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Buchrezension: Sloterdijk liest Machiavelli durch die Trump-Brille

Buchrezension: Sloterdijk liest Machiavelli durch die Trump-Brille

Buchrezension: Sloterdijk liest Machiavelli durch die Trump-Brille

Der Philosoph Peter Sloterdijk schaut in die Kamera und hat einen ergrauten Schnurrbart
Der Philosoph Peter Sloterdijk schaut in die Kamera und hat einen ergrauten Schnurrbart
Philosoph Peter Sloterdijk schreibt über Trump und Machiavelli. Foto: picture alliance/dpa | Thomas Banneyer
Buchrezension
 

Sloterdijk liest Machiavelli durch die Trump-Brille

Peter Sloterdijk kehrt mit Machiavelli in die Gegenwart zurück: Sein neuer Essay über Macht, Souveränität und Trump ist teilweise stark – und hat doch blinde Flecken.
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Moral ist keine politische Kategorie. Und doch erleben wir in Europa im allgemeinen und Deutschland im besonderen seit gut zehn Jahren eine Moralisierung alles Politischen. Das Phänomen Donald Trump ist vielleicht am besten zu verstehen als Reaktion auf diese Entwicklung, die in den USA wesentlich früher einsetzte als bei uns. Es erscheint daher naheliegend, dass der Einband von Peter Sloterdijks neuem Buch „Der Fürst und seine Erben“ die Gesichtszüge Trumps mittels KI in ein frühneuzeitliches Herrscherporträt hineinprojiziert.

War Machiavelli, jener Florentiner Machtanalytiker, dessen anhaltende Relevanz Deutschlands Vorzeigephilosoph hier untersucht, nicht der Erfinder des politischen Amoralismus? Liest sich sein bekanntestes 1513 geschriebenes und 1532 nach seinem Tod veröffentlichtes Buch „Der Fürst“ nicht wie eine Anleitung für die Trumps, Putins und Xis dieser Welt? Virtuos und voller Formulierungskunst, verbindet Sloterdijk Konzepte wie Souveränität und Vertikalität mit Denkern wie Rousseau und vor allem Carl Schmitt zu einem schillernden Ganzen, das viele Erkenntnisgewinne bereithält. Einige Kommentare zur aktuellen politischen Lage passen allerdings so gar nicht zur gewohnten Sloterdijkschen analytischen Flughöhe und offenbaren erstaunliche blinde Flecken des Autors.

Bei „Der Fürst und seine Erben“ handelt es sich explizit nicht um eine Detailanalyse von Machiavellis Denken. Im ersten Kapitel fasst Sloterdijk kurz dessen Leitsätze der Machtsicherung zusammen – ein Herrscher müsse genauso böse sein wie seine Umgebung; er müsse seine Neigung, ein guter Mensch sein zu wollen, unterdrücken; ohne Waffen gut sein zu wollen, führe in den eigenen Untergang –, um diese anschließend als eine Weiterentwicklung des biblischen Sündenfalls zu charakterisieren.

Heute kann ein Tweet globale Kriege auslösen

Das Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, sei ersetzt worden durch den Imperativ der Selbstbehauptung im Diesseits. Diese „nicht-metaphysische Vertikalität“ sei das vereinigende Band zwischen allen tatsächlichen oder Möchtegernfürsten der vergangenen 500 Jahre. Die beiden folgenden Kapitel über das „Paradox der Souveränität“ und die „verwilderte Vertikalität“ bilden den analytischen Kern des Buches.

In seinem 2011 erschienenen Bestseller „Du musst dein Leben ändern“ prägte Sloterdijk den Begriff der Vertikalspannung als Daseinszustand des stetig übenden Menschen zur Weiterentwicklung diesseitiger und jenseitiger Fähigkeiten. Verlässt dieses Streben jedoch den individuellen Bereich und beginnt die politische Ebene zu dominieren, sei die Verwilderung, so Sloterdijk, nur noch eine Frage der Zeit.

Peter Sloterdijk: Der Fürst und seine Erben. 180 Seiten, Edition Suhrkamp, Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen
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Die Schaffung eines permanent aktiven kommunikativen Resonanzraums als Resultat der digitalen Revolution sowie das militärische Potential zur Vernichtung allen menschlichen Lebens stellten im Zusammenspiel mit jener von Machiavelli zu Papier gebrachten säkularisierten Vertikalität die größte Gefahr der Gegenwart dar. Anders ausgedrückt: Das Reden und Handeln des Fürsten eines italienischen Stadtstaates im frühen 16. Jahrhundert war für nahezu die gesamte damalige Welt belanglos. Heute hingegen kann eine Pressekonferenz, ein Tweet globale Kriege und Krisen auslösen.

Erkennt Sloterdijk das totalitäre Potential selbsternannter Demokratien nicht?

„Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand bestimmt“, formulierte der Staatsrechtler Carl Schmitt 1922 zu Beginn seiner „Politischen Theologie“. Als Ergebnis einer intensiven Analyse von Schmitts Denken formuliert Sloterdijk fünf Definitionen von Souveränität zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Carl Schmitt als verbindendes Element zwischen Machiavelli und den Fürsten des 20. und 21. Jahrhunderts zu nehmen, darf man durchaus als kleinen Geniestreich bezeichnen, der allein schon die Lektüre lohnt. Da seien ihm dann auch solche zeitgeistigen Anbiederungen verziehen, es stehe zu „befürchten, Carl Schmitt, würde er heute und in den USA leben, hielte sich beim Tross um Donald Trump auf“. Überhaupt muss man Sloterdijk eine gewisse Besessenheit vom US-amerikanischen Präsidenten attestieren, den er auch als „Beinahe-Analphabet“ bezeichnet.

Ärgerlicher wird es, wenn Sloterdijk einige konkrete Erscheinungsformen verwilderter Vertikalität beschreibt und bewertet. Es bestehe die Gefahr einer Diktaturerrichtung durch Populisten, welche wie folgt ablaufen könne: „Die Lähmung der Parlamente, die Umwandlung der Richterschaft in eine Gefolgschaft, die Einschüchterung der freien Meinungsaussprache, die allmähliche Gleichschaltung der Medien und die Aufstachelung des putschistischen Mobs.“ Diese Passage ist wieder auf Trumps Amerika bezogen, passt aber noch viel besser zur aktuellen Lage in Europa und vor allem in Deutschland. Erkennt Sloterdijk nicht das totalitäre Potential sich selbst liberal nennender Demokratien, die von keiner klassischen Fürstenfigur geführt werden?

Und trotzdem bleibt „Der Fürst und seine Erben“ lesenswert

Wenn er dann auch noch an anderer Stelle schreibt, dass, wer rechts wähle, als Bürger abdanke und „dem Ganzen des Gemeinwesens, als ob es Dreck wäre, einen Tritt versetzt“, beginnt der Leser sich endgültig zu fragen, was aus dem Peter Sloterdijk geworden ist, der immer wieder durch zugespitzte Interventionen Debatten in Gang gesetzt und sich dafür auch mit den Mächtigen angelegt hat. Heute verhält er sich so wie viele im etablierten Kulturbetrieb und der sogenannten Zivilgesellschaft: nach oben buckeln, nach unten treten.

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Und trotzdem bleibt „Der Fürst und seine Erben“ lesenswert. Auf weniger als 200 Seiten gelingen Sloterdijk mehr analytische Gedankenblitze und brillante Formulierungen als vielen anderen in ihrem Gesamtwerk. Der Satz, „(w)as man heute als Niedergang der Demokratie diskutiert, ist auch eine Folge der Begegnung von neuer Surveillance-Technik mit alter Illiberalität“, bringt einen wesentlichen Aspekt unserer heutigen Gegenwart auf den Punkt, verortet den Verursacher aber viel zu einseitig bei Konservativen und Rechten. Wer diesen blinden Fleck auszuhalten bereit ist, wird das Buch mit Gewinn lesen.

Aus der JF-Ausgabe 26/26.

Philosoph Peter Sloterdijk schreibt über Trump und Machiavelli. Foto: picture alliance/dpa | Thomas Banneyer
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