Liederprobleme bei der Bundeswehr

„Jawohl, Frau Kapitän!“

Der Volksmund weiß: „Wo man singt, da laß dich nieder, denn böse Menschen haben keine Lieder.“ Wer sollte schließlich auch bei frohem Gesang auf schlechte Gedanken kommen? Doch was, wenn es sich bei den geträllerten Weisen um kontaminiertes Liedgut handelt? Um Verse, Reime und Melodien aus dunkler Vergangenheit, ja um vordemokratische Gesänge?

Vor diesem Problem steht seit geraumer Zeit die Bundeswehr. Beim Großreinemachen in Sachen Traditionsverständnis war auch das Liederbuch „Kameraden singt!“ ins Visier von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) geraten. Denn dieses enthielt Lieder wie „Schwarzbraun ist die Haselnuß“, „Westerwald“ oder das „Panzerlied“, die auch schon die Wehrmacht gesungen hatte.

Das Ministerium verbot daher im vergangenen Jahr die weitere Ausgabe von „Kameraden singt!“ an die Soldaten. Die enthaltenen Lieder sollten unter Einbindung des Zentrums für Innere Führung und des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr „kritisch und sensibel“ überprüft werden. Danach würde eine neue Liedersammlung im Intranet der Bundeswehr zusammengestellt, auf die gesangsfreudige Soldaten während des Dienstes und auch danach ruhigen Gewissens zugreifen könnten.

Neue Strophen werden gedichtet

Nach Informationen der JUNGEN FREIHEIT ist auch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien in den Vorgang mit eingebunden. Das Verteidigungsministerium wollte dies auf Nachfrage aber weder bestätigen noch dementieren. Eine Sprecherin teilte lediglich mit, die geplante Liederliste solle „den Bedürfnissen der Truppe und dem weiterentwickelten Traditionsverständnis in der heutigen Bundeswehr Rechnung“ tragen. Die Prüfungen hierzu dauerten noch an.

Der JF liegt ein aktueller Entwurf dieser Liste vor. Sie enthält laut Stand von Anfang August 118 Lieder, darunter die Europahymne, die Nationalhymne, sämtliche Landeshymnen sowie die Kinderhymne von Bertholt Brecht. Verschwunden sind dagegen Lieder wie „Schwarzbraun ist die Haselnuß“ „Heia Safari“ oder „Prinz Eugen, der edle Ritter“.

Wieder andere Stücke mußten modifiziert oder umgedichtet werden, um das Unbedenklichkeitssiegel zu bekommen. So erhielt beispielsweise das Westerwald-Lied eine neue dritte Strophe. Ursprünglich heißt es in dem beliebten Marschlied: „Ist das Tanzen dann vorbei / gibt es meist ne Keilerei / Und dem Bursch, den das nicht freut, sagt man nach, er hat kein’ Schneid.“ In einigen Kasernen war es jedoch schon zur Jahrtausendwende untersagt, diese Strophe zu singen, da Vorgesetzte fürchteten, der Inhalt könne als gewaltverherrlichend ausgelegt werden.

Künftig auch geschlechtergerecht

Um diesen Vorwurf zu entkräften, wurde für die Liedersammlung nun folgende Strophe gedichtet: „Freiheit, Recht und Einigkeit / hüten wir im Waffenkleid / Wenn’s dem Gegner nicht gefällt, schützen wir’s in Wald und Feld.“ Textlich ging es auch dem Panzerlied „Ob’s stürmt oder schneit“ an den Kragen. Anstelle von „Was gilt denn unser Leben / Für unsres Reiches Heer? / Ja Reiches Heer? / Für Deutschland zu sterben / Ist uns höchste Ehr“ sollen die Soldaten fortan singen: „Was gilt denn unser Leben für Freiheit und für Recht? Freiheit und Recht? Für Frieden zu sorgen ist uns höchste Ehr.“

Auch wurde der geschlechtergerechten Sprache Geltung verschafft. Im Matrosenlied „Auf einem Seemannsgrab“ weint künftig nicht nur ein kleines Mädel eine Träne um ihren ertrunkenen Geliebten, sondern alternativ auch ein „kleiner Bube“.

Und schwärmte einst Hans Albers, die See sei „die Liebe der Matrosen, von dem kleinsten und gemeinsten Mann bis rauf zum Kapitän“ ist fortan auch „Frau Kapitän“ mit von der Partie. Vorbei sind die Zeiten, in denen nur Seemänner ein Liebchen im Hafen hatten. In der Liederwelt der Bundeswehr dürfen nun genauso auch Seefrauen Abschied von ihrem Schatz an Land nehmen. Ahoi, die Welt ist schön: „Jawohl, Frau Kapitän!“

JF 35/18

Soldaten des Heeresmusikkorps Koblenz bei einem Gelöbnis Foto: picture alliance

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