Anzeige
Anzeige

Buchrezension: Bellanger und die letzten Tage der französischen Linken

Buchrezension: Bellanger und die letzten Tage der französischen Linken

Buchrezension: Bellanger und die letzten Tage der französischen Linken

Vor einem Podium steht der Präsidentschaftskandidat der linksextremen Partei La France insoumise, Jean-Luc Mélenchon und spricht – es könnte eine Szene aus Aurélien Bellangers neuem Buch sein
Vor einem Podium steht der Präsidentschaftskandidat der linksextremen Partei La France insoumise, Jean-Luc Mélenchon und spricht – es könnte eine Szene aus Aurélien Bellangers neuem Buch sein
Der Präsidentschaftskandidat der linksextremen Partei La France insoumise, Jean-Luc Mélenchon, spricht auf einer Veranstaltung der linksextremen und mittlerweile verbotenen Gruppe Jeune Garde. Foto: picture alliance / SIPA | Cesar VILETTE/OLA NEWS
Buchrezension
 

Bellanger und die letzten Tage der französischen Linken

Zwischen Fakt und Fiktion: Der Schriftsteller Aurélien Bellanger beschreibt politische Ideenschlachten im heutigen Frankreich
Anzeige

Der französische Schriftsteller Aurélien Bellanger (46) – er debütierte 2010 mit einer Monographie über Michel Houellebecq – offenbarte vor einiger Zeit ein ehrgeiziges Ziel: Er gab bekannt, an einer „Comédie humaine“ der unmittelbaren Gegenwart zu arbeiten. Kein unambitioniertes Ziel, wenn man an die Wirkungen von Honoré de Balzacs Jahrhundertwerk bis heute denkt.

Zwei Bände dieser Unternehmung haben im Nachbarland bereits für Aufsehen gesorgt: der Walter-Benjamin-Roman „Le vingtième siècle“ ebenso wie die Erzählung „Téléréalité“. Beide Schriften wurden bisher nicht ins Deutsche übersetzt, wohl aber nun „Die letzten Tage der Linken“.

Ein Sachbuch über die Umbrüche der Gegenwart zu verfassen hatte sich wohl ebenso angeboten wie ein belletristischer Text. Bellanger entschied sich für eine Mixtur aus beiden Genres.

Am Anfang steht die fiktive „Bewegung 9. Dezember“

Die Konsequenzen Frankreichs als ideenpolitisches Laboratorium weit über die Grenzen des eigenen Landes hinaus zeigte unlängst auch der Fall Quentin Deranque. Der junge Mathematikstudent, traditionalistischer Katholik und identitärer Gegner der Islamisierung, wurde im Februar dieses Jahres in Lyon von linksradikalen Gewalttätern ermordet, die im Umfeld der Gruppierung „La France insoumise“ wirken (JF berichtete). Anlass der blutigen Auseinandersetzungen war eine pro-palästinensische Kundgebung sogenannter Linksislamisten.

Jetzt das JF-WM-Abo bestellen.

Die fiktive Parallelwelt ist nicht weit von der wirklichen entfernt: Bellanger kannte bei der Abfassung seines Textes zwar nicht Deranque, wohl aber die Relevanz des Linksislamismus, eine in Frankreich (anders als in Deutschland) bedeutsame, keineswegs spannungsfreie Synthese aus Linksradikalismus und Islamismus.

Am Anfang des tragikomischen Sozialpanoramas steht die Entstehung der fiktiven „Bewegung 9. Dezember“. Sie trägt verschwörungstheoretische Züge. Eine Gruppe von Sozialisten ruft 2015 diese Vereinigung ins Leben, am Jahrestag des strikten Trennungsgesetzes von Staat und Kirche im Jahre 1905. Dieser legislative Erlass, von Laizisten in bewusster Paradoxie geheiligt, erlangte 110 Jahre nach seiner Verabschiedung neue Aktualität. Einige Monate zuvor wurde nicht nur Frankreich durch den brutalen Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo (JF berichtete) aufgeschreckt.

Der Parti socialiste wird der Todesstoß versetzt

Der Protagonist der Erzählung, Grémond, einer der führenden Funktionäre der sozialistischen Partei, reagierte auf dieses Verbrechen. Die aufgeklärt-sozialistische Tradition des Laizismus ist seiner Auffassung nach mit neuem Leben zu erfüllen – diesmal, um den Gefahren von Islamisierung und islamischem Terror entgegenzutreten. Mit einer solchen Forderung stößt man bei den einflussreichen Multikulturalisten auf erbitterten Widerstand. Sie verweisen auf gleichlautende Postulate der (aus ihrer Perspektive) Reaktionäre vom Rassemblement National.

Ob sich Grémond und seine Gefährten, besonders die Philosophen Taillevent und Frayère, mit der Gründung der Kommunität etwas Gutes getan haben, kann man bezweifeln. Ihre Gegner brachten eine dunkle Legende in Umlauf. Sie hätten die Mutterpartei geschädigt und am Stuhl des ohnehin glücklosen Präsidenten Hollande gesägt. Sogar Faschismus-Affinitäten sagte man ihnen nach. Tatsächlich erlebte die Parti Socialiste (PS) in den letzten Jahren einen unübersehbaren Abstieg. Die neue Vereinigung soll der PS angeblich sogar den Todesstoß versetzt haben.

Aurélien Bellanger: Die letzten Tage der Linken. 464 Seiten, Claassen-Verlag, Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen
Aurélien Bellanger: Die letzten Tage der Linken. 464 Seiten, Claassen-Verlag, Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen

Zu den Stärken der Darstellung zählt, schon auf den ersten Seiten eine Art narratives Dreieck als Rahmenhandlung zu präsentieren, die den Text strukturiert: Republikanismus, Laizismus sowie (als dritter Punkt) die Feinde dieser verschwisterten Weltanschauungen: nämlich Rechte, Populisten sowie Islamisten.

Die Franzosen liefern sich Ideenschlachten

Für eine fakt-fiktive Darstellung wäre es abträglich, wäre unklar, wen die Protagonisten in der Realität repräsentieren: Grémond steht für den frühverstorbenen Laurent Bouvet, der jene Linken, die seine Vorstellung von islamkritischem Sozialismus teilten, in der Vereinigung „Republikanischer Frühling“ versammelte. Neben ihm spielen zwei konträre Philosophen die Hauptrolle: Frayère, der Bodenständige, und Taillevent, der antirassistische Universalist und Gralshüter des Säkularismus. Ersterer fungiert als eine Art Naphta, letzterer als Settembrini. Wie die Romanfiguren aus Thomas Manns „Zauberberg“ liefern sich auch die beiden Franzosen Ideenschlachten, in denen es nicht zuletzt um Gott und Religion geht.

In der Regel identifiziert man Taillevent mit dem namhaften Philosophen Michel Onfray. Dieser nimmt nicht nur eine herausragende Rolle als pessimistischer Kulturtheoretiker in der Nachfolge Nietzsches und Spenglers ein, sondern betätigte sich zudem als Universitätsgründer. Die Figur Frayère dürfte dem Medienphilosophen Raphaël Enthoven nachgebildet sein, der weniger durch vielbeachtete Bücher von sich reden machte als durch seine Liaison mit der späteren Präsidentengattin Carla Bruni.

Öfter plätschert die Erzählung einfach vor sich hin. Vielleicht auch deshalb, weil der mit Details der französischen Innenpolitik nicht Vertraute Schwierigkeiten hat, Pointen zu finden. An einigen Passagen stutzt der Leser allerdings. So heißt es an einer politisch unkorrekten Stelle: Das „verschwundene Volk wurde durch die Migrationsbewegung langsam, aber sicher durch ein neues ersetzt, dessen tatsächlicher Kosmopolitismus dem idealisierten Kosmopolitismus der Globalisierungsgewinner spiegelbildlich entsprach“. Bellanger würde diese Worte, auf sie angesprochen, wohl seinem Helden Grémond zuschreiben und sich somit vom Inhalt distanzieren. Schließlich will er seine Gegenwartskomödie fortschreiben, die angesichts der wirtschaftlichen, ethnischen wie kulturellen Situation Frankreichs in eine Tragödie umzukippen droht.

Aus der JF-Ausgabe 27/26.

Der Präsidentschaftskandidat der linksextremen Partei La France insoumise, Jean-Luc Mélenchon, spricht auf einer Veranstaltung der linksextremen und mittlerweile verbotenen Gruppe Jeune Garde. Foto: picture alliance / SIPA | Cesar VILETTE/OLA NEWS
Anzeige
Anzeige

Der nächste Beitrag

aktuelles