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150. Jubiläum: Bayreuths Weg von der Entrümpelung zur KI

150. Jubiläum: Bayreuths Weg von der Entrümpelung zur KI

150. Jubiläum: Bayreuths Weg von der Entrümpelung zur KI

HANDOUT - Fotoprobe "Die Walküre": Klaus Florian Vogt (Siegmund, vorne l) und Irene Theorin (Brünnhilde, vorne r) stehen auf der Bühne, während im Hintergrund Malassistenten des österreichischen Aktionskünstlers Hermann Nitsch Farbe verschütten. Das Bühnenbild der "Walküre" wurde in diesem Jahr von "Blutkünstler" Nitsch gestaltet. Die Wagner-Oper feiert am 29.07.2021 Premiere bei den Bayreuther Festspielen 2021. Fotoprobe für die Aufführung „Die Walküre“ 2021: Das Stück sorgte für deutliche Buhrufe. Foto: picture alliance/dpa/Festspiele Bayreuth | Enrico Nawrath
HANDOUT - Fotoprobe "Die Walküre": Klaus Florian Vogt (Siegmund, vorne l) und Irene Theorin (Brünnhilde, vorne r) stehen auf der Bühne, während im Hintergrund Malassistenten des österreichischen Aktionskünstlers Hermann Nitsch Farbe verschütten. Das Bühnenbild der "Walküre" wurde in diesem Jahr von "Blutkünstler" Nitsch gestaltet. Die Wagner-Oper feiert am 29.07.2021 Premiere bei den Bayreuther Festspielen 2021. Fotoprobe für die Aufführung „Die Walküre“ 2021: Das Stück sorgte für deutliche Buhrufe. Foto: picture alliance/dpa/Festspiele Bayreuth | Enrico Nawrath
Fotoprobe für die Aufführung „Die Walküre“ 2021: Das Stück sorgte für deutliche Buhrufe. Foto: picture alliance/dpa/Festspiele Bayreuth | Enrico Nawrath
150. Jubiläum
 

Bayreuths Weg von der Entrümpelung zur KI

Nach Krieg, Entnazifizierung und Neubeginn sollte in Bayreuth nur noch die Kunst gelten. Doch ausgerechnet daraus wurde eine Geschichte voller Brüche, Skandale und Machtkämpfe. Der Abschluss der JF-Reihe.
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Wenngleich das Bayreuther Festspielhaus bis Juli 1946 der Unterhaltung amerikanischer Soldaten und zugleich als Flüchtlingsunterkunft diente, wollten die Amerikaner die Festspiele so rasch wie möglich wieder aufleben lassen. Winifred Wagner war politisch diskreditiert. Nach dem Spruchkammerverfahren gegen sie im Juni 1947 musste sie auch offiziell auf die Leitung der Festspiele verzichten. 1949 wurde das seit 1945 gesperrte Festspielvermögen freigegeben, und die 1946 über das Unternehmen verhängte Treuhänderschaft endete. Wieland und Wolfgang Wagner erhielten die Verfügungsgewalt über Festspielhaus und -vermögen. Das Unternehmen blieb ein Familienbetrieb. Mit der Gründung der „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“ entstand eine Mäzenatenvereinigung, deren Unterstützung es ermöglichte, 1951 an die Wiedereröffnung zu denken. Wieland übernahm die künstlerische, Wolfgang zunächst die kaufmännische Leitung; ab 1957 inszenierte auch er.

Von Anfang an war Wieland entschlossen, keinen politischen Missbrauch der Festspiele zu dulden. Wie schon sein Vater Siegfried 1925 ließ er Tafeln mit der Anschrift „Hier gilt’s der Kunst“ anbringen und forderte die Besucher auf, von „Debatten politischer Art auf dem Festspielhügel freundlichst absehen zu wollen“. Gespielt werden sollte fortan wieder alljährlich. Es etablierte sich der Begriff „Neubayreuth“.

In Neubayreuth wurden Traditionen zerbrochen

Mit Beethovens Neunter Sinfonie, geleitet von Wilhelm Furtwängler, begannen am 29. Juli 1951 die ersten Nachkriegsfestspiele. „Parsifal“, dirigiert von Hans Knappertsbusch, der zum herausragendsten Interpreten dieses Werks in Neubayreuth wurde, kam in einer tiefenpsychologischen Inszenierung Wielands auf eine nahezu leere Bühne. Dekorationen waren weitgehend verschwunden und durch Lichteffekte ersetzt worden. Knappertsbusch lehnte Wielands Deutung des „Parsifal“ allerdings ab. Auch der „Ring“ (ebenfalls unter Knappertsbusch) erhielt ein solches reduziertes Bühnenbild. Man sprach von „Entrümpelung“. Eine annähernd leere Bühne wurde auch hier zum Spielraum. Wieland hatte damit alle Bayreuther Traditionen zerbrochen. Besonders die berühmte „Scheibe“, auf der sich die gesamte Handlung der vier „Ring“-Opern abspielte, spaltete das Publikum in einer Weise, wie es nie zuvor der Fall gewesen war. Auch die „Meistersinger“ unter Karajan wurden bühnenbildnerisch stark reduziert.

Von nahezu allen Bayreuther Produktionen aus Wielands Zeit wurden Rundfunkaufnahmen erstellt, die meisten sind heute auf Tonträgern erhältlich. Viele gelten neben Knappertsbuschs „Parsifal“-Aufführungen (fast alljährlich von 1951 bis 1964) als Referenzaufnahmen, darunter der „Lohengrin“ von 1953, „Tannhäuser“ von 1954 und der „Ring“ von 1955, alle unter dem Dirigat von Joseph Keilberth.

Zu den herausragenden Sängern Nachkriegsbayreuths gehörten die Tenöre Wolfgang Windgassen und Ramon Vinay (im Tristan von 1952) sowie die Bassisten Josef Greindl und Hans Hotter. Bei den Frauen waren Martha Mödl, Astrid Varnay und Gré Brouwenstijn die meistgefeierten. Heftigsten Protest rief das ort- und bezugslose Bühnenbild der „Meistersinger“ von 1956 hervor. Er zwang Wieland 1957, zu einer wieder als Nürnberg erkennbaren Dekoration zurückzukehren – das einzige Mal, dass in Bayreuth etwas Vergleichbares geschah. Bis 1959 hatte Wieland das gesamte Bayreuther Repertoire mit eigenen Inszenierungen auf die Bühne gebracht. Wolfgang versuchte nun dasselbe; die ungleichen Brüder sollten in ihrer gemeinsamen Arbeit immer mehr uneins werden. Die gerade 20jährige Anja Silja (Senta im „Holländer“ von 1960) wurde Wielands Muse und Geliebte; bis zu seinem Tod 1966 sang sie zahlreiche Hauptpartien. Wielands Ehefrau Gertrud nahm das Verhältnis nolens volens hin.

Der Tod von Wieland Wagner

Ein Aufschrei ging durch die Reihen der Altwagnerianer, als für den „Tannhäuser“ 1961 in der Rolle der Venus die 24jährige schwarze Amerikanerin Grace Bumbry engagiert wurde. Dunkelhäutige Opernsängerinnen gab es damals kaum. „Kulturschande“ war noch der harmloseste Begriff. Kurios wirkte eine Stellungnahme der Festspielleitung, in der darauf hingewiesen wurde, dass man „die schwarze Haut der Sängerin doch nirgendwo sähe, da sie ein geschlossenes Gewand trüge und ihr Gesicht golden geschminkt“ sei.

In den sechziger Jahren wechselte die Riege der Dirigenten. An die Stelle von Knappertsbusch, Karajan und Keilberth traten neue Kräfte wie Wolfgang Sawallisch, Rudolf Kempe und Silvio Varviso. Erstmals kam der bereits bejahrte Karl Böhm 1965 nach Bayreuth. Seine „Ring“-Interpretation in einer Inszenierung Wielands gilt bis heute als maßstabsetzend. Neu in Bayreuth war auch Pierre Boulez, nicht nur Dirigent, sondern auch kompositorischer Neutöner. Er leitete 1966 den „Parsifal“, Karl Böhm einen gefeierten „Tristan“ (mit Windgassen und Nilsson).

Im Oktober 1966 starb Wieland Wagner, unerwartet nach kurzer schwerer Krankheit. Nun war Wolfgang alleiniger Festspielleiter. Ihm ging jedoch, so heißt es immer wieder, die Genialität des Bruders ab. Wolfgang schien sich dessen bewusst gewesen zu sein und hatte in den Jahren zuvor oft gegen ihn intrigiert. Dennoch blieben einige von Wielands Inszenierungen zunächst noch auf dem Spielplan. Bedauerlich ist, dass von keiner davon eine bildliche Aufzeichnung existiert; Wielands Regiearbeiten lassen sich nur noch über Standfotos nachempfinden. 1968 brachte Wolfgang eine eigene „Meistersinger“-Inszenierung heraus, die in vielem auf der der Uraufführung von 1868 fußte und zumindest bei den Fortschrittlichen große Entrüstung hervorrief.

Winifred über ihren alten Freund Hitler

Wolfgang begann, sich weiter aus dem Fenster zu lehnen, und engagierte 1972 für den „Tannhäuser“ Göltz Friedrich aus Ost-Berlin. Zum ersten Mal seit 1951 inszenierte keiner der Wagner-Brüder. Friedrichs Deutung war explizit gesellschaftskritisch und erfuhr großen Gegenwind. Im Jahr darauf jedoch wurde Friedrich, der 1972 nicht in die DDR zurückgekehrt war, in Bayreuth gefeiert.

Der größte Bayreuther Nachkriegsskandal wurde 1975 Hans-Jürgen Syberbergs über vierstündiges Interview mit Winifred Wagner. Darin äußerte sich die einstige Prinzipalin der Festspiele ganz nonchalant über ihren alten Freund Adolf Hitler und gab zu, immer noch eine überzeugte Nationalsozialistin zu sein (was nicht überraschend war). Sie würde sich freuen, „wenn er heute zur Tür hereinkäme“. Daraufhin erteilte Wolfgang seiner Mutter Hausverbot für das Festspielhaus.

Kapitalismuskritik auf der Bühne

Mehr als fortschrittlich, sogar anarchisch-revolutionär gerieten die Jahrhundertfestspiele von 1976. Zum Jubiläum wurde Haus Wahnfried als Museum eröffnet. Gegeben wurden „Meistersinger“, „Tristan“, „Parsifal“ und der „Ring des Nibelungen“. Wolfgang hatte überlegt, für den „Ring“ die 1876er Inszenierung zu wiederholen, entschied sich aber, um „Nachwuchskräften die Möglichkeit zu geben, sich zu bewähren“, für eine Neudeutung durch den jungen Franzosen Patrice Chéreau. Dieser wurde ihm von Boulez und dem französischen Kulturministerium empfohlen. Chéreau hatte keinerlei Wagner-Erfahrung und schuf eine alle Aufführungstraditionen radikal-verneinende Kapitalismuskritik, die allein schon durch das Bühnenbild verstörte. Die erste „Rheingold“-Szene spielte an einem Stauwehr, die Rheintöchter waren Prostituierte, Nibelheim wurde zur Tiefgarage.

Buhstürme und Pfeifkonzerte begleiteten die ersten Aufführungen. Unzählige Beschwerdebriefe gingen ein; man sah in Chéreau einen kommunistischen Propagandisten. Einige Fundamentalisten der „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“ warfen Wolfgang vor, „sich dem Stildiktat linksextremer Provinzregisseure gebeugt zu haben“. Es kam sogar zu antifranzösisch-nationalistischen Aktivitäten. Wolfgang kündigte jedoch an, auch in den nächsten Jahren Chéreaus „Ring“ aufzuführen. 1980 erhielt diese Inszenierung, als sie letztmalig aufgeführt wurde, mit über einer Stunde Dauer den längsten in Bayreuth jemals gegebenen Beifall. Wolfgang Wagner hatte mit dieser Ring-Deutung bewusst ein Ende der Wieland-Ära herbeigeführt, manche sprechen von einer späten Rache am Bruder.

Gründung der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth

Für die Festspiele 1976 hatten 300.000 Kartenbestellungen vorgelegen. Wer ab den siebziger Jahren eine Karte haben wollte, mußte über eine Warteliste jahrelang warten, bis er an der Reihe war. Jedes Jahr musste dazu das Weiterbestehen des Kartenwunsches bestätigt werden. Man hätte für 1977 dreimal soviele Aufführungen geben müssen, um die Nachfrage zu stillen, egal für welche Oper (bei durchschnittlich 30 Aufführungen und 1925 Plätzen standen nur etwa 58.000 Karten zur Verfügung). Solche Überbuchungen dauerten bis in die jüngste Zeit an.

Wolfgang Wagner hatte 1976 in zweiter Ehe seine Sekretärin Gudrun Mack geheiratet; der Verbindung entsprang 1978 Tochter Katharina. Im März 1980 starb Winifred Wagner, für Wolfgang war damit die vielleicht schwerste Hypothek der Festspiele getilgt. 1981 trat Daniel Barenboim als Dirigent erstmals in Bayreuth vor das Publikum und leitete einen von Jean-Pierre Ponnelle inszenierten umjubelten „Tristan“. Umjubelt war auch Götz Friedrichs „Parsifal“ von 1982. Zum 100. Todestag Richard Wagners inszenierte Peter Hall einen neuen „Ring“, der sich mit allerlei Romantizismen deutlich von dem Chéreaus absetzte. Die musikalische Leitung hatte Georg Solti, der recht selbstherrlich auftrat, den Festspielbetrieb zu seinem Privattheater werden ließ und mit dem sich jede Zusammenarbeit höchst schwierig gestaltete. Er plante, nach und nach zum alleinigen Festspieldirigenten zu avancieren – letztlich gab er selbst auf, da angeblich seine Arbeit heimlich sabotiert werde.


Träger der Festspiele war seit 1973 die neugegründete Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth. Ihr gehören, neben Mitgliedern der Familie, der Freistaat Bayern, die Bundesrepublik Deutschland, die „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“ und andere an. Sie bestimmt auch den Festspielleiter. Gegen Ende der neunziger Jahre begann die Diskussion um einen dringend notwendigen Wechsel an der Spitze. Wolfgang war annähernd 80 Jahre und hatte durch sein selbstherrliches Wirken auch im Familienkreis nicht nur Freunde. Doch er konnte nicht ohne weiteres abgewählt werden, da er einen Vertrag auf Lebenszeit hatte. Erst 2001 wurde gegen seinen Willen seine Tochter aus erster Ehe, Eva Wagner-Pasquier, als Festspielleiterin bestimmt. Wolfgang akzeptierte dies jedoch nicht.

KI-Bilder zum „Ring“ lösten einhelliges Entsetzen aus

Es begann ein Familien- und Festspielleitungskrieg. Erst nachdem die zweite Tochter Katharina bereit war, mit ihrer Halbschwester gemeinsam die Festspiele zu leiten, gab Wolfgang widerwillig nach und erklärte, zum Ende der Festspiele 2008 sein Amt niederzulegen. Doch jetzt trat Wielands Tochter Nike auf den Plan und bewarb sich bei der Stiftung ebenfalls um den Leitungsposten, gemeinsam mit dem Kulturmanager Gerald Mortier. Das „Wagner-Theater“ setzte sich fort, als der Stiftungsrat die beiden Schwestern als Festspielleiterinnen bestätigte. Nike ließ keine Gelegenheit aus, deren Tätigkeit auch in der Öffentlichkeit kritisch zu betrachten. Wolfgang zog sich verbiestert aus der Öffentlichkeit zurück und starb 91jährig im März 2010. Die Wolfgang-Ära sollte nun eine Aufarbeitung erfahren. 2011 wurde bekannt, dass davor oftmals nur etwa 40 Prozent der Karten frei verkauft wurden, der Rest ging an Günstlinge beziehungsweise wurde als Kontingent bestimmten Gruppen (wie unter anderem der „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“) zugeteilt, die allerdings mit reichlich pekuniärer wie ideeller Unterstützung immer zur Seite standen.

In den 2000er Jahren inszenierten die unterschiedlichsten Regisseure. Christoph Schlingensief brachte 2004 einen provokanten, jedoch auch gefeierten „Parsifal“ heraus. Frank Castorfs „Ring“ 2013 erstmals gespielt, war natürlich „umstritten“. 2015 schied Eva Wagner-Pasquier aus der Festspielleitung aus, nun war Katharina die alleinige Chefin Bayreuths. Für Christian Thielemann schuf sie den bis dahin nicht existierenden Posten des Musikdirektors, den dieser bis 2020 innehatte.

Wie schon das hundertjährige Jubiläum durch die Inszenierung Chéreaus letztlich ein herausragendes war, sollte auch das 150jährige zu etwas ganz Besonderem werden. Einesteils wurde erstmals auch der „Rienzi“ gegeben (Richard Wagner hatte nur die Opern ab dem „Holländer“ für „bayreuthwürdig“ angesehen), zweitens kam eine völlig neue „Ring“-Darstellung auf die Bühne, die aber keine Inszenierung im engeren Sinne war, sondern KI-generiert. Es gab keinen Regisseur, sondern nur ein „Kuratoren“-Team. Das Publikum reagierte entsetzt, ja mit äußerster Empörung. Noch nie hatte es eine so einhellige Ablehnung einer Darstellung gegeben. Denn das von der KI Gezeigte (über das Zufallsprinzip wurden Bilder aus  den Inszenierungen der letzten 150 Jahre mit solchen allgemeiner geschichtlicher Ereignisse verknüpft) korrespondierte selbst bei größter Liebe zu abgehobenem Regietheater in keiner Weise mit den jeweiligen Szenen beziehungsweise der Musik. So bleiben die Bayreuther Festspiele auch 150 Jahre nach ihrer Gründung künstlerisch wie politisch erregend.


Lesen Sie hier den ersten Teil und hier den zweiten Teil der JF-Reihe.

Aus der JF-Ausgabe 34/26.

Fotoprobe für die Aufführung „Die Walküre“ 2021: Das Stück sorgte für deutliche Buhrufe. Foto: picture alliance/dpa/Festspiele Bayreuth | Enrico Nawrath
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