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Anja Arndt, AfD

CDU-Wahlsieg in Görlitz: Oberbürgermeister, Dirigent, Seelsorger – wie ein schlimmer Unfall im Wahlkampf half

CDU-Wahlsieg in Görlitz: Oberbürgermeister, Dirigent, Seelsorger – wie ein schlimmer Unfall im Wahlkampf half

CDU-Wahlsieg in Görlitz: Oberbürgermeister, Dirigent, Seelsorger – wie ein schlimmer Unfall im Wahlkampf half

Octavian Ursu (CDU), Oberbürgermeister von Görlitz, steht im Kleinen Ratssaal im Görlitzer Rathaus.
Octavian Ursu (CDU), Oberbürgermeister von Görlitz, steht im Kleinen Ratssaal im Görlitzer Rathaus.
Der Oberbürgermeister von Görlitz, Octavian Ursu: Wiederwahl gesichert. Foto: picture alliance/dpa | Sebastian Kahnert
CDU-Wahlsieg in Görlitz
 

Oberbürgermeister, Dirigent, Seelsorger – wie ein schlimmer Unfall im Wahlkampf half

Görlitz wählt den CDU-Amtsinhaber Octavian Ursu erneut zum Oberbürgermeister. AfD-Kandidat Wippel war zu blass – außerdem half ein schweres Unglück dem CDU-Mann.
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Die niederschlesische Grenzstadt Görlitz wird weiterhin von einem Oberbürgermeister mit CDU-Parteibuch geführt. Amtsinhaber Octavian Ursu konnte sich bei der Stichwahl am Sonntag erneut gegen Herausforderer Sebastian Wippel von der AfD durchsetzen. Dass es für den ethnischen Rumänen für eine Mehrheit der Stimmen reichte, könnte auch mit einem tragischen Unglück zusammenhängen, das die Stadt an der Neiße in den vergangenen Tagen bundesweit in die Schlagzeilen gebracht hatte.

Mitten im Gründerzeitviertel war am 18. Mai nachmittags ein saniertes Mehrfamilienhaus zusammengebrochen und hatte drei Mieter einer Ferienwohnung unter sich begraben. Die beiden jungen rumänischen Frauen und ein Deutsch-Bulgare konnten während der tagelangen Aufräumarbeiten nur noch tot geborgen werden.

Drei Tage lang habe Octavian Ursu „kaum geschlafen, zwischendurch mal anderthalb Stunden im Auto, wenn überhaupt“, barmte beispielsweise die Zeit und zitiert den Oberbürgermeister und Wahlkämpfer: „Vielleicht tut es mir gut, darüber zu reden, was in den letzten Tagen passiert ist.“ Hatte der Mann aus Bukarest nicht selbst schon eine unvergleichlich größere Katastrophe er- und überlebt: Als im März 1977 in der rumänischen Hauptstadt die Erde bebte und Plattenbauten wie Kartenhäuser in sich zusammenfielen?

Wichtige Sympathiepunkte gesammelt

Ursu sei zum Unfallort geeilt und habe die Arbeiten, das Zusammenspiel der 140 Helfer von Technischem Hilfswerk, Stadtwerken, Görlitzer Verkehrsbetrieben und Polizei wie ein Orchester dirigiert, lobt die Zeit. Und dann habe er einen zweiten Mann, den die Polizei als Deutsch-Bulgaren bezeichnet, dessen Angehörige unter den Trümmern lagen, rumänisch reden hören, und plötzlich sei er „nicht mehr nur Oberbürgermeister und Dirigent, sondern auch Seelsorger“ gewesen.

Wichtige Sympathiepunkte für Ursu im Wahlkampf. In jenen Tagen und Stunden verlor der frühere Polizeikommissar und amtierende Chef der AfD-Stadtratsfraktion Wippel seinen Wahlkampf „Einer gegen alle“ wohl endgültig.

Görlitz ist ein rauhes Pflaster für Oberbürgermeister

Letztlich stimmten 55,8 Prozent der Wähler für Ursu. Wippel erhielt 44,2 Prozent. Erwähnenswert ist, dass wie bereits beim ersten Wahlgang der AfD-Bewerber bei der Auszählung der Stimmen lange Zeit vorn lag und erst die Briefwahlstimmen die Wende brachten. Und nur wenig unterscheidet sich das Ergebnis vom zweiten Wahlgang vor sieben Jahren, als Ursu auf 55,2 (14.043 Stimmen) und Wippel (11.390) auf 44,8 Prozent der abgegebenen Stimmen kam.

Die schwache Wahlbeteiligung – lediglich 56,8 Prozent der 44.500 Wahlberechtigten stimmte ab – dürfte ein Ausdruck für die Stimmung im deutschen Teil der Stadt sein. Die Görlitzer haben seit Jahrzehnten Probleme mit ihren Stadtoberhäuptern. Den ersten nach der Revolution frei gewählten Oberbürgermeister setzten sie nach acht Jahren per Bürgerentscheid ab, der zweite, ein Hochschulprofessor und Sozialdemokrat, wurde zu seiner eigenen Überraschung nach sieben Jahren nicht wieder gewählt und zeigte sich darüber äußerst verstimmt.

Mehrere Oberhäupter schafften kein Wirtschaftswunder

Der folgende CDU-Oberbürgermeister war als ehemaliger Bergmann so verärgert, als die eigene Partei ihm gegenüber gemachte politische Versprechen nicht einhielt, dass er sein Parteibuch hinschmiss und der Stadt einen rigorosen Sparkurs verordnete. Ohne CDU-Mitgliedschaft wurde er aufgrund einer bis dahin in Görlitz einzigartigen Kampagne nicht wiedergewählt, dafür ein ehemaliger Waggonbau-Manager, der aber ebenfalls kein Wirtschaftswunder zünden konnte.

Den aus seiner Sicht richtigen Kandidaten präsentierte daraufhin der aus Görlitz stammende sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer. Seit August 2019 regiert ein Künstler die Stadt: der 1990 aus Rumänien nach Deutschland geflüchtete und bei der der Görlitzer Philharmonie untergekommene Musiker Octavian Ursu.

Wippel hatte keine zündende Idee

Was sind schon Wahlen, mag sich zudem so mancher Görlitzer gefragt haben. Hatten sie nicht Michael Kretschmer aus dem Bundestag gewählt und war dieser daraufhin auch ohne Mandat des Souveräns nicht wie Phönix aus der Asche wiedererstanden als Ministerpräsident des Freistaates? Hatten sie nicht die AfD zur stärksten Fraktion im Stadtrat gewählt, wo diese seitdem von allen anderen blockiert wird?

Wippel hätte siegen können, wenn er denn irgendeine zündende Idee gehabt hätte. Aber die fand er nicht und so hatten die Görlitzer mehrheitlich auch keine Lust auf ein Experiment, das sie 2019 noch fast gewagt hätten. Da sorgten erst Druck und Drohungen von außen sowie zahlreiche Versprechen von blühenden Landschaften dafür, dass man auf die Wahl eines AfD-Oberbürgermeisters verzichtete und lieber zu Hause blieb.

AfD-Kandidat möchte Wahlsieger nicht gratulieren

Die Bürger von Görlitz „wollen ein Weiter-so, wir stehen nicht für dieses Weiter-so“, sagte ein enttäuschter Wippel und monierte gegenüber Radio Lausitz, der Wahlkampf sei „noch dreckiger geführt worden auf eine wirklich perfide, subtile, aber teilweise auch offene Weise gegen mich und mein Umfeld“. Deswegen werde er im Gegensatz zu 2019 seinem siegreichen Konkurrenten, der von den Grünen und Vereinen wie Motor Görlitz und Bürger für Görlitz zum Wahlsieg getragen wurde, nicht zu diesem Sieg gratulieren.

Oberbürgermeister Ursu betonte nach Bekanntgabe seines Wahlsieges, er habe das Ergebnis „mit einer Portion Demut“ zur Kenntnis genommen und wolle „Politik über Parteigrenzen hinweg“ für „alle Görlitzer und Görlitzerinnen“ machen. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer lobte Ursu bei der Wahlparty. Dieser habe es geschafft, „ganz viele Menschen, die etwas Positives für Görlitz wollen, für sich einzunehmen“. Und die anderen?

Der Oberbürgermeister von Görlitz, Octavian Ursu: Wiederwahl gesichert. Foto: picture alliance/dpa | Sebastian Kahnert
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