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Zum 350. Todestag: Als der Dreißigjährige Krieg seine Stimme bekam

Zum 350. Todestag: Als der Dreißigjährige Krieg seine Stimme bekam

Zum 350. Todestag: Als der Dreißigjährige Krieg seine Stimme bekam

„Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen“ (1933). Porträt des deutschen Schriftstellers Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (ca. 1621–1676), der vor allem für seinen Schelmenroman „Simplicius Simplicissimus“ bekannt ist. Aus „Gestalten der Weltgeschichte“, einem Buch mit Porträtminiaturen im Zigarettenkartenformat von Persönlichkeiten der Weltgeschichte aus den letzten vierhundert Jahren. [Deutschland, 1933] (The Print Collector / Heritage-Images)
„Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen“ (1933). Porträt des deutschen Schriftstellers Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (ca. 1621–1676), der vor allem für seinen Schelmenroman „Simplicius Simplicissimus“ bekannt ist. Aus „Gestalten der Weltgeschichte“, einem Buch mit Porträtminiaturen im Zigarettenkartenformat von Persönlichkeiten der Weltgeschichte aus den letzten vierhundert Jahren. [Deutschland, 1933] (The Print Collector / Heritage-Images)
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Einer, der dem „Volk aufs Maul schaute“. Bild: picture alliance / Heritage-Images | The Print Collector / Heritage-Images
Zum 350. Todestag
 

Als der Dreißigjährige Krieg seine Stimme bekam

Hans Jakob Christoffel vVon Grimmelshausen machte die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges zu Weltliteratur. Sein „Simplicissimus“ überdauerte Jahrhunderte und inspirierte Schriftsteller von Eichendorff bis Thomas Mann. Eine Würdigung zum 350. Todestag.
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1668 erschien ein dickleibiger Historienroman des gerade zu Ende gegangenen Dreißigjährigen Kriegs, „Der abenteuerliche Simplicissimus, Teutsch“. Als Verfasser war der bis dato völlig unbekannte German Schleifheim von Sulsfort angegeben, als Verleger ein Johann Fillion, ansässig in Mömpelgard (heute Montbeliárd in Ostfrankreich, nahe Basel), einer damals württembergischen, protestantischen Exklave. Das Buch avancierte sogleich zu einem frühen Bestseller, der sogar in einem Raubdruck herausgegeben wurde.

Geschildert wurde das Leben eines gewissen Melchior Sternfels von Fuchsheim, was er in den 1630er und 1640er Jahren „in der Welt gesehen, gelernt, erfahren und ausgestanden“ und wie er die Welt wieder „freiwillig quittiert“ (also sich als Einsiedler zurückgezogen hat, Anm. des Autors), nachdem er die Erkenntnis von der Nichtigkeit irdischer Dinge gewonnen hatte.

Über von Grimmelshausens Leben ist wenig bekannt

Die intensive, subjektive und leidenschaftliche Schilderung der Kriegserlebnisse ließ bereits die zeitgenössische Leserschaft des 17. Jahrhunderts davon ausgehen, dass es ein autobiographischer Roman sei, Held und Verfasser letztlich identisch. Aber wer war der Verfasser wirklich? Eine Person des angegebenen Namens konnte bis ins 19. Jahrhundert nicht ausfindig gemacht werden, ebenso wenig ein Verleger Fillion am angegebenen Ort (es war in Wahrheit Johann Felßecker aus Nürnberg).

Erst 1838 konnte das Rätsel um den Autor erhellt werden. German Schleifheim von Sulsfort und Melchior Sternfels von Fuchsheim ließen sich als Anagramme des Namens Christoffel von Grimmelshausen deuten. Held wie Autor waren anscheinend identisch, was dadurch verstärkt wird, dass allerorts die Sympathie des Autors für sein Geschöpf spürbar ist („Simplicissimus“ bedeutet hier als Superlativ von „simplex“ nicht „besonders einfältig“, sondern „rein“ und „unverdorben“) – auch fehlt eine pointierte Trennung von Verfasser und Held; die auktoriale Erzählform oszilliert mit der Ich-Form.

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Grimmelshausen, über dessen Leben (sieht man von den Schilderungen seiner Jugend im Roman ab) kaum etwas bekannt ist, stammte aus einer verarmten Familie des niederen Landadels und kam in Gelnhausen, vermutlich am 21. März 1621 zur Welt. Als die Kaiserlichen 1634 die Stadt brandschatzten, floh die Familie nach Hanau, dort wird der Junge von marodierenden Kroaten entführt und muss als Halbwüchsiger in den katholischen Truppen dienen, mit denen er bis in die 1640er Jahre durch die Lande zog – über Magdeburg, Brandenburg ins Münsterland, dann hinab nach Baden.

Anscheinend konnte er sich autodidaktisch bilden, ab 1645 war er Schreiber in Regimentskanzleien, nach Kriegsende heiratete er 1649 in Offenburg. Lange Jahre war er jetzt Gastwirt, beziehungsweise Burgvogt in Gaisbach bei Oberkirch. Zu schriftstellern begann er erst 1666, es erschienen unter seinem richtigen Namen zwei satirische Romane, 1667 wurde er Bürgermeister von Renchen bei Oberkirch (damals bischöflich straßburgischer Besitz), wo der „Simplicissimus“ und die „Simplicianischen Schriften“ entstehen. Warum er ein Pseudonym gewählt hat, mag mit seiner Stellung zusammenhängen. Nach 1673 verstummte Grimmelshausen und starb am 15. August 1676, – wie es heißt, „im Beisein seiner neun Kinder“, gewürdigt im Kirchenbuch als „groß an Geist und Bildung“.

Zwischen Nationalromantik und derbem Humor

Der „Simplicissimus“, das wichtigste und umfangreichste Prosawerk des deutschen Barocks, blieb bis heute auch das lebendigste. Grimmelshausen verstand es wie Luther, dem „Volks aufs Maul zu schauen und damit Menschen aus Fleisch und Blut zu schildern, darin sich deutlich von Zeitgenossen wie Martin Opitz unterscheidend. Die Lebensechtheit, Charakterisierungskunst und Buntheit des „Simplicissimus“ ließ damit nicht nur eine bedeutende Dichtung, sondern auch ein kulturhistorisches Zeitbild von singulärem Rang entstehen, geschrieben von einem Augenzeugen.

Freilich gilt, dass manche Episode des Romans möglicherweise nicht autobiographisch ist, sondern dichterischer Gestaltungskraft entsprungen – wobei aber unmöglich zu erkennen ist, was subjektiv geschildert und was erfunden ist. Es ist eine seltene Kombination der Gattungen Schelmenroman (à la „Schelmuffsky“ von Christian Reuter oder dem „Lazarillo de Tormes“) und dem klassischen Bildungs- beziehungweise Entwicklungsroman wie „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz oder Goethes „Wilhelm Meister“.

Die zahllosen Abenteuer des „Simplicius“ haben symbolische Bedeutung und versinnbildlichen in Etappen den seelischen Werdegang des Helden, wie es Hans Heinrich Borcherdt ausdrückte. Letztlich darf der Held seine Vollendung im Einsiedlertum finden, nachdem es ihn auf eine einsame Insel verschlagen hatte. Erwähnt sei, dass „Simplicius“ ein starkes Nationalgefühl besitzt, was letztlich nicht verwundert, da der Dreißigjährige Krieg eine ungeheure „Verwelschung“ der deutschen Lande wie der deutschen Sprache mit sich brachte. Er setzt deutsche Tugenden den Modeströmungen der Zeit gegenüber. Dabei ist der „Simplicissimus“ keineswegs moralisierend, sondern voll teils derbem Humor.

Große Literaten wurden von ihm inspiriert

Die Wirkungsgeschichte war von Anfang an gewaltig, steigerte sich im 19. Jahrhundert (Eichendorff liebte das Buch über alles) und verstärkte sich nochmals nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Buch erschien in annähernd allen Weltsprachen, wurde für die Jugend bearbeitet, blieb bis heute (in Auszügen) Schullektüre. Johann Strauß schuf eine (kaum bekannte) Operette „Simplicius“ und Karl Amadeus Hartmann komponierte in den 1930er Jahren eine Oper „Des Simplicius Simplicissimus Jugend“. 1975 wurde der „Simplicissimus“ als Weihnachtsvierteiler verfilmt (mit Matthias Habich, Regie Fritz Umgelter); leider seitens des ZDF niemals ein zweites Mal ausgestrahlt.

Dem Erfolg des „Simplicissimus“ ließ Grimmelshausen zehn weitere Romane folgen, auch diese wieder unter anagrammatischem Pseudonym. Sie werden literaturhistorisch als „Simplicianische Schriften“ zusammengefasst, da sie teils Fortsetzungen von Einzelepisoden aus dem „Simplicissimus“ sind , Leben und Abenteuer von weiteren Gestalten aus dem Roman schildern, wenn es dort nicht geschehen ist, wie die „Ausführliche und wundersame Lebensbeschreibung der Landstörtzerin Courasche“ (1670, hier nennt sich der Autor Philarchus Grossus von Trommenheim), aus der Brecht sein Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“ erwachsen ließ.

Thomas Mann war begeisterter Leser

Springinsfeld, Wegbegleiter des Simplicissimus in so vielen Kriegsjahren, erhält ebenfalls ein eigenes Buch „Der seltsame Springinsfeld …. verfasset auf Anordnung des weitbekannten Simplicissimus…“, ebenfalls von 1670. Es sind eher satirische Werke, deren Humor Jean Paul vorausnehmen möchte. Auch verfasste der Autor eine Anzahl beschaulicher Kalendergeschichten, die bereits an ähnliche Werke Johann Peter Hebels gemahnen.

Thomas Mann schrieb 1944 im Vorwort zu einer fremdsprachigen Übertragung über den „Simplicissimus“ voll Überschwang: „Es ist ein Literatur- und Lebensdenkmal der seltensten Art, das in voller Frische fast drei Jahrhunderte überdauert hat und noch viele überdauern wird, ein Erzählwerk von unwillkürlicher Großartigkeit, bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt, kochend von Leben, mit Tod und Teufel auf Du und Du, zerknirscht am Ende und gründlich müde einer in Blut, Raub, Wollust vergeudenden Welt, aber unsterblich in der elenden Pracht seiner Sünden.“

Eine schönere Würdigung des Buchs ist wohl kaum möglich.

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Einer, der dem „Volk aufs Maul schaute“. Bild: picture alliance / Heritage-Images | The Print Collector / Heritage-Images
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