichen Diskurses. Obgleich sie sich damit oft ins eigene Fleisch schneiden, fügen sich gerade jene, die man gemeinhin als Kreative bezeichnet, den neuen Leitlinien ihrer befreundeten Vordenker. So gelang es einer einst kleinen radikalen Minderheit, ihre freiheitsfeindlichen Moralmaßstäbe binnen weniger Jahre in geradezu atemberaubenden Tempo nach vorne zu peitschen.

Böhmermann füttert das Monster

Mitunter so schnell, daß es selbst den gelehrigsten Schülern oft schwerfällt, in ihrer Anpassung noch hinterherzukommen. Das mußte unter anderem der in dieser Zeit vom einst tatsächlich provokanten Komiker zum pseudoprovokativen Politaktivisten mutierte Entertainer Jan Böhmermann feststellen. Dem gerade bei der Generation „Woke“ so beliebten Moderator wurde von antitürkischem Rassismus bis hin zu verschwörungstheoretisch motivierten Antisemitismus von der eigenen Blase schon so ziemlich alles vorgeworfen, was er selbst sonst gerne anderen unterstellt. Es ist eben extrem schwierig, sarkastisch und wirklich witzig zu sein; ohne dabei jemanden vor den Kopf zu stoßen. Und das Monster, das man füttert, ist nur solange ungefährlich für einen selbst, bis es groß und stark genug ist, einen aufzufressen.

Daß einem die Verbeugung vor dem Zeitgeist schlecht bekommen kann – vor allem, wenn man die Weltsicht in der eigenen Medien-Schickeria mit dem Denken, der realen Menschen verwechselt, erfährt gerade der neue RTL-Chef Henning Tewes auf schmerzliche Weise. Im seinem Bestreben, den Sender familienfreundlicher und bunter zu machen, hat er erst einmal Dieter Bohlen vor die Tür gesetzt. Obgleich der alte, weiße Mann mit den derben Sprüchen über viele Jahre das ultimative Zugpferd des RTL-Unterhaltungsprogramms war, paßte dieser nach Meinung von Tewes nicht mehr zum netten Image, das er seinem Sender verpassen will.

Die Entscheidung ging aber gewaltig nach hinten los. Die sowieso rückläufigen Einschaltquoten des einzigen Erfolgsformats „Das Supertalent“ sind nach dem Abgang Bohlens vollends eingebrochen. So bewahrheitet sich einmal mehr der alte Grundsatz: „Nett“ – und sei es auch noch so gut gemeint – ist eben doch nur die kleine Schwester von „scheiße. So könnte und würde zumindest der „Poptitan“ Bohlen das Desaster zusammenfassen; und läge damit sehr wahrscheinlich goldrichtig.

Das Jahr der Flüchtlingskrise veränderte Twitter

Daß das Ungeheuer Namens „Political Correctness“ inzwischen selbst jenen über den Kopf gewachsen ist, die es stets mit Inbrunst gehegt und gepflegt haben, zeigt das Beispiel der Jungpolitikerin Sarah-Lee Heinrich. Nachdem diese zur neuen Bundessprecherin der Grünen Jugend gewählt wurde, machten im Netz schnell alte Tweets die Runde, die den aktuellen Maßstäben der heute 20Jährige alles andere als gerecht werden. So kommentierte die damalige Teenagerin mehrere Tweets, unter anderem einen mit einem Hakenkreuz, mit dem Wort „Heil“. Auch Begriffe wie „Fotze“ oder „Tunte“ gehörten damals offenbar noch zu ihrem normalen Sprachgebrauch.

Zudem schwadronierte Heinrich darüber, ob Juden, Asiaten und Slawen als Weiße einzustufen seien. Die Nachwuchspolitikerin hat selbst afrikanische Wurzeln. Es ist nicht davon auszugehen, daß sie jemals ernsthaft mit dem Nationalsozialismus sympathisiert hat. Zudem stammen die meisten der Tweets, die der Grünen jetzt um die Ohren geflogen sind, aus der Zeit um 2015, dem Jahr der Flüchtlingskrise, die man mit einigem Recht als die Initialzündung für die heute allgegenwärtige politischen Hypermoral und Vollendung der gesellschaftlichen Spaltung in „gute“ und „böse“ Deutsche bezeichnen kann.

Auch für Twitter war es ein Jahr der Veränderung. Das gilt vor allem für Deutschland, wo die Plattform bis dato eher ein Spielfeld zur leichten Unterhaltung der damals noch recht wenigen Nutzer war. Viele, die sich heute über die Tweets von Sarah-Lee Heinrich empören, können das freilich nicht wissen, da sie damals schlicht noch nicht dabei waren. Vor allem Nutzern aus dem konservativen Spektrum, für die die Tweets der grünen Nachwuchskraft nun ein gefundenes Fressen sind, dürfte auch weitgehend unbekannt sein, daß vieles von dem, was die Jugendliche damals auf Twitter so von sich gab, durchaus gängiges Stilmittel in zahlreichen bewußt provokanten Rap-Songs und Unterhaltungsmedien war. Auch wenn es heute schier unvorstellbar scheint, aber ja, es gab eine Zeit vor der totalen politischen Korrektheit.

Linke, heult leise!

Wie flexibel die auch heute, noch sein kann, bewiesen die Reaktionen aus der sonst so strengen und medial tonangebenden eigenen Blase der jungen Grünen. Blüht dort sonst die selbstkreierte „Cancel Culture“ in voller Pracht, verteidigten Journalisten und Gleichgesinnte die Jugendsünden ihrer politischen Freundin nun plötzlich bis aufs Blut gegen den rechten Shitstorm im Internet. Nichts war mehr zu spüren von dem erbarmungslosen Vernichtungswillen, mit dem die linksgrüne Sittenpolizei sich sonst auf akribische Spurensuche begibt, um jede ironisch gemeinte Äußerung eines Konservativen, Rechten oder Liberalen aufzuspüren, um ihn sozial zu vernichten. Wenn doch, dann nur, um die „Entgleisungen“ der jungen Sarah-Lee Heinrich zu relativieren.

„Alles daran ist auf sehr unangenehme Art normal: Es ist normal, daß Menschen menschenfeindliche Dinge twittern, es ist normal, daß Menschen beleidigt und bedroht werden. Normal im Sinne von: passiert jeden Tag. Besonders unangenehm aber ist, daß im Jahr 2021 immer noch nicht genug Leute verstehen, wie Hetzjagden von Rechten und Rechtsextremen im Internet funktionieren und wie man da nicht mitmacht“, schrieb die Autorin Margarete Stokowski in einem schwindelregenden Twist in ihrer sonst so moralinsauren Spiegel-Kolumne. Tja Mädchen, kann man der Linksfeministin da nur entgegenrufen, Ihr habt diese engen Abgrenzungsmaßstäbe für das, was für die politische Mitte demokratisch legitim ist, selbst gesetzt. Die Leute verlangen nur, daß Ihr zumindest so fair seid, sie nach allen Seiten gleich streng anzuwenden. Also heul leise!

Dennoch kann gerade die politisch rechts-konservative bis rechts-liberale Seite von der Solidarität der Linken mit Heinrich durchaus etwas lernen. Was übrigens um einiges besser wäre, als blindlings deren Empörungskult zu übernehmen und damit die Cancel Culture nur noch weiter zu legitimieren. Die politische Linke mag einen in ihrer Doppelmoral und ihrer Verlogenheit noch so sehr anwidern, eines kann man ihr zumindest nicht vorwerfen: Feigheit vor dem Feind.

Zeigt eure Solidarität

Während Stokowski und Konsorten im Zweifel für eine der ihren auch mal in die Bresche springen, ist man auf der Gegenseite immer bereit, einen Freund und Mitstreiter zu opfern, wenn man damit nur die eigene Haut irgendwie bis zum nächsten linken Opferfest retten kann. Das gilt vor allem für die letzten noch verbliebenden Konservativen und Liberalen innerhalb des Mainstreams, wo man gegenüber einem (Ex)-Kollegen, der gerade gecancelt wurde, gerne die Haltung vertritt: „Es hätte schlimmer kommen können. Es hätten meine Freunde, mein Job und mein guter Ruf sein können.“

Wenn wir zur alten Freiheit des Denkens und Schaffens zurückfinden wollen, sollten wir endlich anfangen, unsere freiheitlichen Prinzipien wirklich zu leben. Vor allem auch gegenüber unseren eigenen Leute.

Die Chefin der Grünen Jugend, Sarah-Lee Heinrich, erfährt Solidarität aus ihrem politischen Lager Foto: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld
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