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Buchrezension: Wie Helmuth Kiesel die Literatur während des Dritten Reichs untersucht

Buchrezension: Wie Helmuth Kiesel die Literatur während des Dritten Reichs untersucht

Buchrezension: Wie Helmuth Kiesel die Literatur während des Dritten Reichs untersucht

Ein Stapel Bücher liegt neben einer Berliner Straßenszene aus den 1930er Jahren, auf der Nazi-Flaggen die Straße säumen – Symbolbild für Helmuth Kiesels Buch über die Literatur während des Dritten Reichs
Ein Stapel Bücher liegt neben einer Berliner Straßenszene aus den 1930er Jahren, auf der Nazi-Flaggen die Straße säumen – Symbolbild für Helmuth Kiesels Buch über die Literatur während des Dritten Reichs
Literatur in den Jahren 1933 bis 1945 – trotz der Zensur gab es versteckten Widerstand. Foto: picture alliance / CHROMORANGE | Li Bro.photo / picture alliance / akg-images | akg-images
Buchrezension
 

Wie Helmuth Kiesel die Literatur während des Dritten Reichs untersucht

Schreiben während der Zeit des Nationalsozialismus – wie ging das? Helmuth Kiesel zerlegt die alten eindimensionalen Schablonen, zeigt, dass es widerständige Literatur im „Inneren Exil“ gab und entwirft ein Gesamtpanorama der deutschsprachigen Literatur von 1933 bis 1945.
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„Es mag Aberglaube sein, aber in meinen Augen sind Bücher, die von 1933 bis 1945 in Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos und nicht gut in die Hand zu nehmen. Ein Geruch von Blut und Schande haftet ihnen an.“ Was der 1938 im US-Exil lebende Thomas Mann hier ein halbes Jahr nach Kriegsende zum besten gibt, ist schon deshalb ein peinliches Pauschalurteil, weil bis 1936 die ersten Bände seiner Joseph-Tetralogie im nationalsozialistischen Deutschland erscheinen durften.

Die wahrhaft groteske Dimension dieses Verdikts eines in politischen Dingen nicht selten irrenden „unwissenden Magiers“ (Golo Mann) erschließt sich allerdings erst heute mit den 1.400 Seiten, die Helmuth Kiesel über das „Schreiben in finsteren Zeiten“, über die im Reich wie im Exil entstandene deutschsprachige Literatur zwischen 1933 und 1945 vorlegt.

Während die in den 1980ern ergrünende Forschung zur Exilliteratur mittlerweile fast unüberschaubar ist, konnte sich der als Ernst-Jünger-Biograph (JF berichtete) über die Fachgrenzen hinaus bekannte Heidelberger Germanist für die binnendeutsche, die NS-affine wie die nicht-nationalsozialistische Literatur der „Inneren Emigration“ auf deutlich weniger Vorarbeiten stützen. Darum ackert sich in Zeiten, in denen studentische Schneeflocken darüber lamentieren, „ein ganzes Buch“ lesen zu müssen, dieser emeritierte Einzelkämpfer durch eine Myriade an Texten, deren „bewusstes Vergessen“ (Sandra Richter, 2017) in seiner Disziplin zum Programm gehört.

Kiesel pocht auf Differenzierung

Schon vor bald dreißig Jahren, als dessen Studenten über Namen rätselten wie Wilhelm Lehmann, Friedrich Georg Jünger, Horst Lange, Jochen Klepper, Gerhard Nebel, beklagte sein Kollege Günter Scholdt, bislang einsamer Experte in Sachen Innerer Emigration, die politisch bedingte „völlige Unfähigkeit der meinungsführenden Germanistengeneration“, die vielgestaltige nichtnazistische Literaturlandschaft im Dritten Reich nur rudimentär zu erfassen (Zuckmayer Jahrbuch, 5/2002). Daran hatte sich kaum etwas geändert, als Scholdt 2022 seine große Studie über die „nichtnationalsozialistische Belletristik in Deutschland 1933–1945“ mit dem Fazit präsentierte, es sei wohl einmalig, „dass ein riesiger literarhistorischer Komplex so gezielt in den Orkus des Vergessens geschleudert wurde“ und „versunken ist wie Atlantis“.

Motiviert worden sei diese Abwertung aller binnendeutschen Autoren bei simultaner Aufwertung des literarischen Exils von der herrschenden „multikulturellen Agenda“. Demnach drohe der Blick zurück auf eine starke, tendenziell oppositionelle Fraktion reichsdeutscher Schriftsteller das erwünschte „negative Deutschen-Klischee“ aufzuhellen, das unentbehrlich sei im Kampf volksfeindlicher „Eliten“ gegen deutsches „Einheitsbraun“ (Bärbel Bas).

Die von Kiesel am häufigsten bemühte methodologische Kurzformel, an der sich sein Unternehmen orientiert, lautet „Differenzierung“. Dabei geht es um den Aufweis von „Ambivalenz, Verschiedenheit, Vielstimmigkeit“ in einem Staat, der sich als „total“ begriff und den auch die Historiographie nach 1945 lange als Phänotyp einer monolithischen, von Gleichschaltung, Zensur, Geheimpolizei, Terror und Einschmelzung des Individuums in die „Volksgemeinschaft“ geprägten totalitären Herrschaft beschrieb. Aber anders als in Russland, wo die Sowjettyrannei einer 1917 noch vormodernen Gesellschaft aufgezwungen wurde und daher einen höheren Grad von Totalität erreichte, traf die NS-Diktatur auf einen für moderne Industriegesellschaften typischen konfessionellen, regionalen, sozialen, kulturellen und weltanschaulichen Pluralismus. Dieser gedieh nicht zuletzt durch die desintegrierende Wirkung der kapitalistischen Arbeitsteilung, die seit Ende des 19. Jahrhunderts keine stabilen Wertordnungen mehr ausbildete und allgemein verbindliche symbolische Sinnwelten kreierte.

Ab den Röhm-Morden begann die Kunst des „verdeckten Schreibens“

Vor diesem Hintergrund Hekatomben von Literatur eng mit den politischen und sozioökonomischen Kontexten verflechtend, interpretiert Kiesel die systemtreue, die nonkonforme, im Reich sowie die außerhalb Deutschlands veröffentlichte Literatur des Exils konsequent als Antworten auf die Zeitereignisse. Beginnend mit der NS-Machtübernahme, die daheim und draußen auf seltsam übereinstimmende, die weltgeschichtliche Zäsur ignorierende, die Gefährlichkeit des Regimes verkennende Reaktionen zeitigte.

Vielen ging es trotz Reichstagsbrand, Aufhebung von Grundrechten und Parteienverbot wie Karl Kraus: zu Adolf Hitler fiel ihnen nichts ein. Erst ab 1934, nach den Röhm-Morden, verschärfte sich das „antifaschistische“ Engagement der Emigranten, wagten sich mit Friedrich Georg Jünger („Der Mohn“, 1934), Werner Bergengruen („Der Großinquisitor und das Gericht“, 1934), Oskar Loerke („Der Silberdistelwald“, 1934) im Reich Autoren hervor, die sich in der Kunst des „verdeckten Schreibens“ übten und ihren Lesern abverlangten, regimekritische Botschaften „zwischen den Zeilen“ zu entziffern.

Um sich im Labyrinth der Stoffmassen dieser Enzyklopädie zurechtzufinden, empfiehlt es sich, darauf zu achten, wie Kiesel jene ideologisch gestanzten Schablonen sukzessive auflöst, in denen die Literatur als Reflexionsmedium der Politik im „Zeitalter der Extreme“ bisher wahrgenommen worden ist. Dagegen will er vergangene Wirklichkeit in ihrer ganzen „Komplexität“ (ein anderer Leitbegriff neben Ambivalenz und Differenz) vergegenwärtigen. Deswegen profiliert Kiesel fortwährend dialektische Beziehungen, Paradoxien, innere Widersprüche, Unschärfen in den vermeintlich geschlossenen literarischen Lagern inner- und außerhalb Deutschlands. So zerbröselt der Mythos von der einheitlichen „antifaschistischen“ Front des Exils. Jenseits des berühmtesten Beispiels, der konträren Positionen Thomas Manns und Bertolt Brechts zur „Humanisierung“ der Deutschen nach Hitler, entfaltet sich ein Panorama unauflösbarer, mitunter tragischer Dilemmatta.

Stefan Zweigs Manifest wurde verhindert

Die sich etwa entzünden an der Haltung zu den „Säuberungen“ in der Sowjetunion. Während sich Lion Feuchtwanger, Ernst Bloch, die Mitglieder der deutschen Sektion des Verbandes der Sowjetschriftsteller, darunter spätere SED-Troubadoure wie Johannes R. Becher und Willi Bredel, auch der opportunistische Brecht, zu Apologeten des Massenmörders Stalin und des bolschewistischen Staatsterrors erniedrigten, nutzten andere wie Gustav Regler und Arthur Koestler, während des spanischen Bürgerkriegs abgeschreckt von GPU-Liquidierungen in den Reihen der „Interbrigaden“, die Chance zum Ausstieg aus dem kommunistischen Wahnsystem

Aber selbst im weltpolitisch schmaleren Format zeigt Kiesel tiefe weltanschauliche Klüfte auf: deutsch-jüdische Schriftsteller wie Else Lasker-Schüler und Arnold Zweig waren in der Fluchtburg Palästina keineswegs willkommen. Galten sie doch orientalisierten orthodoxen Juden wie Zionisten als Sendboten der vom Judentum entfremdeten „Assimilation“. Und auch im europäischen Exil lebten innerjüdische Feindschaften fort, verhinderten 1933 etwa ein von Stefan Zweig zwecks „Mobilmachung der Diaspora“ geplantes Manifest gegen die NS-Judenverfolgung.

Von der stalinistischen Vereinfachung bleibt nichts übrig

Auf eine ebenso forcierte, jeden an die „Vereindeutigung der Welt“ (Thomas Bauer, 2018) gewöhnten Leser verwirrende „Komplexität“ zielt Kiesel in zentralen Kapiteln über die systemkonforme, (vermeintlich!) neutrale und nicht-nationalsozialistische binnendeutsche Literatur von 1934 bis 1939, über binnen- und exildeutsche Geschichtsromane und -dramen sowie über die Literatur der Kriegszeit. Wieder räumt er Simplifizierungen der 68er-Germanistik im Dutzend ab. Die gab 1976 mit Ralf Schnells auf Georg Lukács’ marxistischen Pfaden wandelnden, den NS gut stalinistisch zum „Faschismus“ umlügenden Monographie „Literarische Innere Emigration“ die Richtung vor.

Alle Erzeugnisse einer „kleinbürgerlichen, deutschen Innerlichkeit“ zuzurechnenden, angeblich kaum im Ansatz widerständigen Literatur der Wiechert, Jünger, Carossa, Reck-Malleczewen, Schneider, Haushofer et al. stabilisierten durch ihre Flucht ins „einfache Leben“ (Wiechert) des Privaten oder der überzeitlichen Natur, durch „ästhetischen Eskapismus und literarische Kalligraphie“, letztlich die „faschistische Herrschaft“. Dafür habe sich auch das Schrifttum der Auslandsdeutschen engagiert, das für Peter Zimmermann (1976) lediglich Propaganda für die Berliner „Heim ins Reich“-Expansionspolitik war. Von solchen primitiven Holzschnitten bleibt nach der Lektüre der akribischen, auf penible zeithistorische Kontextualisierung achtenden, „Zwischenreiche und Gegenwelten“ aufgrabenden Textanalysen Kiesels nichts übrig.

Bei öfter durchleuchteten „inneren Emigranten“ wie den Brüdern Jünger überraschen die Befunde seiner Vivisektionen vielleicht nicht. Bei regimetreuen Autoren aber schon, die sich auf ihren Domänen, „Führer, Bewegung und Volksgemeinschaft“ verklärender Lyrik wie der Epik der Bauern- und Weltkriegsromane tummelten. Denn selbst hier, wo „übelster Kitsch“ und „große Sprachkunst“ nebeneinanderstehen, äußert sich schockweise Dissidenz, die unerwünschte agrarische „Anti-Idyllik“, das realistisch statt schönfärberisch geschilderte Elend kümmerlichen Landlebens in „negativer Heimatliteratur“ bündelnd. Im Rahmen der „geduldeten Mehrstimmigkeit“ (Georg Bollenbeck) blieb dies so unzensiert wie Kriegsromane, die geradezu defätistisch wirken mussten oder Romane, die für die Verständigung mit dem „Erbfeind“ Frankreich warben.

Ein Wechsel auf die wissenschaftliche Ebene

Das sind nur Schlaglichter auf die Fülle widerstrebender Fügungen, unter denen zwei von Kiesel skizzierte Phänomene wohl größte Verblüffung auslösen: die mit der Verfolgung 1933 einsetzende Blüte jüdischer Verlage, deren Programme über mehr Freiheitsraum verfügten als die ihrer deutschen Konkurrenz, sowie die krachend gescheiterte Gleichschaltung des Lesepublikums, das „NS-Romane“ verschmähte und importierte Bestseller wie Margaret Mitchells „Vom Winde verweht“ bevorzugte.

Günter Scholdts „negatives Deutschen-Klischee“ zu verabschieden durch maximale Steigerung der Komplexität – das heißt bei Kiesel nicht, die verbrecherische NS-Diktatur zu relativieren. Vollzogen wird vielmehr ein Wechsel von der moralischen auf die wissenschaftliche Ebene. Nur so leistet sein staunenswert vielschichtiges Unikat, was ideologisch disponierter Blätterteig nie leistet: die richtigen Lehren aus der Geschichte ziehen zu können.

Aus der JF-Ausgabe 31+32/26.

Literatur in den Jahren 1933 bis 1945 – trotz der Zensur gab es versteckten Widerstand. Foto: picture alliance / CHROMORANGE | Li Bro.photo / picture alliance / akg-images | akg-images
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