BERLIN. Die Auftragslage der deutschen Industrie hat sich im April stärker verschlechtert als angenommen. Eigentlich gingen von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen von einem Rückgang um zwei Prozent aus. Tatsächlich sind die Industrieaufträge laut aktueller Auswertung des Statistischen Bundesamts um 3,8 Prozent gegenüber dem Vormonat gesunken. „Der breit gefasste Einkaufsmanager-Index für den Euroraum ist den dritten Monat in Folge eingebrochen und liegt nun tief im Rezessionsbereich“, warnte der Chef-Ökonom der Commerzbank, Jörg Krämer, auf X. „Der hohe Ölpreis fordert seinen Tribut.“
Für den Einbruch sorgten vor allem die rückläufige Nachfrage aus den Euro-Ländern sowie in zentralen Sektoren wie dem Automobil- und Maschinenbau. Die Auslandsaufträge gingen im April um 4,2 Prozent zurück. Dabei brachen die Bestellungen aus der Euro-Zone um 11,1 Prozent ein, während jene aus dem übrigen Ausland um 0,8 Prozent zunahmen. Die Inlandsaufträge sanken um 2,9 Prozent.
Insgesamt ist der Auftragseinbruch branchenübergreifend sichtbar. In der Automobilindustrie sanken die Neugeschäfte um 5,3 Prozent, bei den Herstellern elektrischer Ausrüstung um 16,3 Prozent und bei den Maschinenbauern um 7,4 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Auch ohne Berücksichtigung von Großaufträgen schrumpften die Bestellungen um 3,8 Prozent.

Arbeitgeberverbandschef: „Jetzt geht es an den industriellen Kern unseres Landes“
Der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Udo Dinglreiter, sprach im Interview mit der Zeit von einer „katastrophalen Stimmung“ bei den Mitgliederverbänden. „Jetzt geht es an den industriellen Kern unseres Landes, an die Automobilindustrie und ihre Zulieferer, an den Maschinen- und den Anlagenbau“, mahnte der 57jährige. „Ihr Geschäftsmodell steht infrage.“ Seit 2019 verzeichne Deutschland kein Wachstum mehr. Dinglreiter beklagte, dass seitdem 300.000 Industriearbeitsplätze verloren gingen. „Und jeden Monat werden weitere 10.000 Stellen abgebaut.“

Der Verbandschef warnte, die derzeitige Wirtschaftskrise könne schlimmer ausfallen als die Finanzkrise oder der Abschwung durch die Corona-Maßnahmenpolitik. „Solche Krisen trafen immer die gesamte Volkswirtschaft, waren aber auch bald überwunden.“ Die Deindustrialisierung ließe sich dadurch belegen, dass Deutschland „dramatisch weniger Autos“ fertige und große Unternehmen „Teile ihrer Produktion und selbst ihrer Entwicklungsabteilungen ins Ausland“ verlagerten. Mittelständler dagegen „sterben leise“.
Ein weiteres Problem für den Wirtschaftsstandort Deutschland sind laut Dinglreiter mangelnde Investitionen der Firmen, „um die Substanz zu erhalten“. Wenn dies über längere Zeit so bleibe, veralte die Produktionstechnik. „Das schwächt unsere Wettbewerbsfähigkeit noch weiter und verschlechtert die Aussichten für die Zukunft.“
Iran-Krieg als Belastungsfaktor für Industrieaufträge
Commerzbank-Chefökonom Krämer sieht im Iran-Krieg eine zusätzliche Belastung, nicht aber die Ursache für die geschmälerte Prognose. „Viele Volkswirte, die bis vor Ausbruch des Iran-Kriegs zu hohe Wachstumsprognosen hatten, nutzen den hohen Ölpreis als Vorwand, die Prognosen zu senken.“ Dennoch fordere der hohe Ölpreis nun „seinen Tribut“.

Krämer zufolge stellt der Auftragseinbruch vor allem eine Gegenbewegung zum starken März-Anstieg dar (plus 4,5 Prozent), als viele Unternehmen Bestellungen aus Angst vor kriegsbedingten Lieferstörungen vorgezogen hatten. Die jüngsten Rückgänge bei Stimmungsindikatoren wie dem Ifo-Geschäftsklima ließen auch keine baldige Besserung erwarten. „Vielmehr dürfte die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal etwas schrumpfen“, befürchtet Krämer.
GEGENBEWEGUNG: Im März hatten die deutschen Unternehmen aus Angst vor kriegsbedingten Lieferengpässen Bestellungen vorgezogen. Im April sind die Aufträge nun um 3,8% gefallen. Sie bewegen sich in der Grundtendenz weiter auf einem niedrigen Niveau seitwärts. pic.twitter.com/rO3f4QDqhF
— Jörg Krämer (@DrJoergKraemer) June 8, 2026
Keine schnelle Erholung in Sicht
Auch laut Ifo-Institut hat der am 28. Februar ausgebrochene Iran-Krieg für erhebliche Unsicherheit gesorgt, die Energiepreise in die Höhe getrieben und Lieferengpässe ausgelöst. Im Mai berichteten in einer Ifo-Umfrage 15,9 Prozent der Betriebe von Problemen bei der Versorgung mit Vorprodukten – im April waren es noch 13,8 Prozent.
Der stellvertretende Leiter des Ifo-Zentrums für Makroökonomik und Befragungen, Klaus Wohlrabe, geht davon aus, dass die Lieferketten „angespannt“ bleiben. So würden „vor allem Branchen mit hohem Bedarf an öl- und energieintensiven Vorprodukten“ die Folgen der geopolitischen Spannungen spüren. (rsz)





