Der wilde Ernst Jünger

Wer im Jünger-Jahr 2008 – wir schreiben am 17. Februar den zehnten Todestag – publizistisch aktiv wird, der muß zwingend etwas Neues zu sagen haben. Denn Publikationen in Gedenkjahren stehen unter dem Generalverdacht des Trittbrettfahrens. Sie nutzen gern die Gunst der Stunde und erschöpfen sich in Wiederholungen. Die Chancen für Neues stehen bei Jünger allerdings besonders schlecht. Nach dem Doppelschlag der beiden Biographien von Helmuth Kiesel und Heimo Schwilk ist das Publikum satt und geplättet. Alles scheint gesagt, noch bevor dieses Jünger-Jahr richtig begonnen hat. Doch die Themennummer „Ernst Jünger“ der vom Institut für Staatspolitik (IfS) herausgegebenen Zeitschrift Sezession findet eine Lücke. Ihr gelingt partiell der Aufweis neuer Perspektiven. Sie wird eingeleitet von einem konventionellen, wenn auch ikonographisch ansprechend aufgemachten biographischen Überblick. Dann stellt sie die Optik scharf: nicht auf irgend­einen Jünger, sondern auf den Jünger der Opposition und des Abenteuers. Christian Vollradt untersucht Jüngers Publizistik der zwanziger Jahre und fragt sich dabei, ob Jüngers Selbsteinschätzung als „Seismograph“ nicht doch eine Untertreibung ist. Karlheinz Weißmann spürt dem von politischen Kraftlinien durchzogenen Verhältnis zwischen Armin Mohler und Ernst Jünger nach und läßt dabei zwischen den Zeilen Sympathie für Mohlers zeitweise harsche Jünger-Kritik erkennen. Martin Lichtmesz sondiert die Rezeption Jüngers in der Subkultur. Leider kennt sich der Autor offensichtlich nur in der marginalen Neofolk-Szene aus, so daß ihm andere subkulturelle Fundstücke entgehen, die es in rauher Menge gibt. So nahm etwa Thomas Meineckes Band FSK 1981 den Song „Otto Hahn in Stahlgewittern“ auf. Da wäre mehr möglich gewesen. Jüngers Aus-Strahlungen haben einen weiteren Radius. Es sei die These gewagt, daß Jünger sogar ein verkanntes Pop-Idol ist. Der Literaturwissenschaftler Günther Scholdt hat sich „nach Jahrzehnten“ erneut Jüngers Roman „Gläserne Bienen“ vorgenommen, allerdings hängt sein Lektüre-Erlebnis ein bißchen in der Luft und weiß nicht recht, wo es hinwill. Hier hätte man einen Anschluß an aktuelle technologische Debatten erwartet. Mehr als einen braven Lexikoneintrag bietet dieser Beitrag nicht. Alain de Benoist holt dann unter der Überschrift „Ernst Jünger und die Nouvelle Droite“ zum ultimativen Erklärungsversuch aus, der aber – zum Glück – eher eine sympathische autobiographische Spurensuche ist. Auch Erik Lehnert hangelt sich am eigenen biographischen Faden durch seinen Jünger. Er führt aus, warum Jünger ein Philosoph ist, der es nie zu einem philosophischen System gebracht hat. Kernstück dieser Sezession ist der Erstdruck einer kritischen Annäherung Ernst Niekischs an Jüngers „Waldgang“, der um das Jahr 1950 entstand und der Jüngers Theorie des Einzelnen skeptisch beurteilt. „Es gibt Situationen“, schreibt Niekisch, „die zur Totalität drängen und denen, wie überschwemmenden Wasserfluten, niemand zu entrinnen vermag; sie holen auch den Leichtfüßigsten ein, in welchen Höhlen des Waldes immer er Schutz zu finden sucht. (…) Man kann episodenhafte politisch-gesellschaftliche Exzesse – wie der Hitlerismus es war – zeitweilig ignorieren; wo neue globale Ordnungen unaufhaltsam im Anzuge sind, kann man es nicht. Wer es trotzdem tut, schlägt sich zum ‚verlorenen Haufen‘ und wird zum ‚gewesenen Menschen‘.“ Schließlich enthält das Heft noch zwei Doppelporträts: Siegfried Gerlich erinnert an die eigenartige Wahlverwandtschaft zwischen dem Ost-Berliner Dramatiker Heiner Müller und Ernst Jünger, Baal Müller an die Freundschaft des Wilflingers mit Friedrich Hielscher. Zwei Rezensionen runden ab: Weißmann über das wichtige, gleichwohl angreifbare Buch von Morat („Von der Tat zur Gelassenheit“), Wiggo Mann in enttäuschend spärlichen 1.000 Zeichen über die Biographien von Kiesel und Schwilk. Diese Zeilen sind das einzige gewaltige Ärgernis dieser Sezession. Denn ohne den Hauch eines Arguments wird hier behauptet, die beiden Biographen hätten den „echten“, den kernigen, den dynamischen, den gefährlichen, den riskanten Jünger weichgekocht. Solch plumpes anti-akademisches Ressentiment hat diese insgesamt gelungene Nummer der Sezession nicht nötig, die ihrer Leitidee, den wilden Jünger auszustellen, vielleicht noch etwas konsequenter und auf artistischerem Textniveau hätte nachgehen können. Kontakt: Sezession, Rittergut Schnellroda, 06268 Albersroda. Telefon/Fax: 03 46 32 / 909 42 Bild: Der deutsche Soldat schreibt Geschichte, Zeichnung von A. Paul Weber (1893- 1980)

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