Als „Die Ärzte“ 1993 mit ihrer Single „Schrei nach Liebe“ in den deutschen Charts landeten, zementierten sie damit in den Köpfen einer ganzen Generation das Bild des verblödeten Nazis. Die von Frontsänger Farin Urlaub zu Gitarrenschrammeln ins Mikro skandierten Zeilen „Alles muss man dir erklären / Weil du wirklich gar nichts weißt / Höchstwahrscheinlich nicht einmal / Was Attitüde heißt“, ließen keinen Zweifel, dass Rechte unter Hirnschwund litten, dem man mit „Oh-ho-ho, Arschloch!“ antworten müsse – ein Vorwurf, der seither eben nicht nur Skinheads, sondern auch Liberalkonservative, Neurechte, Libertäre und Rechtskatholiken ohne Unterschied trifft. Auch über 30 Jahre nach dem Hit spielt die Berichterstattung über die AfD noch mit dem Klischee, man habe es mit Zukurzgekommenen zu tun, die halbgare Ideen mit Ressentiments paaren. Rechtssein und intelligent schließt sich für diese Kollegen nach wie vor aus.
Das färbt auf den Journalismus ab; die angebliche Dummheit der Rechten wird vom Unvermögen der Reporter gespiegelt, sich einen Reim auf die AfD zu machen. Stattdessen wird zum x-ten Mal über deren dunkle Machenschaften und ihre Kontakte ins Hooliganmilieu berichtet – zumeist Strohmänner. Diese Schwäche wurde nach den angeblichen Enthüllungen von Correctiv über das „Geheimtreffen“ von Potsdam überdeutlich, als die „entlarvten“ Teilnehmer sich in den Medien falsch dargestellt fühlten und teils erfolgreich klagten. Der Begriff „Remigration“ wurde mit Schlagworten wie „Deportation“ und „Vertreibung“ übersetzt, obwohl der Publizist Martin Sellner kurz zuvor ein Buch verfasste, in dem man hätte nachlesen können, dass alles nicht so einfach ist. Phantasie überlagert Recherche.
„Über Rechts“ will nicht gegen Pappkameraden argumentieren
Auch solche Blüten werden die Journalisten Nils Schniederjann und Sebastian Friedrich bewogen haben, tiefer in die Materie einzusteigen. Mit ihrem Newsletter „Über Rechts“ wollen sie „substantielle und kritische Analyse“ zur intellektuellen und politischen Rechten liefern, wie sie der JUNGEN FREIHEIT auf Nachfrage mitteilen. „Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man bei einem solchen Vorhaben nicht gegen Pappkameraden argumentiert, sondern sich mit den relevantesten Vertretern inhaltlich auseinandersetzt“, erläutern sie ihren Ansatz. Da das Angebot in den großen Medien noch „begrenzt“ sei, wollen sie mit ihrem Format eine Lücke füllen.
Startschuss der Zusammenarbeit war eine Recherche für das ARD-Politmagazin „Panorama“ 2023. Ende 2025 dann ein Feature für den Deutschlandfunk unter der Überschrift „Deutsches Denken“. Die vierteilige Hörfunkreportage setzte sich mit dem Werdegang rechter Intellektueller nach 45 auseinander – auch die junge freiheit wurde besprochen, Chefredakteur Dieter Stein kam zu Wort.
„Die Auseinandersetzung mit der Rechten blieb zu oft an der Oberfläche.“
Ein Paradigmenwechsel, den Schniederjann und Friedrich bewusst vornehmen. Ihr Befund: „Die öffentliche Auseinandersetzung mit der Rechten blieb in Deutschland in den vergangenen Jahren zu oft an der Oberfläche.“ Während einerseits eine wissenschaftliche Literatur zur Rechten wachse, die „kaum in den Austausch mit Vertretern“ aus Parteien gehe, finde sich auf der anderen Seite ein Journalismus, der sich „kaum mit den theoretischen Hintergründen der Bewegung beschäftigt und deren Wirkmacht dadurch falsch einschätzt“.
Die Beobachtung ist mit Berufserfahrung unterfüttert: Während Friedrich nach einem Volontariat beim NDR als freier Journalist für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig ist und nebenher noch für Medien wie den Freitag schreibt, arbeitet der etwas jüngere Schiederjann derzeit für den Deutschlandfunk und verfasst Artikel für das sozialistische Magazin Jacobin. Die beiden eint eine Vorliebe für Grundsatzfragen: Schniederjann bespricht Literatur, auch Romane rechter Autoren; Friedrich hingegen liefert klassische politische Analyse.
Schniederjann und Friedrich verzichten trotz Haltung auf Agenda Setting
Aus ihrer Haltung machen die Reporter kein Geheimnis. Der JF gegenüber geben sie an, aus einer „materialistischen Perspektive“ über die AfD zu schreiben – die auf Köpfe wie Marx und Lenin zurückgeht, die zu ihrer Zeit beide als Journalisten arbeiteten. Folglich verstehen sie den Aufstieg der Rechten als Ausdruck der „Krise unseres Wirtschaftssystems“. Das eint sie mit linken Formaten wie „99 zu Eins“.
Dennoch lassen sie deren Nabelschau hinter sich, trennen Profession und Weltanschauung: „Wir orientieren uns an einem Begriff von Journalismus, der nicht nur abbildet oder gar bewirbt, sondern sich kritisch mit dem Gegenstand auseinandersetzt – unabhängig davon, ob es sich um Akteure handelt, die einem politisch näher stehen oder weiter entfernt sind.“ Das gilt auch für den möglichen Vorwurf, Rechten eine Bühne zu bieten. Die Frage sei nicht ob, sondern wie über deren Ideen berichtet werde. Akteure, die von Medien gemieden würden, fänden eigene Wege zum Publikum. Kurz: „Wer die inhaltliche Auseinandersetzung meidet, überlässt das Feld anderen.“
Mehr als ein Newsletter: Podcast, Hintergründe, Exklusivgeschichten
Gesagt, getan: Schniederjann und Friedrich steigen ein, nehmen den Podcast „Kaderschmiede“ über rechte Vordenker und Schlüsseltexte auf, besprechen Benedikt Kaiser, Alexander Gauland und Carl Schmitt. Auch hier werden vergleichbare Angebote wie der „tl;dr“-Theoriepodcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung überflügelt, weil eben nicht nur linke Bücher gelesen werden.
Benedikt Kaiser und der Kampf um Hegemonie (Kaderschmiede) von Nils Schniederjann
Über Gramscianismus von rechts, die Entkernung eines Marxisten und die Frage, mit welchen Kapitalfraktionen das rechtsradikale Vorfeld der AfD einen Bündnis eingehen möchte.
Artikel zu Richtungsfragen in der AfD beweisen derweil, dass Schniederjann und Friedrich das Who is who der Parteibeherrschen. So arbeiten sie mit dem Herausgeber des Wirtschaftsmagazins Surplus Maurice Höfgen zum Sozialprogramm der AfD, zeichnen Bruchlinien nach, referieren Fakten. Auch Exklusivgeschichten kann der Ende 2025 gegründete Blog vorweisen.
Die journalistische Antwort auf den Correctiv-Skandal?
„Über Rechts“ wirkt dadurch teils wie eine Antwort auf die Recherchen von Correctiv, das dem Anspruch nach Aufklärungsarbeit zur deutschen Rechten leisten wollte, sich im Ergebnis aber dem Vorwurf der Inszenierung ausgesetzt sah. Anders als das Netzwerk werden die Blogger daher nicht von Beschwerden über Fake News verfolgt.
Zwar sei ihnen anfangs eine „gewisse Skepsis“ von rechts begegnet. Inzwischen scheine sich aber herumgesprochen zu haben, dass sie ein „ehrliches Erkenntnisinteresse“ hätten. „Das ermöglicht professionelle Gesprächsverhältnisse, wie sie im Journalismus üblich sind“, so die Kollegen – die wissen, dass gute Kontakte nach rechts nicht die Regel sind.
„Feindbeobachtung“ als Selbsterkenntnis
Dennoch sind Schniederjann und Friedrich alles andere als rechtsoffen. So heißt es in der Vorstellung von „Über Rechts“ etwa: „Wir beobachten die Rechten, damit ihr es nicht müsst.“ Das Gegenüber wird klar als „Gegner“ benannt, die Anliegen der AfD als gefährlich markiert. Trotzdem lohnt sich auch für Konservative, den Newsletter zu lesen, weil seine Macher als Außenstehende nüchtern berichten. Anders als Antifa-Fotografen setzen sie habermasianisch auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments, auch um zu zeigen, „dass kritischer Journalismus und theoretische Tiefe kein Widerspruch sind“.
Carl Schmitts‘ Großraumordnung: Der völkische Traum vom Ende des Universalismus (Kaderschmiede) von Nils Schniederjann
Comeback des Kronjuristen: Was bedeutet Schmitts Großraumkonzept? Wie schmittianisch ist Trump wirklich? Und wie sähe ein linker Standpunkt aus?
Die Frage bleibt: Wieso seinen Hirnschmalz für den Gegner opfern? Hat das eigene Lager keine Ideen mehr? In der „Kaderschmiede“ antwortet Schniederjann mit einem Vers des Dichters Däubler, den später Schmitt aufgriff: „Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt.“ Mit wem wir uns messen zeigt, wer wir sind. „Feindbeobachtung“ gerät so zur Selbsterkenntnis. Ein ähnliches Projekt von rechts täte not; auch hier lohnt der Blick über den Tellerrand, auch hier machen sich Strohmänner breit.






