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Vortrag von Michael Feldkamp: Ein „Lichtblick“ der Stasi im Vatikan

Vortrag von Michael Feldkamp: Ein „Lichtblick“ der Stasi im Vatikan

Vortrag von Michael Feldkamp: Ein „Lichtblick“ der Stasi im Vatikan

Historiker Michael Feldkamp in der Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus. Er referiert über einen Stasi-Spion im Vatikan. Foto: JF
Historiker Michael Feldkamp in der Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus. Er referiert über einen Stasi-Spion im Vatikan. Foto: JF
Historiker Michael Feldkamp in der Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus. Foto: JF
Vortrag von Michael Feldkamp
 

Ein „Lichtblick“ der Stasi im Vatikan

Das Netzwerk der Stasi reichte sogar bis ins Machtzentrum der katholischen Kirche hinein – dank einem Mann, den Michael Feldkamp in der Berliner Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Kommunismus vorstellt. An Diskussionsbedarf und Humor mangelt es nicht.
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Von Karl dem Großen bis zu Angela Merkel mache er „alles“: So stellt sich Historiker Michael Feldkamp am Dienstag abend in der Berliner Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Kommunismus vor. Mehr als 80 Gäste hören ihm aufmerksam zu. Zeitzeugen, Geschichtsinteressierte, vereinzelt Priester. Im kleinen Kellersaal bleibt kein Platz unbelegt. Wer zu spät kommt, muss neben dem kleinen Saal im Korridor stehen. Es geht um nichts weniger als einen „Lichtblick“ der Staatssicherheit im Vatikan. So lautete der IM-Spitzname des Benediktiners Eugen Brammertz, der von 1974 bis zu seinem Tod 1987 für die DDR die Oberhirten der katholischen Kirche ausspionierte.

„Wenn Sie ein Buch über den Vatikan schreiben möchten, muss da unbedingt das Wort ‘geheim’ vorkommen, damit das überhaupt Aufmerksamkeit bekommt“, ironisiert Feldkamp zur Belustigung der Zuschauer. Und an Geheimnissen mangelte es im Fall Brammertz nicht: So wurde er erst 1998 nach dem Mord am Kommandanten der Päpstlichen Schweizergarde, Alois Estermann, endgültig enttarnt. „Sofort kam das Gerede auf, er sei Agent gewesen.“

Dass er für die Stasi gearbeitet hatte, dementierte kein Geringerer als der Ex-Chef der Stasi-Auslandsabteilung, Markus Wolf, gegenüber einer italienischen Nachrichtenagentur. Gleichwohl hieß es aufgrund eines Übersetzungsfehlers zunächst, der richtige Informant Ostberlins sei „ein Wissenschaftler“ gewesen. Erst in einem späteren Gespräch mit dem Sender Rai Uno stellte Wolf klar: Es war ein Gymnasiallehrer, und zwar Brammertz.

Brammertz’ sozialistische Haltung war frühzeitig erkennbar

„Er war ein Überzeugungstäter gewesen“, urteilt Feldkamp. „Er hat sich freiwillig bei der Stasi gemeldet. Vermutlich hatte er schon auch bei den Russen Kontakt gehabt, als er in deren Feldlager in Ost-Berlin tätig war.“ Der spätere IM „Lichtblick“ wurde 1915 in Aachen geboren und stammte aus einfachen Verhältnissen. Nach dem Abitur trat er ins Kloster St. Matthias in Trier ein. Im Zweiten Weltkrieg diente er als Sanitäter bei der Luftwaffe, wo er französische Kriegsgefangene betreute. „Wahrscheinlich öffnete sich Brammertz in dieser Phase erstmals der linken Ideologie.“ Auch sei er nach dem Krieg schnell aus der Internierung freigekommen.

Sieben Jahre lang studierte der laut Feldkamp „sprachbegabte“ Benediktiner Ägyptologie und Koptologie in München. Schon beim Lesen seiner Dissertation 1953 sei seine sozialistische Haltung zu spüren gewesen. Darin verglich er die Verhältnisse im Ägypten des 8. und 9. Jahrhunderts mit dem „Manchesterkapitalismus“ während der Industriellen Revolution.

Anschließend war er über zwei Jahrzehnte lang als Religionslehrer tätig. In den privaten Kreisen mit „besonders befähigten“ Schülern, so Feldkamp, habe er sich als „progressiver Theologe“ dargestellt und den Zeitgeist vermittelt, der dem der 68er-Bewegung nahestünde. 1974 folgte der Umzug nach Rom, in die Abtei San Anselmo. „Jetzt wurde er für die Stasi interessant.“

Die Stasi konnte seinen Berichten wenig abgewinnen

Denn Brammertz wurde beim L’Osservatore Romano, dem Amtsblatt Vatikans, als Autor der deutschsprachigen Ausgabe eingestellt. Neben Übersetzungen „hochamtlicher Publikationen“, sollte er auch Meinungsartikel schreiben. Allerdings habe er sich „sehr zurückgehalten“ und lediglich die Auffassung des Vatikans wiedergegeben. Stattdessen machte sich der „nicht ausgelastete“ IM schnell eine andere Eigenschaft zunutze.

„Er galt als Partylöwe. Das heißt natürlich nicht, er ging in Clubs wie den Berliner Berghain“, erzählt Feldkamp. Wohl aber auf Kardinalsempfänge, um mit möglichst einflussreichen Personen in Kontakt zu treten und „natürlich auch diese Lästermäuler“ zu hören. „Der Bischof so und so, der hat einen Freund oder eine Freundin. Das ist doch das, was die Leute belastbar macht oder erpressbar macht, auch für die Stasi.“

Diese konnte mit „Lichtblicks“ Berichten allerdings „herzlich wenig“ anfangen, obgleich ihnen hohe Bedeutung beigemessen worden sei. Nach der Wahl des Polen Karol Wojtyła zum Papst Johannes Paul II. seien „zehn, vielleicht 15 Prozent“ der Unterlagen nach Warschau gegangen. Dort liege auch die „große Chance“, einen richtigen Einblick in die Tätigkeit des Benediktiners zu bekommen.

„Mein Haupterwerb ist nicht die Kirchengeschichte“

Einige „Durchschläge“ habe er auch als Briefe an sein Kloster in Trier geschickt. „In seinem ordensinternen Nachruf steht, seine Beiträge zeugten von ‘feuilletonistischer Eleganz’“, zitiert Feldkamp. Darin befänden sich Stimmungsberichte ohne erkennbare Agententätigkeit oder Berichte über die gesamtpolitische Lage.

Politisch wird es in der Fragerunde. Ein Zuschauer spricht das Verhältnis des SPD-Bundeskanzlers Willy Brandt zum Vatikan an. Dieser habe Papst Johannes XXIII. aufgefordert, seine „antikommunistischen Allüren“ einzudämmen. „Wenn Benedikt das gemacht hätte, hätten die ihn noch heftiger unter Druck gesetzt“, so Feldkamps Antwort.


Hin und wieder verwechselt der Historiker, dessen Gebiet vor allem die Geschichte des deutschen Parlamentarismus ist, einzelne Namen – und wird schnell vom Publikum korrigiert. „Bevor mich hier jemand sanft unterbricht“, erinnert er während einer Diskussion, „mein Haupterwerb ist nicht die Kirchengeschichte.“ Ein Priester hinter ihm quittiert das mit einem „Ach“. Die Zuschauer zeigen sich dennoch erkennbar zufrieden.

Dass die Stasi mit Kirchenpolitischem wenig anfangen konnte, wundere Feldkamp bereits seit seinem Umzug nach Berlin nicht mehr – auch mit Blick auf die aktuelle Bundespolitik. „Weil ich natürlich auch gesehen habe, wie in der Diaspora und dann gerade in solchen Staatsapparaten keiner mehr ist, der sich für die Kirche interessiert.“ Ein paar Ausnahmen nennt er aber. Darunter die „geschätzte“ Bundestagspräsidentin Julia Klöckner.

Historiker Michael Feldkamp in der Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus. Foto: JF
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