Eigentlich wollte ich diesen Text schon gestern schreiben, aber ich hatte noch auf das erste Spiel von Italien gewartet. Dann erste konnte doch der erste Spieltag abgeschlossen sein. Irgendwann bin ich in die Tiefenrecherche eingestiegen – wie es sich für einen echten Journalisten gehört. Und siehe da: Die Azurri sind gar nicht dabei. Jetzt könnte ich glatt als ARD-Faktenchecker anfangen, nicht wahr?
Mal im Ernst: Was ich wirklich gemacht habe, ist eine Gesamttabelle aller 48 Mannschaften nach dem ersten Spieltag zu erstellen. Das macht einfach Spaß. Denn ich wusste schon vorher, wer Erster ist: Deutschland, 7:1 Tore, 3 Punkte. Dahinter folgen Schweden (5:1 Tore) und dann die torgleichen USA und Norwegen (4:1). Wie singen die Fans in deutschen Stadien bei solchen Gelegenheiten immer so schön? „Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey!“
England kommt erst auf Platz sechs. Dabei hat das Team von Thomas Tuchel wahrscheinlich die bisher beste Leistung gezeigt: 4:2 im bisher einzigen europäischen Duell gegen Kroatien. So eine Tabelle ist eben eine schöne Momentaufnahme – zumindest für uns deutsche Fans. Natürlich könnte ich jetzt das befehlen, was ich im Olympiastadion immer rufe, wenn meine Hertha ausnahmsweise mal in Führung liegt: Abpfeifen!!!
Spanien und Portugal enttäuschen
Aber auf mich hört ja sowieso keiner. Also schauen wir mal genauer auf dieses völlig unübersichtliche Gesamtgebilde. Eine Tabelle mit 48 Mannschaften – das gibt es nicht einmal bei der Champions League; da sind es „nur“ 36. Fangen wir oben an, also bei unseren Jungs: Der Platz an der Sonne relativiert sich natürlich mit dem Blick auf den Gegner. Curacao ist die Nummer 83 der Fifa-Weltrangliste.
Aber auch andere Favoriten – ich zähle Deutschland jetzt einfach mal dazu – mussten gegen Fußballzwerge ran. Der Weltranglistenzweite Spanien – die Iberer stehen in meiner Tabelle übrigens auf Platz 32 – blamierte sich beim 0:0 gegen Kap Verde, die als Siebenundsechzigster der Weltrangliste nicht so viel besser dastehen, als unsere karibischen Gegner vom Sonntag.

Christiano Ronaldos Portugal konnte gerade eben so ein 1:1 gegen den Kongo (Platz 45) über die Zeit retten. Und dann ist da noch Katar, das von Fußball so viel Ahnung hat wie ich von Differentialrechnung und die Nummer 56 der Welt ist. Um der Schweiz einen Punkt abzuluchsen, reichte es dennoch. Also, ganz so einfach, wie nun viele schreiben, ist es offenbar nicht, einen Kantersieg gegen einen Fußballzwerg wie Curacao einzufahren. Co-Gastgeber Kanada schaffte nun in der Nacht aber doch ein 6:0 gegen Katar – allerdings spielten die Araber nach zwei roten Karten nur noch zu neunt.
Ist die Mammut-Tabelle Schwachsinn?
Auch Mexiko ist eine Enttäuschung. Wie die sich gegen zum Teil neun Antifußballer aus Südafrika angestellt haben, war schon peinlich. Der 2:0-Sieg bringt sie in meiner Mammut-Tabelle auf Platz zehn. Nun haben sie in der Nacht auch noch durch einen Torwartfehler den 1:0-Sieg gegen Südkorea geschenkt bekommen und rücken vorübergehend sogar auf Platz eins vor. Damit ist der Co-Gastgeber der beste Beweis dafür, dass meine mühevolle Arbeit ziemlicher Schwachsinn sein kann.
Auch Brasilien ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Das zeigt nicht erst das 1:1 gegen Marokko. Irgendwie sind die schon länger ziemlich neben der Spur. Anders als bei allen anderen Turnieren gehören die einstigen Zauberer vom Zuckerhut für mich diesmal nicht zum Favoritenkreis. Aber wer weiß: Vielleicht bringt Ex-Real-Madrid-Trainer Carlo Ancelotti die im Laufe der WM doch noch auf Vordermann. Im Moment stehen sie auf Platz 20.
Nun muss ich noch einmal auf England zurückkommen. Mein Wiener Kollege René Rabeder tippte das Team von Thomas Tuchel nach dem fulminanten Sieg prompt als neuen Weltmeister. Er ist ein wirklich sympathischer Kerl. Bei einer kleinen Plauderei über die Rivalität zwischen Österreich und Deutschland gestand er mir: „Ich mag unsere beiden deutschen Mannschaften gleich.“ Jawoll, solche Ösis, die in historischen Dimensionen denken, brauchen wir.

Österreich als Weltmeister?
Aber Weltmeister wird Österreich wohl nicht, trotz Platz sieben in meiner Tabelle. Dafür war der Sieg gegen WM-Debütant Jordanien (Weltranglistenplatz 63) zu quälend. Warum nicht England? Dann würde immerhin ein Deutscher Weltmeister – nämlich der Trainer. Aber so weit lege ich meinen Patriotismus nun auch wieder nicht aus.
Dann lieber Österreich: So werden, um dem lieben René meine Ehre zu erweisen, nur Deutsche Weltmeister – inklusive des Trainers Ralf Rangnick. Ich bin übrigens auch immer für Austria, wenn sie nicht gerade gegen uns spielen.
Wer hat außer Deutschland und England noch überzeugt? Argentinien natürlich mit seinem 3:0 gegen Algerien, immerhin auf Platz 28 der Weltrangliste.
Und die USA! Ich glaube, die können zu einem echten Überraschungsteam werden – nicht nur, weil sie in meiner komischen Tabelle auf dem Bronzerang liegen. Auch wenn es sich im Testspiel kurz vor der WM gegen uns gar nicht andeutete: Was die gegen Paraguay (3:0) auf den Rasen zauberten, war schon hübsch anzusehen. Allerdings sind die Südamerikaner nur die Nummer 41 der Welt. Die Amis haben jedoch das Publikum im Rücken… Warten wir mal ab.
Hammergruppe statt Losglück
Nun hat schon der zweite Spieltag begonnen. Und wenn diese nächsten 24 Partien durch sind, könnte meine Tabelle ziemlich durcheinandergewirbelt sein. Hoffentlich nicht auf Platz eins. Bei der Gelegenheit will ich noch mit einer Legende aufräumen: Von dem Losglück, das die Journalisten der deutschen Elf nach der Auslosung der WM-Gruppen attestierten, kann keine Rede sein.

Die Elfenbeinküste, gegen die wir am Sonntag ranmüssen, gewann schon dreimal den Afrika-Cup, zuletzt 2023. Und dann haben die Ivorer im ersten Spiel auch noch Ecuador mit 1:0 geschlagen. Jenes Land also, das sich als Zweiter der Südamerika-Qualifikationsgruppe das WM-Ticket sicherte – weit vor Brasilien. Wenn wir in diesen beiden Spielen auch überzeugen, kann es für Deutschland tatsächlich diesmal weit gehen. Schau‘n mer mal, wie der Kaiser zu sagen pflegte.
In diesem Sinne: Auf Wiederschau‘n. Und zwar erst am Montag. Ich verabschiede mich jetzt ins Wochenende – ohne Italien-Spiel. Bis dann, liebe Sportsfreunde.
Lesen Sie hier Frank Haukes weitere WM-Kolumnen:
Folge 4: Warum Argentinien nicht Weltmeister wird, sondern nur wir
Folge 3: Wie in schlechten alten Zeiten: Der Bundes-Jogi macht die Merkel
Folge 2: Nmecha, Tah, Brown – unsere großartigen deutschen Nationalspieler






