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Umwelt: Berlin ist nur eine Müllhalde

Umwelt: Berlin ist nur eine Müllhalde

Umwelt: Berlin ist nur eine Müllhalde

Marika Schmidt im Kampf gegen die Achtlosigkeit der Berliner. (Themenbild)
Marika Schmidt im Kampf gegen die Achtlosigkeit der Berliner. (Themenbild)
Marika Schmidt im Kampf gegen die Achtlosigkeit der Berliner. Foto: Meckelein/JF
Umwelt
 

Berlin ist nur eine Müllhalde

Deutschlands Hauptstadt versinkt im Müll – und niemand fühlt sich zuständig. Eine Berlinerin versucht dennoch, gegen die zunehmende Verwahrlosung ihrer Gegend zu kämpfen. Eine Reportage.
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Eine dieser blauen, reißfesten Aldi-Tüten fasst 20 Liter. Marika Schmidt (63) braucht drei davon. Dazu eine Warnweste, einen Greifer, ein paar Handschuhe und eine Taschenlampe. So ausstaffiert pirscht sie fünf Mal in der Woche durch ihren Kiez in Berlin-Spandau. Manchmal eine Stunde, manchmal drei Stunden lang, bis die Tüten voll sind. Bei ihrem einsamen Kampf gegen die Verwahrlosung der Stadt begleitete sie die JUNGE FREIHEIT.

„Hier, schauen Sie mal, die Matratze, die lag gestern noch nicht dort. Und hier Plastikringe der Flaschenverschlüsse. Die bergen Verletzungsgefahr für die Wildtiere, die sich drin veheddern.“ Schmidt ist vom Fach. 16 Jahre arbeitete sie beim Gartenbauamt des Bezirks. Sie liebt die Natur, und hält sie ordentlich. Nicht aus einer überzogenen Ordnungsliebe, sondern aus Notwendigkeit. 2024 ist das Aufkommen an Haushaltsabfällen in Deutschland um 2,8 Prozent auf 37,7 Millionen Tonnen gestiegen, meldete das Statistische Bundesamt. Damit sei Haushaltsmüll erstmals wieder angewachsen, seit er nach dem Corona-Höchststand 2021 mit 40,3 Millionen Tonnen zwei Jahre lang weniger wurde. Pro Kopf wurden 2024 rund 452 Kilogramm Haushaltsabfälle eingesammelt, das waren elf Kilo mehr.

Wobei diese Millionen Tonnen immerhin ordentlich gesammelt und entsorgt wurden. Die Verwahrlosung der Stadt beginnt dort, wo achtlos oder mit bösem Willen entsorgt wird. „Wilder Müll“, nennt das die Stadt Berlin. Sie hat zur Meldung solcher Ablagerungen eine Service-Seite ins Netz gestellt. Es handele sich um Restmüll, der an Wald­rändern, am Straßenrand oder vor Häusern und Gärten achtlos abgelegt wird. „Die Entsorgung von wildem Müll erfolgt durch die BSR“, ist dort zu lesen.

Trotz gesundheitlicher Probleme den eigenen Kiez sauberhalten

Die Berliner Stadtreinigungsbetriebe feiern dieses Jahr ihren 75. Geburtstag. Sie sind das größte kommunale Müllunternehmen in Deutschland mit 6.400 Mitarbeitern. Und die „zentralen Anlauf- und Beratungsstellen der Ordnungsämter“ würden entsprechende Mitteilungen entgegen nehmen – aber: „Die bezirkliche Zuständigkeit der Ordnungsämter richtet sich nach dem Ort der Lagerung.“

„Also, das finde ich aber toll von ihnen“, spricht eine ältere Frau mit einem Pinscher Marika Schmidt an. „Hier liegen ja auch Eisschränke rum. Da hab ich den Leuten vom Gartenbauamt schon Bescheid gegeben, die sind aber nicht zuständig.“ Und dann beginnt ein Plausch, den Schmidt jedesmal erlebt. Über Achtlosigkeit, Aggressivität und die stetige Verwahrlosung des Kiezes. Doch ihre Frage, ob die Dame nicht mithelfen wolle, dagegen etwas zu tun, verneint die Hundebesitzerin. „Das kann ich aus gesundheitlichen Gründen nicht.“ Wenn Schmidt das hört, lächelt sie. „Ich bin Rentnerin, ich habe auch gesundheitliche Probleme und trotzdem bin ich der Meinung, dass man auf sein Umfeld achten kann.“

Was sie wirklich ärgert, sind Menschen, die Zigarettenkippen wegwerfen. „Wenn ich die dann anspreche, sagen sie, dass sie schließlich Steuern zahlen würden. Das tue ich auch und halte meine Umwelt sauber. Darüber hinaus ist das enorm umweltschädlich. Eine Kippe verschmutzt 40 Liter Grundwasser.“ Doch Schmidt erzählt auch, dass sie von diesen so angesprochenen bedroht wurde. „Seitdem halte ich besser den Mund.“

Auch Obdachlose tragen zum Müllproblem in Berlin bei

Doch das Problem, dass sich Behördenmitarbeiter nicht zuständig fühlen, ist in der Hauptstadt real und liegt an der zweistufigen Gliederung Berlins in Senat und Bezirke und führt zu unklaren Zuständigkeiten, langen Wartezeiten, totaler Frustration beim Bürger. Seit 2001 hat Berlin zwölf Stadtbezirke mit eigenen, teils autarken Parlamenten, sogenannte Bezirksverordnetenversammlungen, und den Bezirksämtern, die die Verwaltung führen. Jeder Berliner Bezirk hat dabei die Größe einer deutschen Großstadt, Spandau mit 246.000 Einwohnern ist der bevölkerungsärmste, Pankow der größte mit 410.000 Einwohnern. Die Bezirke sind wiederum untergliedert in insgesamt 97 Stadtteile.

„Für die Sauberkeit auf der Straße sind am Haus die Eigentümer, auf dem Gehweg die BSR und auf der Fahrbahn das Bauamt verantwortlich“, erklärt Schmidt. „Und so schiebt einer dem anderen die Verantwortung in die Schuhe und der Müll bleibt liegen.“ Über 27.000 öffentliche Mülleimer werden von der BSR geleert. Aber nicht nur von ihr. Der Boden ist mit einem Kreuzschlüssel leicht zu öffnen. Flaschensammler machen das gerne, wenn sie von oben nicht reinlangen können. Und der Rest wirft seinen Dreck einfach weg: Kaugummi, Kippen, Kronenkorken, Hundehaufen werden liegengelassen oder in Kotbeutel gepackt, die dann an Baumscheiben liegen. Aber auch tierische Müllsammler sind unterwegs. Krähen zerren halbleere Döner- und Pommesbehälter aus den Eimern.

Apropos Kronenkorken: „Die werden von vielen armen Menschen gesammelt, sie sind schließlich wertvolles Metall“, weiß Schmidt. „Das Problem ist allerdings, dass die Sammler die Gummiabdichtungen rauskratzen und achtlos in der Landschaft liegen lassen.“ Ein weiteres Problem in der Hauptstadt ist die enorme Zahl der wohnungslosen Menschen. Die Senatsverwaltung zählte 2025 55.656 Wohnungslose, von ihnen leben 6.032 auf der Straße. Sie hausen, meist völlig verwahrlost, unter Brücken, auf Gehwegen, in Parks. Weder können sie für sich selbst, noch für ihre Müllentsorgung sorgen.

„Mitarbeiter des Ordnungsamtes habe ich noch nie gesehen“

Marika Schmidt informiert natürlich die Behörden, der JUNGEN FREIHEIT liegen die Schreiben vor. Ende Dezember schrieb sie an den Bürgermeister Spandaus und schilderte die Situation vor Ort: „Dieser Kiez ist von totaler Verwahrlosung und Vermüllung betroffen! Meldungen beim Ordnungsamt und der BSR funktionieren nicht wirklich! Je nach Zuständigkeit mal besser; aber meistens schlechter! Es finden ständig Ordnungswidrigkeiten (Illegale Müllentsorgung) statt, aber es scheint Niemanden (Ordnungsamt, Polizei) zu interessieren!“


Sie nennt die Straßen in denen „Anwohner alles, was sie nicht mehr benötigen, einfach auf Gehwegen und Grünflächen abstellen! Autotür auf, Müll raus, Autotür zu! Plastik, Metall oder Essenreste, alles! … inklusive Rattenbefall.“ Und sie schreibt zum Ende der E-Mail: „Mitarbeiter des Ordnungsamtes habe ich noch nie gesehen.“ Die kryptische Antwort des Bürgermeisters erreicht sie zwei Tage später: Ihr Anliegen „kann ich als Fachbeschwerde werten und entsprechend im Haus zur Beantwortung weiterleiten. Bitte senden Sie mir Ihre Adressaten zu, welche ich für die Vorgangbearbeitung benötige.“

Trotz solcher Antworten lässt Schmidt sich nicht entmutigen. Sie schickt weiter Beweisfotos an die Ämter. Jüngst meldete sie eine vollgewucherte Baumscheibe. Das Kraut sprengt die zu lose gelegten Pflastersteine aus dem Fußweg. Antworten auf solche Meldungen bekommt sie keine. „Die Steine werden aber wieder verlegt“, sagt Schmidt. „Oder das Loch wird, leider, mit dem wenig belastbaren Kaltasphalt geflickt.“ So, die letzte der drei blauen Alditüten ist voll. Frau Schmidt ist zufrieden.

Aus der JF-Ausgabe 16/26.

Marika Schmidt im Kampf gegen die Achtlosigkeit der Berliner. Foto: Meckelein/JF
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