„Immer öfter bin ich nicht mehr meiner Meinung“, zitiert einer der Autoren schmunzelnd den Liedermacher Wolf Biermann: Heiterkeit im großen Saal des Nobelhotels „Das Stue“, idyllisch gelegen im Berliner Tiergarten. Dort hat der Kohlhammer-Verlag am Dienstagabend einen Teil der illustren Autorenriege seines neuen Sammelbandes „Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind“ versammelt: Der Kabarettist Dieter Nuhr, die Publizisten Harald Martenstein und Henryk M. Broder, der ehemalige Grünen-Politiker und Joschka Fischer-Vertraute Hubert Kleinert, der Ex-SPD-Minister Mathias Brodkorb und andere.

Herausgegeben haben den Band – der noch weitere bekannte Namen versammelt wie Monika Gruber, Monika Maron oder den gerade erst verstorbenen Peter Schneider – die beiden Journalisten Ulli Kulke (taz) und Reinhard Mohr (Spiegel). Letzterer beschreibt das gemeinsame Unternehmen so: „Ein gutes Dutzend Autoren, fast alle Achtundsechziger, Linke oder Grüne, fragen sich, wie es kam, dass sie heute nicht mehr von der Revolution träumen und an den Sozialismus glauben. In ihren Erzählungen geht es um all jene Irrungen und Wirrungen, die das leidenschaftliche Selberdenken mit sich bringt. Dabei ist es kaum etwas schwerer, als sich von einem vertrauten Weltbild zu lösen, das zur geistigen und emotionalen Heimat geworden ist.“
Zehn Verlage lehnten Buch der Ex-Linken ab
Damit ist das Buch ein Dokument unserer Zeit, denn die Versammelten sind keine Ausnahmen, sondern Zeugen einer Bewegung, die langsam, aber stetig wächst und Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels unserer Gesellschaft ist.
Wie schwer es diese gleichwohl noch hat, belegt ein Wort des Mitherausgebers Ulli Kulke, wonach das Buch trotz der glänzenden Namen von über zehn Verlagen abgelehnt wurde, bevor sich Kohlhammer, ein eigentlich „unpolitischer“ Verlag für Fachthemen, bereit erklärte, das Projekt zu wagen. Ein Projekt, das für den Leiter des Stuttgarter Verlagshaus, Leopold Freiherr von und zu Weiler, allerdings dennoch ein Herzensanliegen zu sein scheint, wie die einleitenden Worte des Schwaben am Abend der Buchvorstellung nahelegen. Denn die hatten etwas Bebendes, das an die Tonalität des berühmten Zitats aus dem Schauspiel „Don Karlos“ seines freiheitsverliebten Landsmanns Friedrich Schiller erinnerte: „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!“





