Der vorzüglich Deutsch sprechende Tim Blanning aus Cambridge ist ohne Zweifel einer der besten Kenner des 18. Jahrhunderts, des deutschen zumal. Nicht immer ist ihm alles gelungen; erinnert sei nur an seine 2019 im gleichen Verlag wie sein neuestes Buch erschienene Biographie Friedrichs des Großen, in der er über viele Seiten hinweg sich über dessen angebliche Homosexualität ausließ, obwohl die (ebenfalls bei Beck 2004 erschienene) etwas ältere Friedrich-Biographie des inzwischen verstorbenen Kölner Historikers Johannes Kunisch das vermeintliche Rätsel der Zeugungsunfähigkeit des großen Königs eigentlich längst, und zwar endgültig, geklärt hatte. Einmal abgesehen davon, dass man bereits in Bruno Franks „Tagen des Königs“, hier in der zweiten Erzählung „Die Narbe“, das Nötige hätte erfahren können.
Ein vergleichbares Problem wie bei Friedrich gibt es bei dem sächsischen Kurfürsten und König von Polen, August dem Starken (1670–1733) aus dem Hause Wettin, jedoch ganz gewiss nicht. Dieser legendäre deutsche Fürst liebte zwar Ausschweifungen aller Art, jedoch gehören die ihm – auch in seriösen historischen Publikationen – zugeschriebenen angeblichen 355 Kinder (ein eheliches und 354 uneheliche) in das Reich der Legendenbildung; Urheberin war neben anderen die Schwester Friedrichs des Großen, Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, Verfasserin indiskreter und geschwätziger Memoiren.
Um es auf den Punkt zu bringen: August war nachweislich Vater von insgesamt neun Kindern; das einzig ehelich geborene war sein Sohn und Nachfolger Friedrich August II., der es ebenfalls noch, wenn auch nur mit Mühe, auf den unglücksbeladenen polnischen Königsthron schaffen sollte.
Polnische Krone wurde für August zum Fiasko
Blanning konzentriert sich in seiner Lebensdarstellung fast ausschließlich auf die politische Geschichte. Wichtigstes Ziel war für August nicht in erster Linie die Förderung des eigenen Kurfürstentums mitten in Deutschland, sondern vielmehr der rangmäßige Aufstieg, also der Erwerb einer Königskrone. Der im Schloss zu Dresden residierende Fürst war der erste unter seinen drei deutschen Konkurrenten in Hannover, Berlin und München, die diesen Aufstieg schafften: 1697 wurde er zum König von Polen gewählt; Friedrich von Brandenburg setzte sich 1701 die Krone außerhalb der Reichsgrenzen in Königsberg auf, und Georg Ludwig von Braunschweig-Lüneburg konnte 1714 den britischen Thron in London besteigen. Karl Albrecht von Bayern hingegen, etwas später der vierte in dieser Runde, schaffte es 1742 nur für drei Jahre auf den deutschen Kaiserthron – da war August der Starke schon fast ein Jahrzehnt tot.
»August der Starke, Kurfürst von Sachsen und gewählter König von Polen, war das, was man in Bayern ein Urviech nennt. Ein großer Mann, stämmig, geschlechtsprotzend, prunksüchtig und leichtfertig. Aber er besaß Lebensart und Kultur, er besaß Höflichkeit und Humor.«
-Joachim Fernau pic.twitter.com/xV6BCrplpn— elbgermane🇩🇪🏴☀️ (@neddersassencel) April 3, 2026
Merkwürdig und bedauerlich zugleich ist, dass die deutsche Übersetzung nicht den Untertitel der englischen Originalausgabe übernommen hat („A Study in Artistic Greatness and Political Fiasco“), denn diese Formulierung bringt das Ergebnis der Lebensleistung dieses Fürsten auf den Punkt, denn das große Fiasko war für August und sein eher mittelgroßes Kurfürstentum tatsächlich die Übernahme der polnischen Krone. Polen war damals zwar – noch – der größte Flächenstaat in Europa, jedoch ein wirtschaftlich, militärisch, verwaltungstechnisch und daher politisch ungewöhnlich schwaches Land; in ganz Europa berüchtigt war die durch Korruption und politische Unfähigkeit gekennzeichnete „polnische Adelsanarchie“.
Blanning zitiert einen polnischen Jesuiten des 17. Jahrhunderts, Walenty Pesky, der einmal schrieb: „Das Fegefeuer der Freiheit ist allemal besser als die Hölle des Despotismus. Dank des Schutzes durch die Vorsehung stürzen wir immerfort, und doch strahlen wir; sterben wir immerfort, und doch leben wir. Wir haben nichts gegen die Institutionen fremder Länder. Sie sind gut für sie, aber nicht für uns. Mit unserer Anarchie kommen wir genauso weit wie jede andere Nation mit der allerbesten Regierung“. Pech für Pesky und Polen: Mit einer solchen Haltung konnte man die eigene Nation im Grunde nur ruinieren – und ein Jahrhundert später, 1795, gab es kein Polen mehr. Es war von der Landkarte Europas verschwunden und sollte erst 1916 von Deutschlands und Österreichs Gnaden wiederauferstehen.
Polnischer Adel widerstand August dem Starken

August der Starke – als König von Polen August II. – hatte sich im Grunde das falsche Land für seine Ambitionen gewählt; er musste viele Jahre lang um seine Herrschaft und dann um deren Bestand kämpfen und dafür Riesensummen – etwa an Bestechungsgeldern – investieren. Während des Großen Nordischen Krieges verlor er für mehrere Jahre die Herrschaft über Polen und konnte sie nur mit großer Mühe zurückerringen. Der polnische Adel (die „Szlachta“) akzeptierte ihn zwar, nicht selten widerwillig, als Herrscher, enthielt ihm jedoch alle Mittel vor, die nötig gewesen wären, um eine wirksame Verteidigung des Landes zu organisieren – sei es gegen die Schweden unter Karl XII., sei es gegen die Russen unter Peter dem Großen.
Und als eine Generation später die großen Nachbarmächte vor der Tür standen, um Polen zum ersten Mal zu teilen, gab es keine nennenswerten militärischen Kräfte im Lande, die es hätten verteidigen können. Ebenfalls gelang es August nicht, Polen in eine Erbmonarchie zu verwandeln, um die polnische Krone dem Haus Wettin dauerhaft zu sichern; der Adel des Landes verteidigte seine „heiligen Freiheiten“ letzten Endes mit Erfolg.
Aber auch August machte Fehler: Er hatte, wie Blanning zu Recht bemerkt, „eigentlich niemals wirklich versucht, sich auf seine polnischen Untertanen einzustellen, ja er lernte nicht einmal ihre Sprache. Wenn Vertrauen das Schmiermittel ist, das die Räder des Staates ölt, dann war Polen unter Augusts Herrschaft zu häufigen Pannen verdammt“. Wenn er mit den meisten, eigentlich fast allen seiner politischen Vorhaben und Ambitionen scheiterte, dann war er doch auf der anderen Seite als fürstlicher Mäzen und als kunst- und kulturbeflissener Herrscher wenigstens in der Heimat ausgesprochen erfolgreich.
August war zwar unmoralisch, aber vital
Er machte Dresden zur schönsten Stadt Deutschlands – bis zur schrecklichen Zerstörung im Februar 1945 als „Elbflorenz“ bezeichnet –, sammelte Kunst und Pretiosen, errichtete Bauten, die, wie etwa der Zwinger, noch heute beeindrucken. Die Gemäldegalerien und das weltberühmte „Grüne Gewölbe“ gehen hauptsächlich auf ihn zurück und zeugen noch heute vom einstigen Glanz des alten Kurfürstentums Sachsen. Erst der Tod Augusts läutete den langsamen Niedergang sowohl Polens als auch Sachsens ein.
So trifft Blanning wirklich ins Schwarze, wenn er am Ende seiner exzellent geschriebenen, farbigen und detailreichen Lebensdarstellung seinen Protagonisten mit den folgenden Worten sehr anschaulich charakterisiert: „August war nicht aus dem Stoff, aus dem die Helden der Geschichtsschreibung gemacht sind. Er war ein unmoralischer Genussmensch, verschwenderisch ohne jede Rücksicht, skrupellos, gewissenlos in der Verfolgung sinnlicher Vergnügungen . (…) Aber er war daneben alles andere als risikoscheu, nie langweilig, lebte in aufregenden Zeiten, probierte immer wieder Neues aus, und wenn er schon nicht überlebensgroß war, so doch vital von Kopf bis Fuß“. Das lässt sich wahrlich nicht von jedem Herrscher sagen.
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Prof. Dr. Hans-Christof Kraus lehrte Neuere Geschichte an der Universität Passau.





