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Buchrezension: Noch ein „Osten“-Bestseller für Idioten

Buchrezension: Noch ein „Osten“-Bestseller für Idioten

Buchrezension: Noch ein „Osten“-Bestseller für Idioten

Publizistin Jana Hensel stellt ihr neues Buch „Es war einmal ein Land“ auf der Leipziger Buchmesse vor: Sie gilt für viele als Osten-Kennerin. Foto: IMAGO / Manfred Segerer
Publizistin Jana Hensel stellt ihr neues Buch „Es war einmal ein Land“ auf der Leipziger Buchmesse vor: Sie gilt für viele als Osten-Kennerin. Foto: IMAGO / Manfred Segerer
Publizistin Jana Hensel stellt ihr neues Buch „Es war einmal ein Land“ auf der Leipziger Buchmesse vor: Sie gilt für viele als Ostexpertin. Foto: IMAGO / Manfred Segerer
Buchrezension
 

Noch ein „Osten“-Bestseller für Idioten

Mit Geld, „Teilhabe“ und Mitleid würde „der Osten“ nicht rechts wählen: Journalistin Jana Hensel bringt mit „Es war einmal ein Land“ ein enttäuschend beliebiges Buch über die ehemalige DDR. Thorsten Hinz rezensiert.
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Noch vor dem offiziellen Erscheinungstermin wurde das neue Buch der Journalistin Jana Hensel zum Bestseller ausgerufen. Hensel, geboren 1976 im sächsischen Borna, hatte sich bereits 2002 mit dem Generationenbuch „Zonenkinder“ als patentierte Ostexpertin im Kulturbetrieb etabliert. Der Titel „Es war einmal ein Land“ könnte dem lyrischen Nekrolog entlehnt sein, den Agnes Miegel auf den Untergang Ostpreußens verfasst hat, doch Trauerstimmung über das Verschwinden der DDR liegt Hensel fern. Im Gegenteil, sie meint das vereinte Land, das nun wieder auseinanderfällt, weil „sich der Osten von der Demokratie verabschiedet“.

In diesem Sinne jedenfalls interpretiert Hensel die Wahlerfolge der AfD im Osten. Es handele sich um eine Partei, die „mit großer Abscheu, mit einem derart vehementen Widerwillen und einer so ausgeprägten Zerstörungslust auf Parteien, Medien und andere demokratische Institutionen blickt“ und einen „rechtsextremistischen Verdachtsfall“ darstelle. Woher sie das weiß? Sie hat im Verfassungsschutzbericht geblättert und glaubt ihm aufs Wort.

Jana Hensel: Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet. Aufbau Verlag, Berlin 2026, gebunden, 263 Seiten, 22 Euro

Hensel beklagt einen langen Weg des „Ostens“ nach rechts

Grundsätzlich kann sie das Fremdeln des Ostens mit dem politischen Weststandard ja nachvollziehen: Die brutale Umwälzung der gesamten Lebenswelt nach 1990, der Elitenaustausch, die ungleichen Eigentumsverhältnisse, die Arroganz der westdeutschen Medienhäuser bieten Gründe genug. So weit, so bekannt.

Verständnis hat sie für die Sozialproteste gegen die Hartz-Gesetze unter Gerhard Schröder. Sie waren links, also gut. Kein Verständnis bringt sie für den Pegida-Protest auf, denn der war rechts, also böse. Das manichäische Muster ist in demokratietheoretischer Perspektive völliger Blödsinn, aber es macht das Buch kompatibel im hegemonialen Politik- und Mediendiskurs. „Jene Ostdeutschen, die heute AfD wählen, sind im Begriff zu gehen. Sie machen Schluss.“ Das ist negativ gemeint. Man könnte es auch positiv sehen: Als Überwindung der Duldungsstarre. Als Emanzipation von diskursiver Fremdbestimmung. Als den Versuch, sich die Demokratie von den auf Besitzstandswahrung ausgerichteten Altparteien zurückzuholen.

Doch Dialektik ist keine Stärke der Jana Hensel. Unbeirrt erzählt sie die „Geschichte einer Gesellschaft, die gekippt ist“ und den langen „Weg nach rechts“ angetreten hat. Sogar prominente „Wessis“ gehen diesen Weg mit. Hensel schüttelt den Kopf über die „Abgedrifteten, Wütenden, Warner und Spaltungsunternehmer“ wie Thilo Sarrazin und Norbert Bolz, die sich laut vernehmbar machen und trotzdem die Meinungsfreiheit bedroht sehen. Fand die Drucklegung des Manuskripts vor oder nach der Hausdurchsuchung statt, die Bolz über sich ergehen lassen musste?

Die Autorin bleibt vom Kampf gegen die AfD überzeugt

Wo viel Schatten ist, muss auch Licht sein. Es findet sich in den Kurzreportagen über Politiker und Publizisten aus dem Osten: Hensel hat Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin in Schwerin, die Thüringer Ministerin Katja Wolf (früher Linkspartei, jetzt BSW), den ÖRR-Dissidenten Alexander Teske aufgesucht. Die Ex-Grüne Antje Hermenau bringt die Ost-Stimmung gegen den West-Oktroi auf den Punkt: „Es ist vorbei. Es bringt nichts mehr.“

Sogar ihr Grauen vor der AfD hat Hensel professionell überwunden. Tino Chrupalla wird als bodenständiger, zupackender Mann geschildert, der, bevor er in die Politik ging, handfest und wertschöpfend gearbeitet hatte und als Inhaber eines mittelständischen Betriebs erfahren hat, was es heißt, persönliche Verantwortung zu tragen. Der flamboyante Maximilian Krah hat ihr erklärt, dass der Westen für die „Ossis“ längst kein Nonplusultra mehr ist. Sogar in das Herz der Finsternis, in den Umkreis von Schnellroda, hat die Autorin sich getraut und den Politikwissenschaftler und Publizisten Benedikt Kaiser als einen klugen Mann mit angenehmen Umgangsformen erlebt. Was sie nicht davon abbringen kann, „mit allen Mitteln gegen die AfD zu kämpfen“. Tatsächlich? Mit allen Mitteln?

Kitsch und Begriffsstutzigkeit plagen das Buch

Der Philosoph Jürgen Große hat konstatiert, dass der westdominierte Politik- und Medienbetrieb in seinen Ostdiskursen nie etwas über sich selber lernt. Auch Hensel, die Ostgeborene, vermag es nicht, ihm ein Licht aufzustecken. Ihr Buch läuft auf die Empfehlung hinaus, den „Ossis“ mehr Teilhabe zu gewähren. Doch Teilhabe woran? Am systemischen Staatsversagen?


Begriffsstutzigkeit und die Liebe zum pathetischen Kitsch gehen gewöhnlich Hand in Hand. So auch hier. Die Demokratie sei „auferstanden aus der Asche von Auschwitz“, schreibt Hensel, was wohl eine neckische Anspielung an die DDR-Hymne („Auferstanden aus Ruinen“) sein soll. Um den Ernst der Lage und die eigene Gestimmtheit anschaulich zu machen, zitiert sie Christa Wolfs DDR-Nekrolog „Was bleibt?“: „Einmal werde ich alt sein. Und wie würde ich mich dieser Tage erinnern?“

Eine mögliche Antwort gibt das Gedicht „Ajax zum Beispiel“ von Heiner Müller: „In den Buchläden stapeln sich / Die Bestseller Literatur für Idioten / Denen das Fernsehen nicht genügt“.

Wir klappen Jana Hensels neues Buch zu und legen es auf den Stapel drauf.

Aus der JF-Ausgabe 13/26.

Publizistin Jana Hensel stellt ihr neues Buch „Es war einmal ein Land“ auf der Leipziger Buchmesse vor: Sie gilt für viele als Ostexpertin. Foto: IMAGO / Manfred Segerer
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