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„Sunday Punch“: Auch Historiker können irren

„Sunday Punch“: Auch Historiker können irren

„Sunday Punch“: Auch Historiker können irren

Jörg Friedrich (2008): Der Historiker wird seit seiner 2002 veröffent- lichten Studie „Der Brand“ wegen seiner angeblich „undisziplinierten Sprache“ kritisiert. Foto: Jurek Holzer
Jörg Friedrich (2008): Der Historiker wird seit seiner 2002 veröffent- lichten Studie „Der Brand“ wegen seiner angeblich „undisziplinierten Sprache“ kritisiert. Foto: Jurek Holzer
Jörg Friedrich (2008): Der Historiker wird seit seiner 2002 veröffent- lichten Studie „Der Brand“ wegen seiner angeblich „undisziplinierten Sprache“ kritisiert. Foto: Jurek Holzer
„Sunday Punch“
 

Auch Historiker können irren

Menschen machen Fehler. Davon sind auch Geschichtsforscher nicht ausgenommen. Der Berliner Historiker Jörg Friedrich beichtet in seiner neuen Essaysammlung unter anderem, wann er die Zukunft falsch vorausgesagt hat.
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Es mag sich um eine ironische Einflüsterung durch die Muse Klio handeln, aber Historiker hadern am meisten damit, wenn sie ein schlechtes Gespür für die Zukunft zeigen. So auch Jörg Friedrich, der im Auftakt der neugestarteten Edition Tumult seine Essaysammlung „Sunday Punch“ mit einem „Katalog meiner Irrtümer“ eröffnet und darin eine intellektuelle Lebensbeichte ablegt.

Den Beginn seiner Selbsttäuschungen verortet der Publizist bei seinem studentischen Engagement zu APO-Zeiten, in dem der 1944 geborene Friedrich die trotzkistische Gruppe Internationaler Marxisten in West-Berlin leitete. Deren Revolutionsphantasmen blieben ebenso irreal wie die Halluzination vom baldigen Ende des Kapitalismus: „Die Bewegung hatte mit allem falschgelegen, puppenlastig im Wolkenkuckucksheim. (…) Auch der angekündigte Untergang der Kleinfamilie hatte nicht stattgefunden, die meisten von uns gründeten selber eine, teilten den Komfort der Privilegierten und ersuchten um Einlass in den repressiven Staatsapparat.“ Friedrich wurde dieser Widersprüche jedoch gewahr, brach mit den Hardlinern und wandelte sich zum aufmerksamen Beobachter seiner Zeit – vor weiteren Fehlschlüssen schützte ihn das dennoch nicht.

Europas Passivität sei ein historisches Versagen

Die Spur seiner ideengeschichtlichen Gewissenserforschung führt bis ins erste Drittel des 21. Jahrhunderts. Für die Wiedervereinigung und den osteuropäischen Hunger auf Souveränität fehlte ihm gegen Ende des Kalten Krieges noch „jedes Verständnis“. Die Geschichte kam bekanntlich anders. Doch auch das institutionelle Fundament des Westens erwies sich als brüchiger als erwartet. Die grundlose Selbstaufgabe einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung wurde für Friedrich „zur größten Enttäuschung meines Lebens (…). Keiner Macht ist Dauer beschieden, nicht aber schmähliche Kapitulation.“ Insbesondere in der Passivität Europas, welche die westlich orientierte Ukraine nur halbherzig unterstütze und so einem ungewissen Schicksal als blockfreier Zwischenstaat überlasse, sieht Friedrich ein historisches Versagen.

Jörg Friedrich: Sunday Punch. Texte zum Chaos der Welt. 169 Seiten, Gerhard-Hess-Verlag, Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen

Die Aufsatzsammlung stellt mit Themen zum Kriegsausbruch 1914, dem Luftkrieg als Terrormaßnahme gegen die Zivilbevölkerung, den Nürnberger Prozessen 1946, einer Soziologie der Nachkriegsgeneration, dem Koreakrieg und der Niedergangsgeschichte des Westens eine selbstkuratierte Zusammenfassung des publizistischen Lebenswerks Friedrichs dar und ist zugleich ein Panorama des gewalttätigen 20. Jahrhunderts.

Regelmäßige Kritik wegen abweichenden Werturteilen

Der Historiker wird seit seiner 2002 veröffentlichten Studie „Der Brand“, in welcher er die alliierte Luftkriegsführung gegen das Dritte Reich seziert, immer wieder dafür kritisiert, dass seine „undisziplinierte Sprache“ (Hans-Ulrich Wehler) zu eigenmächtigen und von der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung abweichenden Werturteilen führe. Der Holocaustforscher Dan Diner steigerte dies zu dem Vorwurf, Friedrich betreibe „eine Tendenz der Enthistorisierung zugunsten einer Anthropologisierung von Leid“. Worunter Diner eine durch Friedrich vollzogene Perspektiv-erweiterung verstand, die sich mit den Hunderttausenden zivilen Opfern des alliierten „Moral Bombing“ in Deutschland beschäftigte.


In der Tat mangelt es dem Historiker an der manichäischen Sichtweise vieler seiner Fachkollegen. Seine Darstellungsweise kennt wenig Hell und Dunkel, jedoch viele unterschiedliche Grauschattierungen. Wer dahinter den bequemen Weg des Neutralisten vermutet, der irrt. Viel eher trifft auf Friedrich als Historiker zu, was Paul Cézanne einst über Maler gesagt hat: „Solange man nicht ein Grau gemalt hat, ist man kein Maler.“

Friedrich stellt einen Ausnahmehistoriker dar

Friedrich porträtiert die Schicksale seiner Beobachtungsobjekte mit der Nachsicht desjenigen, der weiß, dass alle Gefangene ihrer Zeit sind. Seine einzigartige, aber eindrückliche Erzählweise formt einen historischen Sog, aus dem sich niemand zu befreien weiß. Von Schuld spricht er sich dabei nicht frei. Friedrich ist kein Richter, sondern ein Restaurateur, der geduldig Schicht für Schicht die Patina kognitiver Verzerrungen freilegt, um so ein größeres Ganzes zu zeigen. Sein plastischer Zugriff erhebt sich nicht über seine Forschungsgegenstände, sondern gesteht selbst den Verkommensten von ihnen das Recht auf eine ausgewogene Darstellung der sie prägenden Umstände zu.

Das ist Schreiben im Zwielicht, aber kein zwielichtiges Schreiben. Freunde in der Historikerzunft findet man damit dennoch wenige. Dass Friedrich wohl keinen geeigneten Futurologen, wohl aber einen Ausnahmehistoriker darstellt, sollte spätestens nach der Lektüre von „Sunday Punch“ abschließend bewiesen sein.

Aus der JF-Ausgabe 20/26.

Jörg Friedrich (2008): Der Historiker wird seit seiner 2002 veröffent- lichten Studie „Der Brand“ wegen seiner angeblich „undisziplinierten Sprache“ kritisiert. Foto: Jurek Holzer
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