Lieber Henryk, du wirst nun unwahrscheinliche 80 Jahre alt, jetzt bist du wohl endlich reif für die Rolling Stones und eine Welt-Tournee! Im Ernst: Das Pensum, das du bewältigst als Welt-Kolumnist, TV-Debattierer, Gründer der Plattform „Achse des Guten“ und Buchautor ist bewundernswert – jetzt erscheint in Neuauflage dein Klassiker „Der ewige Antisemit“, der über den Achgut-Shop zu beziehen ist.
Wir sind beide der Meinung, dass der Antisemitismus heute eher von den islamistischen Immigranten kommt, untergehakt von der Linken in Deutschland. Tatsächlich hat der berüchtigte deutsche Antisemitismus in der Linken seine bleibende Heimat gefunden. Queers for Palastine, das ist, wie du sagtest, so absurd, wie Hühnchen auf dem Weg zur Braterei. Die Islamisten als bewaffneter Arm der LGBTQ-Fraktion – ein selbstmörderischer Irrtum, wie sich beim Anschlag auf den Christopher-Street-Day in Berlin gezeigt hat.
Der linke Antisemitismus hat Tradition. Er wird jetzt Anti-Zionismus genannt. Wir dagegen sind uns einig, dass Israel jedes Recht zur Selbstverteidigung hat. Gefragt nach der größten militärischen Leistung hast du mir den Sechs-Tage-Krieg von 1967 genannt, diesen Präventiv-Schlag gegen eine übermächtige arabische Allianz. Feldherr Moshe Dayan („der Einäugige“, „der Falke Israels“), gehörte für mich zu den Helden meiner Jugend – schon wegen seiner verwegenen Augenklappe.
Du hattest eine große Flasche Mayo dabei
Ich habe dir, trotz einiger vorübergehender Probleme, für viele schöne Stunden zu danken. Wir haben gefeiert auf unseren Autorentreffen, ich konnte mich auf deiner Plattform austoben, zuletzt mit einem sehr albernen girliehaften Tagebuch, das ich mir für unsere Trampolinspringerin während des Wahlkampfes 2020/21 ausgedacht habe – wir hatten viel Spaß.
Du wusstest dich immer zur Wehr zu setzen, besser als ich. In meinem Kontrafunk-Gespräch mit dir hast du verraten, welche Arsenale du eingepackt hattest, um dich gegen Kurt Krömers rüpelnden TV-Schauprozess zur Wehr zu setzen: Ich hatte damals mein aktuelles Buch dabei, du eine große Flasche Mayo.

Du warst, wie wir alle, zunächst auf der antiautoritären Linken unterwegs, solange sie tatsächlich antiautoritär war und halbwegs intelligent. In Katowice (Kattowitz) geboren, seit 1958 in der Bundesrepublik. Zunächst Schülerzeitung, dann neben dem Studium Arbeit beim Westdeutschen Rundfunk, später mit Stefan Aust und Günter Wallraff bei den St. Pauli-Nachrichten, die ich mir mit 14 heimlich gekauft hatte – nicht unbedingt wegen der Texte. Bis du schließlich wegen des immer offener artikulierten Antisemitismus die Freie Jüdische Stimme gegründet hast und kurzzeitig nach Jerusalem ausgewandert bist.
Witze, die fatalistische Menschenklugheit sind
Nun, da die Linken nach ihrem langen Marsch durch die Institutionen zu Bonzen geworden sind, benehmen sie sich als solche, nämlich arrogant, enthoben, zu jedem schmutzigen Trick bereit, um ihre Macht zu verteidigen. Sie müssen, unserer antiautoritären Logik nach, bekämpft werden.
Genau das tust du, mit Witz und gesundem Menschenverstand, an vielen weiteren Fronten, denn nicht nur der stillschweigend geduldete Antisemitismus ist irre, sondern auch die regierungsamtliche Vorstellung, wir könnten von Deutschland aus das Weltklima retten, unbeirrt durch Störmanöver der Natur wie etwa den jügsten Vulkan-Ausbruch des Ätna. Natürlich ist das irre, und man kommt diesem Irrsinn nur mit Galgenhumor bei – oder den vielen wunderbaren jüdischen Witzen, die du in petto hast – die eigentlich keine Witze sind, sondern Kurzgeschichten, Proteste der Kreatur, fatalistische Menschenklugheiten, Einwürfe gegen das Grauen.

In deinem Bestseller „Hurra, wir kapitulieren“ (JF berichtete) erwähnst du, dass deine Schwester „unter der Bettdecke einer katholischen Familie überlebt hat“ – das scheint doch untergründig deine Sympathien für katholische Querdenker wie mich zu erklären, oder zumindest deine Sympathie für Provokateure.
Erst mit zehn hast du die deutsche Sprache gelernt
Beide deiner Eltern haben die Nazis überlebt, deine Mutter den Todesmarsch von Ausschwitz, dein Vater das KZ Buchenwald, du bist aufgewachsen mit einem oft lähmenden Schweigen. Erst mit zehn bist du aus Polen über Wien nach Deutschland gekommen, und hast die deutsche Sprache gelernt, die du heute besser beherrschst als viele unserer Kollegen. Es ist die geschliffene des Außenseiters, mitsamt dem staunenden und oft irritierten Blick.
Eigentlich fehlt dir noch der Adelbert-von-Chamisso-Preis in deiner Sammlung, der solche Autoren ehrt, die mit einer anderen Muttersprache aufwuchsen und auf Deutsch brillierten, wie der Namensgeber selbst oder Schriftsteller wie Elias Canetti. In der Germanistik wird sowas mittlerweile der „Migrationsliteratur“ zugeordnet statt dem frechen Spatzengesang, der den Frühling belebt und die Seele vieler mit Hoffnung erfreut und ausgesuchten anderen schwer und sehr beabsichtigt auf die Nerven geht.
Die Kirche würde sich verschlucken
Meine Sympathie war dir sicher. In deinem Tagebuch von 2014, „Das ist ja irre!“, natürlich ein Bestseller, spielst du sogar mit dem Gedanken, in die katholische Kirche einzutreten, wegen des „Unterhaltungswertes“. Nun, der wäre sicher beträchtlich, denn die deutsche katholische Kirche hat sich ganz auf die Seite der Bonzen geschlagen, an dir würde sie sich verschlucken…
Im Grunde bist du ein Sponti geblieben, so auch in der ARD, wo du mit deiner unglaublich witzigen „Deutschland-Safari“ mein Format „Matusseks Reisen“ aus dem Spätprogramm gekegelt hast. Worüber ich zunächst sehr sauer war, aber dann habe ich gelacht über deine Unverfrorenheiten in dieser Comedy! Unter anderem hattest du dich, begleitet von deinem Buddy Hamed Abdel-Samad, als Stele verkleidet in den Gedenkrummel einer Reisegruppe am Holocaust-Mahnmal hinterm Brandenburger Tor gestellt – was selbst Hamed zuviel wurde.
Schwarzrotgold war die Fahne des linken Aufstands
Doch du machtest dich nur lustig über die ritualisierte „Vergangenheitsbewältigung“ einer linken Nomenklatura, die außerhalb ihrer Feierstunden wenig tut, um den mittlerweile militanten islamistischen Antisemitismus („Juden ins Gas“) zu bekämpfen. Du nanntest diesen Gedenkbetrieb das „Shoa-Business“. Mit Recht hast du 2007 den Ludwig-Börne-Preis erhalten, du stehst in der Tradition großer linker Dichter und Polemiker des Vormärz, wie Börne und sein Antipode Harry Heine, der eher mein Fall ist, dieser Dichter-Spötter mit Pistole und Harfenklang.
Schwarzrotgold, das muss endlich in die Köpfe, war eine Fahne des linken Aufstands gegen die feudalistische Kleinstaaterei, gegen Metternichs Geheimpolizei, gegen Zensur und Unterdrückung. Kein Wunder, dass unsere „Volksvertreter“ diese Fahne kaum mehr dulden wollen, denn sie bedeutet die Inklusion aller Deutschen, nicht nur der Fetischisten unter ihnen.
„Ich sitze im falschen Zug“
Wie mein – neben Heine – anderer journalistischer Hausgott Gilbert K. Chesterton hast du die Gabe, mit einer Zuspitzung, einer Pointe, einem Witz, einer Vereinfachung (die häufig Verdeutlichung bedeutet) unserem festgefahrenen Diskursbetrieb heilsame Schocks zu versetzen, etwa mit der von dir gern zitierten Einsicht eines israelischen Psychiaters, der sagte: „Die Deutschen werden den Juden den Holocaust nie verzeihen.“
Und zur Lage unserer Nation gibt es keinen anschaulicheren Witz als den, den du über den galizischen Juden erzählt hast, der mit der Bahn reist und bei jeder Station jammert „oi weh, oi weh“. Was denn los sei, fragt ihn einer. „Nun“, erwidert Moishe, „ich sitze im falschen Zug, und mit jeder Station entferne ich mich weiter von meinem Ziel.“ Das ist unsere Lage heute, sagtest du. Genauer geht es nicht.
Du hattest mir während unseres Essens beim Inder am Prenzlauer Berg (Gastrokritik: gut und vor allem reichlich, worauf du Wert legst) begeistert von deinen drei Enkeln erzählt und der Bereicherung deines Lebensgefühls: eben der Gedanke, dass wir in einer Tradition stehen, einer Kette von Generationen, wir sind Bindeglieder und behaupten als solche unseren Platz. Mein lieber Henryk, dir und deiner Familie, besonders den Kleinen, von Herzen alles Gute!





