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KI und Literatur: ChatGPT als störrischer Lektor

KI und Literatur: ChatGPT als störrischer Lektor

KI und Literatur: ChatGPT als störrischer Lektor

Ein Roboter schreibt die Bibel im Pforzheimer Reuchlinhaus nieder (Symbolbild): Immer häufiger greifen Buchautoren auf KI-Software wie ChatGPT zu. (Themenbild)
Ein Roboter schreibt die Bibel im Pforzheimer Reuchlinhaus nieder (Symbolbild): Immer häufiger greifen Buchautoren auf KI-Software wie ChatGPT zu. (Themenbild)
Ein Roboter schreibt die Bibel im Pforzheimer Reuchlinhaus nieder (Symbolbild): Immer häufiger greifen Buchautoren auf KI zu. Foto: picture alliance/dpa | Uli Deck
KI und Literatur
 

ChatGPT als störrischer Lektor

Die künstliche Intelligenz macht sich zunehmend im Literaturbetrieb breit – sogar Gedichte werden mit Hilfe von ChatGPT und Co. geschrieben. Doch wirklich gut ist die Technologie noch nicht.
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Yevgeniy Breyger hat ein mehr als 100 Seiten umfassendes Erzählgedicht geschrieben, das gerade unter dem Titel „hallo niemand“ bei Suhrkamp erschienen ist. Mit diesem lädt er zu einer „Reise durch alles, was nicht stimmt auf der Welt“ ein. Und ehe ihm jemand auf die Schliche kommt, räumt der Träger mehrerer Literaturpreise freimütig ein: Ja, er habe sich beim Dichten von Künstlerischer Intelligenz (KI) helfen lassen und nicht nur bei der Orthografie.

Der Einsatz von KI als Arbeitsmittel ist längst nicht mehr ehrenrührig, höchstens ist es ein übertriebener Umfang. Rie Qudan erhielt 2024 den japanischen Akutagawa-Literaturpreis, obwohl fünf Prozent ihres Romans „Tokyo Sympathy Tower“ von ChapGPT geschrieben wurden. Und am Literaturinstitut Hildesheim werden künftige Poeten und Autoren im Umgang mit KI geschult.

Zunehmend sorgt KI für den Inhalt von Sach- und Reisebüchern, auch von belletristischen Werken. Seit ChatGPT im November 2022 eingeführt wurde, explodierte die Zahl der so generierten Werke. Der digitale Lyriker David „Jhave“ Johnston produzierte mit seinem Projekt „ReRites“ monatlich einen Gedichtband. Amazon sah sich veranlasst, die Zahl der Bücher auf drei Stück pro Tag und Autor zu begrenzen, die über das Angebot bei Kindle Direct Publishing veröffentlicht werden dürfen.

„KI ist nicht bereit, wie ein Mensch zu schreiben“

„Es gibt Menschen, die Bücher in 30 bis 60 Minuten herstellen und auf den Markt werfen und uns damit die Luft zum Atmen nehmen“, beklagt der Schriftsteller Markus Orths gegenüber dem MDR. Und die Quedlinburger Autorin Karo Stein staunt über eine Autorin, die zwischen Januar und Mitte März acht Bücher veröffentlicht hat: „Das muss eine KI sein, so schnell kann niemand schreiben.“

Ist es tatsächlich so einfach: Den gewünschten Stil, die Länge, die Zielgruppe und das Thema eingeben, und generative KI zaubert eine unendliche Vielfalt? Frank Glanert schreibt auf „Franky.Blog“, wie ihm KI innerhalb von knapp 15 Minuten ein 24seitiges Manuskript angeboten habe: „Konzept und Storyline habe ich bereits genutzt, um die Idee bei meinem Verlag zu pitchen.“

Nüchterner beschreibt ein 50jähriger Franzose auf Reddit seinen Versuch, einen Dark-Romance-Roman mit KI zu schreiben. ChatGPT habe sich hartnäckig geweigert, etwas Explizites, also Schund, zu schreiben. Er habe vier Monate verbracht, ein System aufzubauen, 4.000 Wörter erstellt, „um Claude zu hindern, meine Prosa zu ruinieren“. Überdies habe die KI ständig das Gelernte wieder vergessen. Auch habe im Plot der witzige Charakter seinen Humor verloren, und am Ende hätten alle gleich geklungen. Andere berichten von langen Diskussionen mit KI über Interpunktion. ChatGPT würde sich wie ein störrischer Lektor benehmen.

Die wichtigste Erfahrung des Franzosen: „Die allmächtige KI ist nicht bereit, wie ein Mensch zu schreiben – oder noch meilenweit davon entfernt.

ChatGPT-Literatur könnte künftig Normalfall werden

Längst gibt es Forderungen nach einer Kennzeichnungspflicht für Bücher, die mit Hilfe von KI entstanden sind. Die US-amerikanische Autorenvereinigung Authors Guild forderte das bereits 2023. Es geht speziell um Urheberrechte. Denn KI kann Texte nicht aus dem Nichts schaffen, sondern wird dafür mit Literatur menschlicher Autoren „gefüttert“.

Für die Verlagsgruppe Penguin Random House (PRH) ein klarer Fall von Urheberrechtsverletzung, Besonders deutlich wird das bei der bei Kindern sehr beliebten Reihe „Der kleine Drache Kokosnuss“ von Ingo Siegner, wo durch KI neue Kapitel und Cover produziert wurden, die kaum vom Original zu unterscheiden seien, so PRH-CEO Christian Jünger.

Andererseits wird die KI inzwischen darauf trainiert, keine wortwörtlichen Buchinhalte mehr zu verwenden. Deswegen fordert Susanne Barwick vom Börsenverein, dass KI-Unternehmen offenlegen, mit welchen Werken sie trainiert haben. Gegen „verpflichtende Etikette“ polemisiert Wolfgang Tischer auf literaturcafe.de. Autoren sollten nicht nach dem Grad ihrer Maschinenvermeidung bewertet werden, sondern nach der Qualität und Wirkung ihrer Texte: „Letztlich wollen Leser vor allem gute Geschichten – ob sie nun mit oder KI entstanden sind.“

Der österreichische Schriftsteller und Georg-Büchner-Preisträger Clemens J. Setz spricht von einer „bedauerlichen, aber nicht mehr aufzuhaltenden Entwicklung. ChatGPT sei ein „verführerisches, unwiderstehliches Tool“, und es werde wohl künftig eher der Normalfall, dass Menschen Texte von KI schreiben lassen.

„Die KI verrät selbst, wovon sie gelernt hat“

Bei seinem letzten Buch, das über den Einsatz von KI reflektieren sollte, habe KI kläglich versagt, gesteht Bestsellerautor Thomas Range (Postdigital) im Gespräch mit dem Goethe-Institut: „Das können wir als Menschen als beruhigendes Zeichen werten.“ Jhaves These dagegen ist, dass neuronale Netze bei entsprechender Kapazität die begrenzte menschliche Kreativität be- oder überflügeln, denn sie sind schneller als der Mensch und ihre Datenaufnahmekapazität riesig. Dem Menschen bleibt dann immer noch die Bearbeitung von unverständlichen KI-Blöcken. Aber vielleicht ändern sich nicht nur die Schreib-, sondern auch die Lesegewohnheiten.

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Was wird aus der Kulturtechnik des Schreibens, wenn sich schon Schüler auf die Rechtschreib- und Grammatikkorrekturprogramme verlassen? Stagnieren dann alle auf einem relativ niedrigen Niveau, „sind wir quasi die letzte Generation – oder vielleicht gibt es noch eine danach –, die ohne diese Möglichkeit einer starken Assistenz beim Schreiben aufgewachsen ist“?

Breyger hat für sein Langgedicht KI „gezielt und mit großem Spaß eingesetzt“, aber die Bearbeitung habe ihn unheimlich viel Zeit gekostet. Auch habe er den Eindruck, die KI sei eher schlechter als besser geworden. PRH-Justitiar Rainer Dresen indes ist überzeugt: die „KI verrät selbst, wovon sie gelernt hat – wenn man die richtigen Fragen stellt“. Im Fall von Breyger etwa bestreitet sie jede Zusammenarbeit. Es gebe keine Hinweise, dass der Lyriker, Übersetzer und Kurator mit Künstlicher Intelligenz arbeite, antwortet der Bot auf Anfrage. Breyger lehrt übrigens „Sprachkunst“ an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.

Aus der JF-Ausgabe 25/26.

Ein Roboter schreibt die Bibel im Pforzheimer Reuchlinhaus nieder (Symbolbild): Immer häufiger greifen Buchautoren auf KI zu. Foto: picture alliance/dpa | Uli Deck
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