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Großbritannien: Southport-Untersuchungsausschuss erwägt mehr Internetzensur

Großbritannien: Southport-Untersuchungsausschuss erwägt mehr Internetzensur

Großbritannien: Southport-Untersuchungsausschuss erwägt mehr Internetzensur

Der Täter von Southport, Axel Rudakubana (m.), in einer Gerichtszeichnung. (Themenbild)
Der Täter von Southport, Axel Rudakubana (m.), in einer Gerichtszeichnung. (Themenbild)
Der Täter von Southport, Axel Rudakubana (m.), in einer Gerichtszeichnung. Foto: picture alliance / empics | Elizabeth Cook
Großbritannien
 

Southport-Untersuchungsausschuss erwägt mehr Internetzensur

Ein Gutachten zu dem dreifachen Messermord in Southport vor zwei Jahren offenbart massive Versäumnisse des Staates und der migrantischen Familie des Täters. Eine der Lösungen sollen aber wohl noch mehr Einschränkungen im Netz sein.
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LONDON. Fast zwei Jahre nach dem dreifachen Messermord durch einen ruandischstämmigen Täter in Southport (JF berichtete) hat sich der zuständige Untersuchungsausschuss für die Prüfung strengerer Internetüberwachung ausgesprochen. Konkret will das Gremium künftig untersuchen, ob es mehr Möglichkeiten geben sollte, das Onlineverhalten Minderjähriger einzuschränken und zu beobachten, sobald eine „erhebliche Schwelle“ zum Risiko für andere überschritten werde, heißt es in einem am Montag veröffentlichten Gutachten im Auftrag der Regierung.

Auch soll der Ausschuss prüfen, ob eine Altersverifizierung für die Nutzung sogenannter virtueller privater Netzwerke und anderer Optionen, die zur Umgehung der bereits bestehenden Altersbeschränkungen im Netz verwendet werden, notwendig sei.

Ebenso will sich der Ausschuss damit befassen, ob Schießbögen den gleichen Einschränkungen wie andere zum Verkauf freigegebene Waffen unterliegen sollen. Der Southport-Täter Axel Rudakubana wollte einen solchen Gegenstand Jahre vor der Tat bestellen und hatte dafür zwei Verkäufer kontaktiert.

Eltern setzten dem Southport-Täter keine Grenzen

Zugleich stellten die Gutachter jahrelange Präventionsmängel durch Eltern und Behörden fest. „Wären ab Dezember 2019 geeignete Vorkehrungen getroffen und angemessene Ressourcen bereitgestellt worden, um dem Risiko zu begegnen, das Rudakubana für andere darstellte, wäre es höchstwahrscheinlich nicht zu der Tragödie vom 29. Juli 2024 gekommen“, heißt es wörtlich in dem 776seitigen Dokument. Zu diesem Zeitpunkt hatte der damals Zwölfjährige einen Mitschüler mit einem Hockeyschläger attackiert.

Beklagt wird unter anderem, dass die Eltern seinem Verhalten „keine Grenzen“ gesetzt hatten. „Dies hatte schwerwiegende Folgen für Rudakubanas Möglichkeiten, auf unangemessenes, gewalttätiges Material zuzugreifen und Waffen online zu bestellen.“ Demnach hatten sie den mittlerweile 19jährigen Täter selbst unmittelbar vor seinem Mord nicht der Polizei gemeldet, trotz einer langen Vorgeschichte von Gewalt und Waffenkauf.

Auch warfen die Gutachter den Eltern vor, ihre Fehler mit „unehrlicher Argumentation“ zu rechtfertigen. Zugleich betonten sie, Rudakubana habe deren Leben „fast in einen Albtraum“ verwandelt, und merkten an, er sei gegenüber seinem Vater bereits gewalttätig gewesen.

Rassismusvorwürfe und eine Diagnose spielten eine Rolle

Der Untersuchungsausschuss fügte hinzu, dass verschiedene Behörden die Gefahr, die von dem gewalttätigen Jungen ausgegangen war, unterschätzt hätten. Dabei zitierte das Gremium die Aussage der ehemaligen Schulleiterin Rudakubanas, wonach sein Vater und die für ihn zuständige Psychologin ihr „feindlich“ begegnet seien. „Die Psychologin ging sogar so weit, mir vorzuwerfen, ich würde den Täter als ‘einen jungen Schwarzen mit einem Messer’ rassistisch stigmatisieren. Nichts konnte von der Wahrheit weiter entfernt sein.“

Verschiedene Behörden hätten zudem die Autismusdiagnose des Southport-Täters genutzt, um seine Gewalt zu entschuldigen, statt angemessene Maßnahmen zu ergreifen. „Das Problem wurde aufgrund eines erheblichen Mangels an Wissen weder angegangen noch in seiner Tragweite erkannt.“ Hinzu käme das Schieben der Verantwortung für Rudakubanas Vorfälle zwischen der Polizei, dem staatlichen Präventionsprogramm „Prevent“ und dem Landratsamt im Kreis Lancashire, wo Southport liegt.

„Prevent“ selbst hatte dreimal die Beschwerden der Lehrer gegen den späteren Mörder zurückgewiesen. Die dafür Zuständigen wussten, dass er nach Gewaltbildern und -videos gesucht hatte. Zugleich begründeten sie die Absagen stets mit einer „unklaren Ideologie“ des Täters. Das Programm befasst sich überwiegend mit Rechtsextremismus und Islamismus.

Axel Rudakubana wurde zu 52 Jahren Haft verurteilt

Auch die Gutachter stellten keine Beweise dafür fest, dass Rudakubana einer konkreten Ideologie anhänge. Zwar war auf seinem Rechner eine Terror-Anleitung von al-Qaida gefunden worden (JF berichtete). Allerdings seien dort auch Bilder, Darstellungen und Analysen von Greueltaten während anderer Konflikte zu sehen gewesen, ebenso Karikaturen, die Religionen wie den Islam, das Judentum und das Christentum persiflierten.

Rudakubana hatte Ende Juli 2024 drei Kinder in Southport während einer Tanzstunde getötet. Nach einem monatelangen Prozess wurde der damals 17jährige Täter zu 52 Jahren Haft verurteilt. Unmittelbar darauf folgten landesweite Proteste gegen die britische Migrationspolitik, da die Behörden den Namen und die Herkunft des Täters zwei Tage lang nicht nannten. Vielerorts kam es zu Ausschreitungen, Angaben der Arbeitsgemeinschaft RADAR zufolge nahm die Polizei mindestens 1.233 Personen im Zusammenhang mit den Unruhen fest.

Der erst Wochen zuvor vereidigte Premierminister Keir Starmer kündigte eine harte Gangart gegen die Beteiligten an. „Ich werde nicht davor zurückschrecken, es als das zu benennen, was es ist: rechtsradikales Ganoventum“, hieß es damals. Nach einem monatelangen Prozess wurde Rudakubana zu 52 Jahren Haft verurteilt. (kuk)

Der Täter von Southport, Axel Rudakubana (m.), in einer Gerichtszeichnung. Foto: picture alliance / empics | Elizabeth Cook
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