LONDON. Großbritanniens Premierminister Keir Starmer hat nach wochenlanger Krise innerhalb seiner Labour-Partei seinen Rücktritt als Regierungschef und Parteivorsitzender angekündigt. „Ich werde alles dafür tun, um einen geordneten Übergang zu gewährleisten“, sagte er bei einer Pressekonferenz am Montag. Bis September soll ein neuer Parteichef gewählt werden, der auch das Amt des Regierungschefs übernimmt.
🚨 WATCH: Keir Starmer announces he’s resigning Prime Minister
„Every decision I have taken is about putting the country I love first. That is why I will resign“ pic.twitter.com/x8p6B6WVWj
— Politics UK (@PolitlcsUK) June 22, 2026
Während seiner Rede verteidigte er seine Politik. Im Hintergrund ließen Pro-EU-Demonstranten die „Ode an die Freude“ abspielen und begrüßten ihn mit Applaus. „Vor sechs Jahren habe ich eine Partei übernommen, die moralisch wie politisch bankrott war“, betonte er mit Blick auf die Amtszeit des Linksaußen-Vorgängers Jeremy Corbyn als Labour-Chef. Dass er vor zwei Jahren 10 Downing Street betreten hätte, sei „der stolzeste Moment“ seines Lebens gewesen. Zu seinen Erfolgen zählte er wachsende Reallöhne, kürzere Wartezeiten im Gesundheitssystem, die „größte Erhöhung der Verteidigungsausgaben“ sowie den „Schutz der Kinder vor sozialen Medien“. Unter ihm stünde Großbritannien erneut für „Anstand, Respekt und Rechtsstaatlichkeit“.
Gleichwohl wisse er, dass sich nun die Frage stelle, ob er der beste mögliche Spitzenkandidat für die nächste Unterhauswahl sei. „Ich habe die Antwort meiner Parlamentsfraktion gehört und akzeptiere sie mit Wohlwollen. Bei jeder Entscheidung, die ich getroffen hatte, ging es mir darum, das Land, das ich liebe, an erste Stelle zu setzen.“
Starmer wollte bis zuletzt im Amt bleiben
Bisheriger Favorit im kommenden Labour-Vorsitzrennen ist Andy Burnham. Der bisherige Oberbürgermeister des Metropolgebiets Manchester war bei der Nachwahl vergangene Woche mit knapp 55 Prozent und einem deutlichen Vorsprung vor dem Kandidaten von Reform UK ins Unterhaus eingezogen (JF berichtete). Im Wahlkampf hatte er ausdrücklich betont, Starmer als Premier und Parteichef absetzen zu wollen.
Laut einer Umfrage des Instituts Deltapoll würde Labour unter der Führung des 56jährigen Nordengländers seinen Rückstand zu Nigel Farages Partei vermindern. Demnach käme sie auf 26 Prozent statt derzeit 20 Prozent, Reform UK würde hingegen von 28 auf 27 Prozent fallen. Damit wäre keine der beiden Parteien in der Lage, eine Mehrheitsregierung zu bilden. Farage selbst forderte nach Starmers Ankündigung, eine Neuwahl auszurufen. „Wenn die Labour-Partei glaubt, sie könne einen weiteren Berufspolitiker in die Downing Street Nr. 10 hinschieben, wird sie eine böse Überraschung erleben“, schrieb er auf dem Kurznachrichtendienst X.
Reform demands an election, and we are ready to deliver radical change.
If Labour thinks it can shove another professional politician into No 10, it has another thing coming.
Read my second essay to Britain. 👇
— Nigel Farage MP (@Nigel_Farage) June 22, 2026
Seit der Labour-Niederlage bei den jüngsten Kommunal- und Regionalwahlen (JF berichtete) hatten zahlreiche Amtsträger Starmers Rücktritt gefordert. Bei der Wahl am 7. Mai hatte Labour mehr als die Hälfte seiner Vertreter in 136 englischen Gemeinde-, Kreis-, Stadt- und Bezirksräten verloren. Dagegen konnte Reform UK auch in den bisherigen Labour-Hochburgen Mehrheiten gewinnen. Bis zuletzt erklärte Starmer dennoch, regulär bis 2029 im Amt bleiben zu wollen.
Labour verlor früh die Führung an Reform UK
Bereits vor der Kommunalwahl hatte Labour mehrere Niederlagen erlitten. Im teils moslemisch geprägten Wahlkreis Gorton and Denton in Manchester hatte die Grünen-Kandidatin Hannah Spencer eine Nachwahl ins Unterhaus gewonnen (JF berichtete). Zudem stand Starmer wegen seines mutmaßlichen Drucks auf seine Beamten, den Epstein-Vertrauten Peter Mandelson zum US-Botschafter zu ernennen, in der Kritik.

Starmer ist seit April 2020 Labour-Chef und seit Juli 2024 Premierminister. Mit 33,7 Prozent der Stimmen und 411 von 650 Sitzen im Unterhaus hatte er eine komfortable Mehrheit gewonnen und seine Partei nach 14 Jahren Tory-Regierungen an die Macht gebracht.
Bereits Wochen nach seiner Vereidigung war es jedoch zu landesweiten Ausschreitungen nach einem Mord an drei Mädchen durch einen ruandischstämmigen Jugendlichen gekommen (JF berichtete). Starmer kündigte eine harte Gangart gegen die Beteiligten an. „Ich werde nicht davor zurückschrecken, es als das zu benennen, was es ist: rechtsradikales Ganoventum“, hieß es damals. Angaben der Arbeitsgemeinschaft RADAR zufolge nahm die Polizei mindestens 1.233 Personen im Zusammenhang mit den Unruhen fest. Infolge des Umgangs mit den Ausschreitungen hatte Reform UK im Januar 2025 die Führung in den Umfragen übernommen und bis zuletzt behalten. (kuk)






