Der Mensch glaubt seit Jahrtausenden, er habe die Katze domestiziert, während sie diese Auffassung mehr oder weniger höflich ignoriert. Der vom Wolf abstammende Hund ließ sich vom Menschen zähmen, was zu einer jahrtausendealten Zweckgemeinschaft und treuen Freundschaft führte, von der beide Seiten profitieren. Katzen schlossen sich dem Menschen von selbst an – allerdings erst, als Haus und Hof entstanden waren und einen gemütlichen Unterschlupf samt Versorger bereitstellten.
Schon der Humanist Petrarca teilte die Menschheit in zwei Kategorien ein: „in Katzenliebhaber und die vom Leben Benachteiligten“. Denn Katzen beherrschen etwas, was wir heute mühsam in Achtsamkeitsseminaren zu erlernen hoffen: vollkommen im Augenblick zu sein. Während der Mensch oft von Eitelkeit und Optimierungswahn geplagt wird, sind Katzen eine freundlich blinzelnde Erinnerung daran, dass sich das Leben nun einmal nicht vollständig beherrschen lässt.
Die Britisch-Kurzhaar ist die Ruhe in Person
Dennoch versuchen Menschen bemerkenswert hartnäckig, den Charakter von Katzen vorherzusagen. Tatsächlich weisen unterschiedliche Rassen bestimmte Tendenzen auf: Die Britisch-Kurzhaar beispielsweise gilt als Inbegriff der Gelassenheit. Ihr dichtes, plüschiges Fell passt zu ihrem Wesen: Sie ist ausgeglichen, freundlich und eher unaufdringlich, schätzt aber auch Gesellschaft – wenn ihr danach ist. Auch die Maine Coon, eine der größten Hauskatzenarten, überrascht trotz ihrer imposanten Erscheinung durch ein sanftes Wesen; sie ist verspielt, geduldig und ausgesprochen sozial. Viele folgen ihren Menschen neugierig durchs Haus und beteiligen sich an allem, was gerade geschieht. Noch sanfter, anhänglicher und menschenbezogener ist übrigens die Ragdoll: Entspannt lässt sie sich jederzeit umstandslos hochheben; zerfetzte Unterarme wird ihr Besitzer eher nicht davontragen.

Derartige Eigenschaften sind natürlich auch relevant für die Frage, welcher Typ Mensch sich welches Fellknäuel ins Leben holen soll. Während introvertierte Naturen die sphinxhafte Ruhe der eben genannten Rassen schätzen mögen, wünscht sich manch anderer einen aktiven Charakter und Feuer hinter den großen Perlaugen. Die Perserkatze etwa bewegt sich mit aristokratischer Gelassenheit; ihr Gesichtsausdruck lässt vermuten, dass sie ohnehin schon fast alles kennt und sich auch von den wenigen verbliebenen Überraschungen nur mäßig beeindrucken läßt. Ihr prachtvolles Fell verlangt allerdings viel menschliche Pflege.
Weit weniger stoisch ist die Siamkatze, denn sie ist eine kleine Plaudertasche. Verzeihung: Sie kommentiert. Alles. Den Tagesablauf, das Futter, die Gäste. Zu ihrem Menschen baut auch sie eine enge Beziehung auf, denn sie braucht ihn für ihre intelligenten Gespräche. Möglichst rund um die Uhr; Alleinsein ist ihr ein Graus.
Bei Katzen ist die Ausnahme die Regel
Selbstredend gibt es auch Katzenarten mit ausgeprägtem Bewegungsdrang. Die Abessinierkatze zählt zu den aktivsten und neugierigsten Rassen überhaupt; Schränke, Regale und Bücherwände sind für sie eine verheißungsvolle Einladung, Dekoration dient ihr der Forschung – vielleicht ist die Schwerkraft ja doch ein Mythos? Das sollte man akzeptieren können. Auch die Bengalkatze verfügt über schier olympische Ambitionen: Langeweile ist für sie keine Option; spielen, klettern, jagen hingegen schon; jeder Schrank eine Aussichtsplattform, jede Schublade lädt zur Eroberung ein. Immerhin: Intelligenz verpflichtet – bei ihr vor allem den Menschen. Mit ihrem exotischen goldenen Fell und der rosettenartigen schwarzen Zeichnung erinnert sie an einen Leoparden im Miniaturformat. Und wie dieser ist sie alles andere als wasserscheu!

Allerdings sollte man auch hier – wie bei allen Rassetieren – auf die Herkunft achten. Verantwortungsvolle Züchter stellen Aussehen und Charakter der Tiere nicht über deren Gesundheit, vermeiden Inzucht und achten auf die nötige genetische Mischung. So vermeiden sie rassetypische Erkrankungen – bei Maine Coon oder Britisch Kurzhaar beispielsweise die hypertrophe Kardiomyopathie (HCM), eine Herzmuskelerkrankung. Bei manchen extrem kurznasigen Perserkatzen spricht man gar von Qualzucht. Seriöse Züchter weisen die Gesundheit der Elterntiere nach, informieren über Erbkrankheiten und prüfen beim Verkauf auch, ob die neuen Dosenöffner der Katze ein gutes Heim bieten.

Daher sollte man die Europäisch-Kurzhaar nicht vergessen: Sie benötigt keinen exotischen Stammbaum, um Charakter zu besitzen; sie ist robust, anpassungsfähig und in ihrem Wesen so vielfältig wie ihre Fellzeichnungen. Manche sind passionierte Jäger, andere überzeugte Zen-Meister, wieder andere wechseln je nach Tagesform zwischen beiden Lebensentwürfen. Nicht zuletzt warten unzählige von ihnen – manche jung, manche bereits erfahren – in Tierheimen auf ein neues Zuhause.
Letztlich aber sollte man die Rasse eher als eine unverbindliche Empfehlung betrachten, ist bei Katzen doch eher die Ausnahme die Regel. Die Art liefert den Prolog; die eigentliche Geschichte wird von jedem Tier selbst geschrieben – nicht selten mit überraschenden Wendungen. Die Katze ist, wer sie ist – unabhängig von Stammbaum oder Ahnentafel. In einer Welt, in der Algorithmen unsere Vorlieben berechnen und Streamingdienste erstaunlich genau wissen, was wir als Nächstes sehen möchten, bleibt die Katze ein Wesen von wohltuender Unberechenbarkeit. Und möglicherweise ist gerade das ihr sympathischster Wesenszug.





