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Buchrezension: Wie die Kreuzzüge eine ganze Epoche prägten

Buchrezension: Wie die Kreuzzüge eine ganze Epoche prägten

Buchrezension: Wie die Kreuzzüge eine ganze Epoche prägten

Man sieht Kreuzritter die bei ihren Kreuzzügen bzw. ihrem Kreuzzug im Jahr 1099 Jerusalem einnehmen
Man sieht Kreuzritter die bei ihren Kreuzzügen bzw. ihrem Kreuzzug im Jahr 1099 Jerusalem einnehmen
Die Eroberung Jerusalems im Jahr 1099, Farblithographie nach einem Gemälde von Victor Schnetz (1787-1870). Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
Buchrezension
 

Wie die Kreuzzüge eine ganze Epoche prägten

Dan Jones erzählt die Kreuzzüge als großes Panorama von Glauben, Gewalt und Machtpolitik. Sein Buch zeigt, wie aus der Befreiung Jerusalems ein jahrhundertelanger Kampf um das Heilige Land wurde.
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Zwischen 1096 und 1291 bewegte sich ein nie versiegender Strom von Menschen aus dem Abendland in den Orient. Sie landeten in Jaffa, Akkon oder Antiochia, um als Pilger entweder zum Heiligen Grab zu pilgern oder als Kreuzfahrer gegen die Muslime zu kämpfen. Die Gesamtzahl dieser Menschen geht in die Millionen. Die punktuellen Höhepunkte dieser Massenbewegung werden als „Kreuzzüge“ bezeichnet, von denen die Geschichtswissenschaft insgesamt sieben kanonisiert hat. Die mit diesem Geschehen verbundenen Kämpfe gingen ein in die kulturelle Identität der Christen, Moslems und Juden.

Sozialwissenschaftler haben versucht, die Ursache dieser Völkerwanderung dingfest zu machen. Einige sprachen von einer Auswanderungsbewegung aufgrund von Geburtenüberschüssen. Andere sahen die Gottesfriedensbewegung des 11. Jahrhunderts am Werk, der es gelang, die gewalttätigen Elemente der Gesellschaft in den Orient zu schicken.

Mit dergleichen Globalthesen gibt sich der englische Historiker Dan Jones nicht ab. In seinem neuen Buch „Kreuzfahrer. Der epische Kampf um das Heilige Land“ nähert er sich seinem Gegenstand mit höchstmöglicher Konkretheit. Für Jones stand am Anfang der Kreuzzüge eine Katastrophe, nämlich die epochale Niederlage des Byzantinischen Reiches gegen die seldschukischen Türken 1071 in der Schlacht von Manzikert, in deren Folge fast ganz Kleinasien verlorenging. Der gesamte christliche Orient wankte, und der byzantinische Kaiser wandte sie sich mit der Bitte um Hilfe an die lateinische Christenheit.

Vier Kreuzfahrerstaaten entstanden

Wie Dan Jones zeigt, stieß dieser Hilferuf im Abendland auf offene Ohren. Im Zuge der großen Kirchenreformen von Cluny war es im Abendland zu einer allgemeinen Intensivierung der Religiosität gekommen, die sich nicht nur im Bau gewaltiger Kathedralen, sondern auch in der Bereitschaft manifestierte, das Heilige Grab von der Herrschaft der Muslime zu befreien. Wenn den Kreuzfahrern dafür auch noch der Erlass der Sünden winkte – um so besser.

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Gleich der erste Kreuzzug (1096–1099) führte zur Eroberung Jerusalems, offenbarte aber auch seine Schattenseiten. Schon auf dem Weg der Kreuzfahrer ins Heilige Land kam es im Rheinland zu schrecklichen Massakern an den Juden, die als „Christusmörder“ zu Tausenden abgeschlachtet wurden. Übertroffen wurden diese Schandtaten nur noch durch die schrecklichen Massaker der siegreichen Kreuzfahrer bei der Eroberung Jerusalems.

Allerdings war die Eroberung Jerusalems einer geschichtlichen Ausnahmesituation geschuldet. Unmittelbar vor dem ersten Kreuzzug war das Reich der Großseldschuken auseinandergebrochen, außerdem war die islamische Welt durch den innermuslimischen Konflikt zwischen den schiitischen Fatimiden in Ägypten und den sunnitischen Zentren in Mosul, Aleppo und Damaskus geschwächt. So entstanden im Windschatten einer geschichtlichen Ausnahmesituation vier Kreuzfahrerstaaten im Heiligen Land: das Königreich Jerusalem, die Grafschaft Tripolis, das Fürstentum Antiochia und die Grafschaft Edessa. Sie blühten so lange, wie die muslimischen Antagonisten schwach waren und gerieten sofort in die Krise, sobald sich auf der Gegenseite größere politische Einheiten bildeten.

Ayyubidensultan Saladin eroberte Jerusalem zurück

Und das sollte bald der Fall sein. Aus dem chaotischen Gegeneinander muslimischer Reiche entstand in der Mitte des zwölften Jahrhundert das kurdische Reich der Zengiden, dem 1144 als erstes die christliche Grafschaft Edessa zum Opfer fiel. Zwar führte dieser Rückschlag zum zweiten Kreuzzug (1147–1149), der allerdings vollständig scheiterte.

Dan Jones: Kreuzfahrer. 544 Seiten, C.H. Beck. Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen
Dan Jones: Kreuzfahrer. 544 Seiten, C.H. Beck. Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen

Die Konzentration der muslimischen Macht setzte sich unter Sultan Nur ad-Din fort, der nicht nur Mosul, Aleppo und Damaskus vereinigte, sondern 1174 auch die Fatimiden in Kairo stürzte und ein Reich erschuf, das den Kreuzfahrerstaat wie eine Schlinge umgab. Seinem Nachfolger, dem Ayyubidensultan Saladin, war es vorbehalten, mit der geballten Macht der muslimischen Seite die Blüte der abendländischen Ritterschaft 1187 in der Schlacht von Hattin zu vernichten und Jerusalem zurückzuerobern.

Der Deutschritterorden expandierte ins Baltentum

An dieser fundamentalen Veränderung der politischen Machtverhältnisse konnte auch der berühmte dritte Kreuzzug (1189–1193) nichts mehr ändern, während dem Kaiser Friedrich Barbarossa schon auf der Anreise ums Leben kam und der englische König Richard Löwenherz ebenso spektakulär wie letztlich erfolglos gegen Saladin kämpfte. Mehr noch: Mit dem vierten Kreuzzug (1202–1204), der das Heilige Land gar nicht erreichte, sondern zur Eroberung und Plünderung der christlichen Metropole Konstantinopel führte, verkam die Kreuz-zugsbewegung zu einem machtpolitischen Instrument.

Bald riefen die Päpste nicht mehr nur zu Kreuzzügen gegen die Muslime in Palästina und in Spanien auf, sondern auch gegen aufständische Bauern, gegen die südfranzösischen Katharer und Albigenser und die baltischen Heiden zwischen Weichsel und Düna. Das ganze 13. Jahrhundert ist voller solcher innereuropäischer „Kreuzzüge“, die die Landkarte Europas veränderten. Die französische Monarchie expandierte nach Südfrankreich, während es den Deutschordensrittern gelang, unter der Flagge des Kreuzes ein baltisches Imperium zu errichten.

Jones ist ein guter Erzähler

Derweil gerieten die verbleibenden Kreuzfahrer-bastionen immer weiter in die Defensive. Abgesehen vom Besuch Kaiser Friedrichs II. 1229 in Palästina und seinem Vertrag mit Sultan Al Kamil, der zu einem kurzzeitigen Frieden zwischen Christen und Moslems führte, brach eine endlose Kette von Niederlagen über die christlichen Rumpfstaaten in der Levante herein. Während die christliche Reconquista 1212 in der Schlacht von Las Navas de Tolosa triumphierte und die Muslime bis in den Süden der Iberischen Halbinsel zurückdrängte, begann der Todeskampf der Kreuzfahrer im Heiligen Land.

Die Schicksalsstunde der Kreuzritter schlug, als nach den erfolglosen Kreuzzügen Ludwigs des Heiligen die ägyptischen Mamluken zwischen 1260 bis 1291 eine Kreuzfahrerfestung nach der nächsten ausradierten. Als 1291 die Stadt Akkon als letzter Stützpunkt in die Hände der Mamluken fiel und sich nur wenige Verteidiger über das Meer nach Zypern retten konnten, war die Kreuzfahrerzeit im Heiligen Land zu Ende.

Endete die Epoche der Kreuzfahrer also ohne Happy-End, ist die Darstellung ihrer Geschichte im vorliegenden Buch allerdings ein narratives Erlebnis. Dass der Autor die unterschiedlichen Schauplätze in Palästina, Kastilien oder Ägypten in ihrer Gleichzeitigkeit verbindet, verleiht der Darstellung einen geradezu epischen Charakter. Wo immer es möglich ist, lässt Jones die muslimischen, jüdischen und christlichen Zeitzeugen zu Wort kommen, ohne den Erzählfluss zu gefährden. Die Sprache des Buches, in dem von Papst Urban II., Richard Löwenherz, Sultan Saladin, Ludwig dem Heiligen oder dem furchtbaren Sultan Baibars erzählt wird, ist ungemein anschaulich, ohne an Seriosität einzubüßen. Wenn, wie Theodor Mommsen gesagt hat, der Historiker immer auch Erzähler ist, entspricht Jones’ Buch geradezu perfekt diesem Ideal.

Aus der JF-Ausgabe 27/26.

Die Eroberung Jerusalems im Jahr 1099, Farblithographie nach einem Gemälde von Victor Schnetz (1787-1870). Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
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