Gottesbeweise gelten seit jeher als Stiefkind sowohl der Philosophie wie der Theologie. Den einen wird die Rolle der Vernunft im Rahmen dieses Unterfangens überdehnt, die anderen behaupten öfter, echtes Vertrauen auf den Allmächtigen benötige gar keine rational fundierte Abstützung. Glaube und Wissen decken sich demnach nicht. Besonders die „Credo quia absurdum“-Richtung von Tertullian bis Karl Barth vertritt eine solche Ansicht. Diese zumeist existentiell orientierte Denkströmung beruft sich gern auf das „unruhige Herz“ des Heiligen Augustinus, das durch keine kognitive Wahrheitserkenntnis seinen Frieden findet.
Sebastian Ostritsch wurde über ein philosophisches Fachpublikum hinaus bekannt, als es einem linksextremistischen Internetmob Ende vorigen Jahres dank Mitwirkung einer feigen Hochschulleitung gelang, einen Vortrag des Gelehrten an der Münchner Hochschule für Philosophie zu verhindern. Der promovierte und habilitierte Philosoph, nebenbei als Journalist tätig, sollte über die „Qinque Viae“ (fünf Wege) des Heiligen Thomas von Aquin referieren. Der Interessierte kann die Auffassungen des Heidelberger Privatdozenten nunmehr in Buchform nachlesen. Jeder, der sich mit dieser alten Thematik beschäftigt, kommt um eine Auseinandersetzung mit Immanuel Kant und Friedrich Nietzsche nicht herum. Beide Denker werden mitunter für die Richtigkeit der Behauptung in Anspruch genommen, eine mögliche Beweisbarkeit Gottes sei spätestens durch ihre Einwände widerlegt.
Den „Alleszermalmer“ Kant herausfordern
Ostritsch zeichnet fundiert die „fünf Wege“ nach. Dieser Ansatz geht in unterschiedlichen Varianten davon aus, dass die Existenz alles Endlich-Kontingenten nicht von kausalen Entstehungsursachen zu trennen ist. Irgendwann landet man bei der Rückverfolgung dieser Anstöße bei einer ersten Ursache, die selbst aber wiederum nicht verursacht werden kann; ansonsten müsste man einen unendlichen Regress annehmen, der denknotwendig die Entstehung von Seiendem verhindert.

Selbstredend ist eine derartige, hier verkürzt wiedergegebene Beweisführung auf Einsprüche gestoßen. Für Kant ist ein solcher Weltbaumeister, der sich aus den vorgetragenen Annahmen ergibt, nicht unbedingt identisch mit dem biblischen Gott. Dieser zeichnet sich darüber hinaus durch Güte, Liebe und Personalität aus. Ostritsch ist nicht um Argumente verlegen, die dem Königsberger „Alleszermalmer“ der Metaphysik widersprechen. So steht, wie in Kontroversen um große Fragen üblich, These gegen Antithese, ohne dass in der Regel eine erhellende Synthese gebildet wird. Ostritsch argumentiert auf hohem Niveau, vermeidet aber, die komplexe Diskussion im angloamerikanischen Raum über die uferlose Problematik in extenso nachzuzeichnen. So sind stellvertretend die jüngeren Arbeiten von Thomas Oberle und Daniel Shields anzuführen.
Glaube braucht keine Rationalität
In der Schlusspassage geht der Autor darauf ein, warum auch eine logische Ableitung der Argumente, wie sie seiner Meinung nach bei Thomas vorliegt, nicht unbedingt zu einer zwingenden Gotteserkenntnis führt. Man kann sich kaum eine Begründung denken, die in der Lage wäre, Atheisten, etwa den bekannten Evolutionsbiologen Richard Dawkins, vom Irrtum der Gottesleugnung zu überzeugen. Selbst für Gläubige ist es keinesfalls rational, dass logische und ontische Ebene zwingend korrelieren müssen. So ist der Widerspruch nicht leicht aufzulösen, dass der erste unbewegte Beweger weltimmanent wie welttranszendent zu denken ist.
Auch die Konstruktion des „actus purus“ kann diesen Zwiespalt nicht überbrücken. Zwischen dem „Gott der Philosophen“, dem Wilhelm Weischedel eine vielbeachtete Monographie widmete, und dem biblischen Gott besteht eine Kluft. Diese Antinomie kann auch von Ostritsch nicht beseitigt werden, dessen Ausführungen zum Besten gehören, das in den letzten Jahren über die Thematik geschrieben wurde.







