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Buchrezension: Ein Porträt des Untergangs der DDR

Buchrezension: Ein Porträt des Untergangs der DDR

Buchrezension: Ein Porträt des Untergangs der DDR

Eine Demonstration des „Weißen Kreises“ in Jena, 1982: Die Protestaktionen in der DDR werden Peter Niebergall bald zum Verhängnis. Foto: Stasi-Unterlagen-Archiv
Eine Demonstration des „Weißen Kreises“ in Jena, 1982: Die Protestaktionen in der DDR werden Peter Niebergall bald zum Verhängnis. Foto: Stasi-Unterlagen-Archiv
Eine Demonstration des „Weißen Kreises“ in Jena, 1982: Die Protestaktionen in der DDR werden Peter Niebergall bald zum Verhängnis. Foto: Stasi-Unterlagen-Archiv
Buchrezension
 

Ein Porträt des Untergangs der DDR

In einer neuen Autobiographie schildert DDR-Regimegegner Peter Niebergall nicht nur seinen oppositionellen Werdegang. Das Buch „Wir wollten weg“ zeichnet minutiös ein Bild des dahinsiechenden Sozialismus.
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Am 20. November 1998 wurde Ekkehard Kaul vom Berliner Landgericht zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Am 27. Oktober 1983 wurde Peter Niebergall von der Strafkammer des Stadtbezirksgerichts Berlin-Pankow zu einem Jahr und zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Die Strafe wurde nicht zur Bewährung ausgesetzt. Beide Urteile stehen in einem engen Sachzusammenhang. Ekkehard Kaul war der Staatsanwalt in der DDR, der Peter Niebergall und seine Frau Heidi wegen des Straftatbestands „Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit“ angeklagt hatte.

Nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes, über dessen systematische Verstöße gegen demokratische Grundprinzipien Niebergall jetzt unter dem Titel „Wir wollten weg“ eine autobiographische Buchführung vorgelegt hat, stand Kaul dann selbst vor Gericht und wurde der Rechtsbeugung in Tateinheit mit Freiheitsberaubung für schuldig befunden. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Peter Niebergall: Wir wollten weg. Jetzt im JF-Buchdienst bestellen.

Der Protagonist wird Augenzeuge des Prager Frühlings

Das Buch von Peter Niebergall, eine schonungslose Abrechnung mit der zweiten deutschen Diktatur auf deutschem Boden, findet in dem Prozess, der dem Ingenieur und seiner Frau Heidi gemacht wurde, einen seiner Höhepunkte. Und auch die Biographie der beiden Eheleute bekommt an diesem denkwürdigen Tag im Herbst des Jahres 1983 eine entscheidende Weichenstellung. Es kommt danach noch einiges auf sie zu. Niebergalls Memoiren stellen eine Erkundungsreise mitten hinein ins Herz eines Unrechtsstaates dar und sollten Pflichtlektüre für alle sein, die, namentlich in den Kreisen des SED-Nachfolgers Linkspartei, immer noch beträchtliche Schwierigkeiten mit dieser Etikettierung haben.

Das Buch beginnt mit einem Paukenschlag: Ein Hauch von „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ weht durch die Erinnerungen des Autors an eine Reise in die damalige Tschechoslowakei, ins südböhmische Chlum u Trebone, die der frisch in die zwölfte Klasse versetzte Oberschüler ausgerechnet zur Zeit des Prager Frühlings unternimmt. Er wird Augenzeuge des Einmarsches der Sowjetunion, der den Satelliten wieder auf Kurs bringen sollte. Es ist der erste schwere Schlag ins Kontor des zunächst noch gar nicht so kritischen jungen Mannes. Fortan wird er jede Propagandalüge, jede doppelte Moral, jede scheinheilige Behauptung des SED-Regimes anhand dessen überprüfen, was er in der CSSR und in der Zeit danach gelernt hat.

Nach der glücklichen Rückkehr aus dem Dissidentengebiet wird er an seiner Penne, der Geschwister-Scholl-Schule in Sondershausen (Bezirk Erfurt), nämlich unfreiwillig selbst zum Dissidenten, als er berichten will, was er erlebt hat. Selbstkritikübungen, Anschwärzerei und Verrat folgen – ganz normaler DDR-Alltag eben. Im Grunde ist die Karriere des Thüringers, der an der Universität Rostock zum Ingenieur für Landschaftstechnik („Meliorationswesen“ hieß das in der DDR) ausgebildet wird, damit vorgezeichnet.

DDR-Staatssicherheit schlägt zu

Der kritische Selbstdenker bekommt eine Stelle beim VEB-Meliorationsbau Cottbus, lernt seine Frau Heidi kennen, lässt sich 1977 nach Zeesen, später in die Hauptstadt zu seiner Frau versetzen, die eine Facharztausbildung am Krankenhaus Berlin-Friedrichshain absolviert. Gemeinsam quälen sie sich zu einer halbwegs passablen Wohnung. Aber es gibt eine Grundkonstante in ihrem Alltag: Dieser Staat hält nicht, was er verspricht. Der Seufzer „Armes Vaterland!“ wird zum Leitmotiv ihres Lebens – und dieses Buches.

Und so reift der Entschluss, einen Antrag auf Ausreise in die Bundesrepublik zu stellen. Es kommt zum Kontakt mit den Gleichgesinnten des „Weißen Kreises“. Nach einer Reihe stiller Protestaktionen mit bis zu 150 Teilnehmern auf dem „Platz der Kosmonauten“ in Jena schlägt die Staatssicherheit am 6. August 1983 schließlich zu: Gemeinsam mit anderen Bürgerrechtlern werden Heidi und Peter in Haft genommen. Ein kafkaesker Alptraum beginnt, der die beiden in die tristen Zellen des Totalitarismus führen wird.


Zweifellos wären in einer ganzen Reihe von Kapiteln – JF-Autor Günter Scholdt deutet es in seinem Vorwort dezent an – Raffungen möglich, vielleicht auch nötig gewesen. Für alle, die die sogenannte Deutsche Demokratische Republik noch selbst erlebt haben, wird sich gerade in dem überlangen Kapitel „Sein oder Bewusstsein?“ nichts überraschend Neues finden.

Wer denkt da nicht an Nancy Faeser?

Breiten Raum nehmen darin, geschildert in nüchtern-distanziertem Ton, die endlosen Frustrationen im real gescheiterten Sozialismus auf deutschem Boden ein und färben schließlich sogar auf die Sprache des Buches ab, wenn die sozialistische Praxis „Probleme und Kontroversen antagonistischer Art im Hinblick auf die staatlichen Planvorgaben und Produktionsmethoden“ erzeugt, ein mustergültiges Beispiel dafür, dass in „Wir wollten weg“ Sprachästheten nicht immer auf ihre Kosten kommen. Vielen Sätzen fehlt der Feinschliff. Wenn Niebergall sich für den passendsten Begriff nicht entscheiden kann, serviert er einfach zwei. Daraus ergeben sich sprachliche Redundanzen, in denen sich so manche vermeidbare Länge des Inhalts kongenial spiegelt.

Seinen großen Wert hat der Lebensbericht jedoch vor allem in der Vergegenwärtigung dessen, wie weit die Bundesrepublik inzwischen selbst auf DDR-Kurs ist. Wer würde bei den Protesten vom „Platz der Kosmonauten“ nicht unwillkürlich an die bundesdeutschen Montagsmarschierer denken oder bei der Lektüre des Paragraphen 106 StGB („Staatsfeindliche Hetze“) der SED-Diktatur, der auf Seite 179 des Buches abgedruckt ist, an Nancy Faeser?

Ein Witz über die Planlandwirtschaft, den sich Bürger des Arbeiter- und Bauernstaats erzählten, um die durch Lügenpropaganda vernebelte kommunistische Dauermisswirtschaft zu verspotten, wird da zum Mutmacher für alle, die sich in den letzten Jahren in „unserer Demokratie“ den Vorwurf der Volksverhetzung, Politikerschmähung oder Staatsdelegitimierung eingehandelt haben:

„Im Stall einer Schweinezuchtanlage sollte eine Super-Sau laut Plan 15 Ferkel werfen. Als ihre schwere Stunde vorüber war, lagen aber nur 10 kleine Schweine im Stroh. Den verantwortlichen Schweinemeister plagten Schuldgefühle. Er gab seinem LPG-Vorsitzenden vorsichtshalber 11 Ferkel an. Diesem war die Planauflage ebenfalls bekannt. Er meldete der Abteilung Landwirtschaft beim Rat des Kreises die Geburt von 12 Tierchen. Aus diesen waren beim Rat des Bezirkes bereits 13 geworden. Die dortige Abteilung Landwirtschaft konnte stolz 14 Ferkel an den Staatsrat melden.

Als dessen Vorsitzender Erich Honecker deren Anzahl zu Ohr bekam, stimmte der Plan. Er freute sich mit seinen Genossen und verkündete: ‘Für die hervorragende Leistung erhält der tüchtige Schweinemeister eine Prämie. Von den 15 Ferkeln gehen 10 in den Export, 5 bleiben in der Republik.’“

So klang „Schwachkopf“ im Stasi-Staat.

Aus der JF-Ausgabe 14/26.

Eine Demonstration des „Weißen Kreises“ in Jena, 1982: Die Protestaktionen in der DDR werden Peter Niebergall bald zum Verhängnis. Foto: Stasi-Unterlagen-Archiv
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