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Rezension: Den Iran verstehen lernen

Rezension: Den Iran verstehen lernen

Rezension: Den Iran verstehen lernen

Zwei Iranerinnen betrauern den durch Israel getöteten Diktator des Landes, Ajatollah Ali Chamenei. (Themenbild)
Zwei Iranerinnen betrauern den durch Israel getöteten Diktator des Landes, Ajatollah Ali Chamenei. (Themenbild)
Zwei Iranerinnen betrauern den durch Israel getöteten Diktator des Landes, Ajatollah Ali Chamenei. Foto: IMAGO / Anadolu Agency
Rezension
 

Den Iran verstehen lernen

Mit „Das Netz der Mullahs“ schildert Islamforscher Ralph Ghadban nicht nur, wie Iran den Nahen Osten im Würgegriff hat – auch zeigt er auf, wie tief verwurzelt die Macht des Klerus in der Geschichte ist. Gabriel Burho rezensiert.
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Passend zur aktuellen weltpolitischen Lage hat Ralph Ghadban ein hochaktuelles Buch vorgelegt. Jeder, der die komplexen geopolitischen Verwerfungen des modernen Nahen Ostens, die immer brutaler werdende Herrschaft des iranischen Regimes oder die destruktive Kraft der Hisbollah im Libanon begreifen will, kommt um ein vertieftes Verständnis der islamischen – und im besonderen der schiitischen – Geschichte nicht herum.

Das vorliegende Werk bietet der interessierten Leserschaft eine gut recherchierte historische Analyse, die den Schiismus von seinen – von politischen Niederlagen geprägten – Anfängen über seine Transformation zum Glaubensbekenntnis bis hin zur aggressiven Staatsideologie des modernen Iran nachzeichnet. Dem Autor gelingt es dabei, theologische Diskurse mit der machtpolitischen Realgeschichte zu verknüpfen. Das Ergebnis ist ein fesselndes, gut lesbares und zudem für eine breite Leserschaft sehr aufschlussreiches Panorama.

Die historische Reise beginnt in den ersten Jahrhunderten des Islam. Nach schmerzhaften militärischen und politischen Niederlagen gegen die sunnitische Mehrheit zogen sich die Anhänger einer Herrschaftslinie von Muhammads Nachfahren in eine Theologie des Leidens und des Wartens auf einen angeblich entrückten zwölften Imam, den Mahdi, zurück. Der Autor spricht hier treffend von einer „Religion der Verlierer“, die sich politisch ruhig verhielt und oft auf Taqiyya (religiöse Verstellung) setzte, um in einem feindlichen Umfeld zu überleben. Die Wende kam im 16. Jahrhundert mit einer Machtergreifung der Herrscherdynastie der Safawiden. Um ihr neues Reich ideologisch zu festigen, erhoben sie den Schiismus kurzerhand zur Staatsreligion.

Ralph Ghadban: Das Netz der Mullahs. Der Iran und der politische Islam der Schiiten. Jetzt im JF-Buchdienst bestellen.

Der iranische Klerus schuf frühzeitig einen Staat im Staat

Da es im Iran an einem etablierten Klerus mangelte, importierten die neuen Herrscher (Schahs) arabische Gelehrte aus dem Libanon, um eine religiöse Institution überhaupt erst aufzubauen. Was sie dabei aber vergaßen, war, dass die schiitische Geistlichkeit durch ihre traditionelle Staatsferne schwerer zu kontrollieren war, als dies im sunnitischen Islam der Fall war. Damit war der Grundstein für einen über Jahrhunderte währenden Konflikt gelegt: die strukturelle, oft toxische Spannung zwischen dem weltlichen Herrscher und den religiösen Gelehrten.

Entsprechend stellt der Autor auch die allmähliche Emanzipation des Klerus – insbesondere der rationalistischen Usûlî-Schule – von der staatlichen Vormundschaft dar. Die religiösen Gelehrten etablierten ein System, das ihnen nicht nur die Deutungshoheit über die Scharia sicherte, sondern vor allem immense wirtschaftliche Macht bescherte. Durch die Erhebung religiöser Steuern, insbesondere des Fünften (khums), schufen sie einen Staat im Staat.

Der Autor konstatiert diesbezüglich prägnant: „Nach Jahrhunderten der Unsicherheit seit dem Entrücken des Imams im Jahr 941, in denen sie auf Spenden, Stiftungen und staatliche Schenkungen angewiesen waren, hatten die Gelehrten endlich eine sichere und große Einkommensquelle zur Verfügung, die ihre Autonomie gegenüber dem Staat garantierte.“ Diese finanzielle und infrastrukturelle Basis war es, die es den Gelehrten im 19. und 20. Jahrhundert ermöglichte, sich den Qadjaren und schließlich der modernisierenden Pahlavi-Dynastie wirkungsvoll als Massenbewegung entgegenzustellen.

Die Verstrickungen der Mullahs werden detailliert dargelegt

Ihren Höhepunkt erreichte diese Entwicklung in der Kaperung der Revolution 1979 durch die schiitische Geistlichkeit unter Ruhollah Khomeini. Der Autor dekonstruiert Khomeinis Doktrin der wilâyat al-faqîh (Die Herrschaft des Rechtsgelehrten) als radikalen Bruch mit der schiitischen Tradition. Anstatt passiv auf den Mahdi zu warten, forderte Khomeini die aktive Machtergreifung durch den Klerus. Er argumentierte, es könne „jeder, der die Voraussetzungen für den schariamäßigen Herrscher erfüllt, diese Aufgabe übernehmen“.

Khomeinis theokratischer Machtanspruch machte auch vor grundlegenden religiösen Riten keinen Halt, die er dem Staatsinteresse unterordnete. So zitiert Ghadban aus dem Jahr 1987: „Die Regierung kann einseitig die schariamäßigen Abkommen mit dem Volk kündigen, wenn sie der Meinung ist, sie verstoßen gegen die Interessen des Landes und des Islam. Sie kann gegen jede Angelegenheit, ob kultisch oder nicht, vorgehen, wenn sie den Interessen des Islam schadet“. Was hier noch deutlicher herausgearbeitet hätte werden können ist der Einfluss zeitgenössischer sozialistischer Denker (beispielsweise Frantz Fanon, Ali Schariati) und der Umstand, dass die Idee des Aufstandes der Unterdrückten erst den Zündfunken bildete, der aus der politisch traditionell quietistischen Schia eine revolutionäre Kraft machte.

Da sich das neue Regime als revolutionäre Bewegung verstand, war der Export der Revolution von Beginn an Teil der Staatsdoktrin. Der systematische Export der Islamischen Revolution, der Aufbau der Revolutionsgarden (IRGC) und die Erschaffung der Hisbollah im Libanon waren die Folge. Detailliert legt das Buch dar, wie sich das Regime nicht nur durch Staatsterror im Inneren an der Macht hält, sondern auch international als Destabilisator agiert – bis hin zur Verstrickung der Hisbollah in den globalen Drogenhandel, um paramilitärische Kriege der antiwestlich und antiisraelisch ausgerichteten „Achse des Widerstands“ zu finanzieren, oder dem schiitisch-sunnitischen Stellvertreterkrieg der jemenitischen Huthis.

Ralph Ghadbans Werk ist uneingeschränkt zu empfehlen

Trotz der beeindruckenden Fülle an fundiertem Quellenmaterial gibt es Aspekte, die einer kritischen Reflexion bedürfen. Die Geschichtsschreibung des Autors trägt bisweilen stark teleologische Züge: Die gesamte übertausendjährige Entwicklung des Schiismus scheint zwingend und fast unweigerlich auf das Jahr 1979 und Khomeinis theokratische Diktatur hinauszulaufen. Dabei geraten die genuin spirituellen, mystischen und bewusst unpolitischen Traditionen des Schiismus, die für Millionen von Gläubigen bis heute den wahren Kern ihrer Religion ausmachen, etwas zu stark in den Hintergrund. Sie erscheinen im Text streckenweise nur als taktische Manöver der Mullahs oder als naive Verblendung der Massen.


Diese Kritik schmälert indes nicht den Erkenntniswert des Buches. Ralph Ghadban ist ein ungemein lehrreicher und flüssig geschriebener historischer Überblick über die historischen Hintergründe eines weltpolitisch hochaktuellen Krisenherdes gelungen. Für ein Publikum, das hinter die Kulissen der tagesaktuellen Nachrichten aus dem Nahen Osten blicken und die historischen Wurzeln des iranischen Machtanspruchs begreifen möchte, ist dieses Werk sehr zu empfehlen. Es zeigt eindrucksvoll und historisch gut belegt, wie aus der Religion der einstigen Unterdrückten eine theologische Doktrin der Unterdrückung geschmiedet wurde. Damit verdient das Buch eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Wer sich tiefergehend mit der schiitischen Theologie und Tradition auch jenseits des Iran befassen möchte, dem sei als weiteres Buch noch „Die Schia“ (Darmstadt 1988) von Heinz Halm ans Herz gelegt.

Aus der JF-Ausgabe 13/26.

Zwei Iranerinnen betrauern den durch Israel getöteten Diktator des Landes, Ajatollah Ali Chamenei. Foto: IMAGO / Anadolu Agency
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