Täusche sich nur niemand in Jan Fleischhauer! Der bekannte Focus-Kolumnist Fleischhauer (lesen Sie hier das JF-Interview mit Fleischhauer) ist ein wirklich listiger Konservativer. Kenner seines Podcasts „Der schwarze Kanal“ schätzen ihn als versierten Hinterfrager politischer Umtriebe, doch unter seiner Leutseligkeit lauert ein ironischer Instinkt. So bezeichnete er unlängst die Mutter Ubu der Sozialmigration – Bärbel Bas – als „Madonna des analen Charakters“. Pardon? Nicht alles, was sitzt, ist eine Pointe. Aber Fleischhauers Spöttelei darf so surrealistisch sein, weil der Nonsens der Politik gar nicht mehr anders zu fassen ist.
Seine ironische Eleganz hat Fleischhauer auch den Kollegen der Spiegel-Springer-RTL-Redaktionen voraus: Weder spielt er wie Ulf Poschardt den Liberalradikalinski, noch lässt er sich wie Erzprediger Nikolaus Blome vom Jakobiner Augstein über den Pariser Platz karriolen. Um die Macht der Medien – und wie sie linke Minderheitsmeinungen zum Mainstream aufpimpen – geht es unter anderem in Fleischhauers neuem Buch „Du bist nicht allein“. Hier findet sich auf dreihundert Seiten in achtzehn Kapiteln manch tagesaktueller Podcast-Gag in zeitloser Sachbuch-Schreibe zu den Schieflagen der Nation, von A wie Akademisierung bis Z wie in Nazi. Tatsächlich wirkt Deutschland heute in jeder Hinsicht schiefer, krummer und stummer als das Cabinet des Dr. Caligari.
Medien erzeugten Schweigespirale
„Wir werden Zeuge eines unerhörten Experiments“, schreibt der Publizist aus Pullach. „Zum ersten Mal in der Geschichte der parlamentarischen Demokratie macht sich eine Minderheit daran, der Mehrheit nicht nur vorzuschreiben, wo es langgeht. Die Mehrheit wird auch noch dafür verspottet, dass sie nicht so weit ist wie die Minderheit, die den Ton angibt.“ Grund ist ein psychologischer Effekt, das sogenannte „Mehrheitsparadox“.
Demnach glaube der einzelne Bürger, mit seiner Meinung allein zu sein – weil ihm die Medien täglich eine andere Sicht vorgaukeln. Und da man suggeriert bekommt, mit den eigenen Ansichten in der Minderheit zu sein, behalte man diese für sich, um sich keine Blößen zu geben. Ein sich selbst bestätigender Prozess, den linke Meinungsmacher viele Jahre lang gegen den deutschen Michel auszuspielen wussten. Aber offensichtlich wird diese Schweigespirale seit dem Erstarken der AfD immer zügiger rückabgewickelt. Die eigentliche gesellschaftliche Mehrheit, das zeigen die Wahlumfragen derzeit recht deutlich, liegt im Mitte-Rechts-Spektrum.
Doch noch immer steht diese „politische Selbstabschließung des journalistischen Milieus“ in ihrer Scheinblüte. Rund 90 Prozent der Journalisten sympathisieren mit linken Parteien, die in der Gesamtgesellschaft insgesamt gerade knapp ein Drittel der Zustimmung erreichen. Ihre veröffentlichte Meinung ist Ausdruck jener linken Ersatzwirklichkeit, die so verstiegen ist, dass sie unwirkliche Züge angenommen hat. Linke Progressivität bedeutet progressiven Irrsinn in Zeiten von Mehrgeschlechtlichkeit und Mangelstrom. Und er kursiert nicht nur unter Medienmachern, sondern in allen rotgrün hypnotisierten Segmenten der Gesellschaft, in der Klima-Justiz, im Bildungswesen, in der Sozial- und Migrationsindustrie, in der Energiepolitik und exemplarisch in den vielen NGOs und „zivilgesellschaftlichen“ Gruppen, die in ihren linksalternativen Kreisen immer neue Bizarrerien erfinden.
Die Grünen haben die SPD angesteckt

Dagegen hilft Aufklärung im Stile Fleischhauers: Es sei doch eines der großen Rätsel, wie die Arbeiterpartei SPD und ihre Gewerkschaftsfunktionäre die Zerstörung der industriellen Basis des Landes zulassen konnten. „Es ist noch nicht lange her, dass die Metall-Gewerkschaft für die Energiewende trommelte und auf Plakaten das grüne Jobwunder begrüßte. Drei Jahre später barmt man um die Arbeitsplätze, die im Zuge der Energiewende über die Wupper gingen, und bittet die Regierung um Subventionen. Auf das grüne Jobwunder wartet man in der Metallbranche bis heute.“ Allenthalben sei doch bekannt, dass Deutschland keinesfalls eine Klimaneutralität erreichen könne, jedenfalls nicht im Vollbesitz seiner industriellen Kräfte.
Der grüne Ansteckungseffekt, der schon der SPD einen Faulstich gab, kompostiert nun auch die CDU: „Das Unglück der Union ist, dass sie an einen Partner gekettet ist, der die Wirklichkeit nicht zur Kenntnis nehmen will“. Die politische Klasse der Bundesrepublik verfällt in kognitive Dissonanz. In dem Maße wie sich die Erkenntnis einschleicht, dass die eigenen Programme an der Realität vorbeigehen, wird deren Wahrnehmung ausgeblendet. Der Antritt der Regierung Merz war die vollendete Regression – alle Probleme des Landes würden hoffentlich verschwinden, wenn man sie nur mit weiteren Milliarden zuschüttet. So gestaltet sich Haushaltspolitik nach Art des magischen Denkens.
Der deutsche Sozialstaat ist gewissermaßen die Monsterkröte im Froschteich der Wohlfahrtsstaaten – „Toadzilla“ frisst einfach alles: „Erst wenn der letzte Deutsche zum Kostgänger gemacht worden ist, gibt sich der deutsche Wohlfahrtsstaat zufrieden“, unkt Fleischhauer, denn: „Wer keine Leistungen bezieht, ist dem Staat auch nichts schuldig. Wer dem Staat aber nichts schuldig ist, könnte auf dumme Gedanken kommen, zum Beispiel, dass es so viel Staat gar nicht bräuchte.“ Und weiter: „2026 wird mit großer Wahrscheinlichkeit das Jahr sein, in dem die Zahl der Bürgergeldempfänger ohne deutschen Pass die der Nutznießer mit deutschem Pass übersteigt.“ Aber, Herr Fleischhauer, wo bleibt denn, frei nach Erich Kästner, das Positive? So könnte dieses Szenario, falls die Neu-Einbürgerungen Schritt hielten, ganz einfach vermieden werden.
Notwehr gegenüber dem versammelten Blödsinn
Fleischhauer hält es mit dem Komödiendichter Nestroy: „Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben.“ Und wer weiß, vielleicht ist ein Gradmesser für den Unernst der Lage auch das Aufschwingen von Ironie in Selbstironie, sprich Galgenhumor. Fleischhauer bekennt freischwebend, jeher ein leicht frivoles Verhältnis zu seinem Beruf gehabt zu haben. „Wenn überhaupt, dann schreibe ich aus dem Gefühl der Notwehr gegenüber den Zumutungen und dem versammelten Blödsinn, dem ich mich tagein, tagaus ausgesetzt sehe.“

Und weil all dies partout nicht enden will, sollte man im deutschen Journalismus eine neue Maßeinheit einführen: ein „Fleischhauer“ ist das Intervall zwischen zwei ironischen Spitzen. Je kürzer, desto besser. Bitte geben Sie uns mehr davon!





