BERLIN. In Deutschland steigt die Zahl der anerkannten Kriegsdienstverweigerungen deutlich. Bis Ende Mai wurden beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben bereits 2.667 Anträge rechtskräftig anerkannt, wie eine Sprecherin mitteilte.
Damit dürfte 2026 der höchste Stand seit Aussetzung der Wehrpflicht erreicht werden. Im gesamten Jahr 2025 waren 2.830 Anträge anerkannt worden. Dieser Wert könnte bereits im ersten Halbjahr übertroffen werden.
Der Anstieg fällt in eine Zeit, in der Deutschland wieder über Wehrdienst, Reserven und die Verteidigungsfähigkeit des Landes diskutiert. Wer im Spannungs- oder Verteidigungsfall keinen Dienst an der Waffe leisten will, kann sich vorsorglich als Kriegsdienstverweigerer anerkennen lassen. Nach dem Ende der Wehrpflicht brachen die Zahlen zunächst ein. 2010 wurden noch 87.590 Kriegsdienstverweigerungen gezählt, 2011 waren es 5.177. Im Jahr 2012 sank die Zahl auf 370. Seit der Debatte um einen neuen Wehrdienst nimmt sie wieder zu.

Bundeswehr geht vermehrt in die Schulen
Gleichzeitig gibt es eine gegenläufige Entwicklung. Frühere Zivildiener widerrufen vermehrt ihre Kriegsdienstverweigerung. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine stieg ihre Zahl von 487 im Jahr 2022 auf 781 im vergangenen Jahr. Bis Mai 2026 kamen bereits 357 weitere Widerrufe hinzu. Wer seine Verweigerung zurücknimmt, wird nach Angaben des Verteidigungsministeriums wieder in den Datenbestand der 18- bis 60jährigen Wehrpflichtigen aufgenommen. Ungediente können sich anschließend in Reserveübungen zum Soldaten ausbilden lassen und später im Heimatschutz eingesetzt werden.
Die Bundeswehr zeigt zudem wieder stärker Präsenz an Schulen. In der ersten Jahreshälfte 2026 absolvierten Vertreter der Truppe bundesweit 3.790 öffentliche Auftritte an Schulen und Berufsschulen. Das geht aus einer Antwort des Verteidigungsministeriums auf eine Anfrage der Linken hervor, über die die Funke-Zeitungen berichteten. Setzt sich der Trend fort, dürfte die Zahl der Schulbesuche aus dem Vorjahr deutlich übertroffen werden. 2025 fanden demnach 5.617 solcher Veranstaltungen statt.
Die Linke kritisiert die Auftritte der Bundeswehr. Nicole Gohlke, Vizevorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, sprach gegenüber den Funke-Zeitungen von einer „systematischen Militarisierung“ der Klassenzimmer. Die Bundeswehr habe „vor allem Minderjährige im Fokus“. Gohlke warnte vor einer „Rekrutierung durch die Hintertür“. (rr)





