HAMBURG. Nach breiter Kritik im Netz hat das Thalia-Theater die künstlerische Debattenreihe „Prozeß gegen Deutschland“ zum möglichen AfD-Verbot wieder vollständig auf YouTube veröffentlicht. „Ursprünglich war vorgesehen, die Aufzeichnung vom ‘Prozeß gegen Deutschland’ nur begrenzt für eine Woche online zu zeigen“, teilte das Theater am Donnerstag mit. „Nun haben wir entschieden, auch auf Wunsch vieler Beteiligter und Interessierter, die Aufzeichnung wieder sichtbar zu schalten.“ Die Einrichtung beklagte, viele Ausschnitte der Veranstaltung seien „zum Teil aus dem Zusammenhang gerissen“ und „inhaltlich umgedeutet“ worden.
Zuvor hatte das Theater nahezu alle Aufzeichnungen des „Prozesses“ verborgen (JF berichtete). Lediglich ein Plädoyer des NDR-Journalisten Michel Abdollahi gegen die AfD und die „Rechtsextremisten“ blieb sichtbar. Auf Nachfrage des freien Journalisten Boris von Morgenstern begründete das Theater den Schritt mit „urheberrechtlichen Gründen“. Es sei demnach „die übliche Praxis“. Kritik daran kam unter anderem von der ehemaligen AfD-Bundestagsabgeordneten Joana Cotar. „Die Wahrheit in manchen Reden und Aussagen war wohl einigen Dorn im Auge“, schrieb die Politikerin auf X. Auch sie hielt beim „Prozeß“ eine Rede gegen das AfD-Verbot.
Das ist krass.
Das Thalia Theater hat sämtliche Videos des „Prozesses gegen Deutschland“ gelöscht.
Ein einziges Video hat überlebt. Eine Rede gegen die AfD.
Die Wahrheit in manchen Reden und Aussagen war wohl einigen Dorn im Auge. pic.twitter.com/lMX2ehSWVw
— Joana Cotar (@JoanaCotar) February 24, 2026
Regisseur des AfD-„Prozesses“ sieht „extreme Frontenbildung“
Bei der Inszenierung, die am vorvergangenen Wochenende veranstaltet worden war, traten Journalisten, Wissenschaftler, Experten und andere Prominente auf Seiten der Gegner und Befürworter des Verbots der Partei auf. Aufmerksamkeit erhielt eine kritische Rede des Welt-Kolumnisten Harald Martenstein (JF dokumentierte). „Wenn Sie wollen, daß die AfD verboten wird, müssen Sie nachweisen, daß diese Partei das Land in ein anderes System überführen möchte“, mahnte er. Die „Jury“ einigte sich nach der dreitägigen Diskussionsreihe auf eine Prüfung des Verbots und den Entzug der Parteienfinanzierung.
Der Regisseur und Ideengeber des „Prozesses gegen Deutschland“, Milo Rau, betonte gegenüber dem Cicero, das Stück sei ein Versuch gewesen, unterschiedliche Stimmen miteinander ins Gespräch zu bringen. „Denn die Demokratie stirbt, wenn man es sich zu bequem macht, wenn man nicht mehr mit denen redet, deren Meinung man nicht teilt oder deren Fakten man falsch findet.“ Auch kritisierte er „eine verringerte Gesprächsbereitschaft“ in Deutschland, wo es eine „extreme Frontenbildung“ und „einen Hang zur moralischen Zuschreibung“ gebe. (kuk)




