TEHERAN. Im Iran hat sich die seit fast zwei Wochen anhaltende Protestwelle weiter ausgeweitet. In der Hauptstadt Teheran sowie in dutzenden weiteren Städten sind erneut Hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen, um gegen das islamistische Herrschaftssystem zu demonstrieren.
Aus anfänglichen Protesten gegen Inflation, Währungsverfall und steigende Lebenshaltungskosten ist inzwischen ein offener Aufstand gegen die Islamische Republik geworden.
Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights sind bislang mindestens 45 Demonstranten getötet worden, darunter mehrere Minderjährige. Die Führung in Teheran spricht selbst von 21 Toten und erklärt, auch Angehörige der Sicherheitskräfte seien ums Leben gekommen. Unabhängige Überprüfungen sind kaum möglich, da das Regime zunehmend versucht, Informationen aus dem Land zu unterdrücken.
Im Iran findet eine Revolution statt, doch in der Tagesschau ging es um das Wetter. https://t.co/0C7o6oqlkR
— Prof. Dr. Susanne Schröter (@susannschroeter) January 8, 2026
„Der letzte Kampf“ des Iran?
Ein zentrales Instrument dieser Repression ist die nahezu vollständige Abschaltung der Kommunikationsnetze. Neben dem Mobilfunk wurden in mehreren Regionen auch Festnetzanschlüsse gekappt. Die in London ansässige Organisation NetBlocks meldete einen fast vollständigen landesweiten Internet-Blackout. Unbestätigten Berichten zufolge soll allerdings der US-Milliardär Elon Musk sein Satelliten-Internetsystem Starlink zur Verfügung gestellt haben. Auch aus dem Ausland waren iranische Telefonnummern zeitweise nicht mehr erreichbar. Beobachter sehen darin den Versuch, die Koordination der Proteste zu unterbinden und das Ausmaß der Gewalt vor der Weltöffentlichkeit zu verbergen.
Trotz Tränengas, Massenverhaftungen und tödlicher Schüsse hält der Widerstand an. Videos aus mehr als 90 Städten und Ortschaften zeigen brennende Fahrzeuge, geschlossene Basare und Menschenmengen, die Sprechchöre wie „Tod dem Diktator“, „Tod der Islamischen Republik“ und zunehmend auch monarchistische Parolen rufen. Besonders häufig ist der Ruf „Dies ist der letzte Kampf – Pahlavi wird zurückkehren“ zu hören. Die Protestbewegung benennt damit nicht nur ihren Gegner, sondern auch eine mögliche politische Alternative.
Ohne X wüsste man nicht, dass im Iran in diesen Stunden eine Revolution stattfindet. Der Mut der Menschen auf den Straßen überall im Iran ist heldenhaft. Sie haben das Interesse der Weltöffentlichkeit verdient. https://t.co/TnsmJa1fEi
— Armin Laschet (@ArminLaschet) January 8, 2026
Kehrt mit Reza Pahlavi der Schah zurück?
Damit rückt eine Figur ins Zentrum der Proteste, die lange Zeit nur eine Randrolle in der iranischen Opposition spielte: Reza Pahlavi, der im Exil lebende Sohn des 1979 gestürzten Schahs. Anders als frühere Protestbewegungen begnügt sich die aktuelle Revolte nicht mehr mit Forderungen nach Reformen oder wirtschaftlichen Zugeständnissen, sondern thematisiert offen die Frage einer politischen Alternative nach dem Sturz des Regimes. Für viele Demonstranten steht der Name Pahlavi dabei weniger für eine konkrete Rückkehr zur alten Monarchie als für die Vorstellung eines säkularen Staates vor der islamischen Revolution.
Unklar bleibt, wie realistisch ein tatsächliches Comeback der Schah-Dynastie ist. Reza Pahlavi selbst betont regelmäßig, er strebe keine absolute Herrschaft an, sondern sehe sich als mögliche Integrationsfigur für einen Übergang zu einer demokratischen Ordnung. Beobachter weisen darauf hin, daß der offene Ruf nach dem Schah noch vor wenigen Jahren im Iran undenkbar gewesen wäre und inzwischen sogar an Universitäten und bei öffentlichen Trauerzügen zu hören ist. Ob dies Ausdruck echter monarchistischer Sehnsucht oder vielmehr ein radikaler Gegenentwurf zur Islamischen Republik ist, bleibt offen.

Große Mengen Gold werden aus dem Land geflogen
Internationale Unterstützung erhält die Protestbewegung vor allem aus den Vereinigten Staaten. Präsident Donald Trump drohte der iranischen Führung wiederholt mit harten Konsequenzen, sollten Sicherheitskräfte weiter auf Demonstranten schießen. Er lobte die Iraner als „mutige Menschen“ und erklärte, die Welt beobachte das Vorgehen des Regimes genau. Auch US-Vizepräsident JD Vance stellte sich öffentlich hinter die Demonstranten und sprach von legitimen Forderungen nach Freiheit und politischer Teilhabe.
Zusätzliche Brisanz erhält die Lage durch Berichte, wonach Teile der iranischen Elite bereits Vorbereitungen für den Ernstfall treffen. In Großbritannien verwies der Abgeordnete Tom Tugendhat auf Hinweise über russische Frachtflugzeuge in Teheran sowie über den Abtransport großer Mengen Goldes. Dies könne darauf hindeuten, daß sich führende Kreise auf einen möglichen Zusammenbruch des Regimes einstellen.
How many senior regime officials are reaching out to foreign intelligence officials and trading secrets for security when the regime collapses?
The leadership will be suspicious that many are looking for safe landing but paranoia won’t help many of the leaders are doing it too.
— Tom Tugendhat (@TomTugendhat) January 3, 2026
Die Proteste erstrecken sich längst nicht mehr nur auf Teheran. Auch in Städten wie Täbris, Maschhad, Schiras, Abadan oder Gorgan kam es zu Massenkundgebungen. Selbst bei Beerdigungen getöteter Demonstranten werden offen regimefeindliche Parolen gerufen. Beobachter sprechen von einer neuen Qualität des Aufstands, der sich nicht mehr allein aus wirtschaftlicher Not speist, sondern aus einem grundsätzlichen Bruch mit der theokratischen Ordnung. (rr)






