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Trotz Protestbrief: Pfarrer Stephan Da Re läßt die Kirchenglocken weiter läuten
Trotz Protestbrief: Pfarrer Stephan Da Re läßt die Kirchenglocken weiter läuten Fotos: picture alliance/dpa/- | Markus Klümper / Twitter @StephanDaRe / JF-Montage

Wiesbaden
 

„In unserem Kulturkreis seit Jahrhunderten üblich“: Pfarrer verteidigt Glockenläuten

Schon der Pädagoge Karl Friedrich Wilhelm Wander wußte 1873 in seinem Deutschen Sprichwörterlexikon von der Weisheit zu berichten: „Die Narrenschellen klingen vielen besser als Kirchenglocken.“ Verständlich, denn das Läuten der Glocken rief die Bürger nicht nur zum Gebet, sondern erinnerte sie auch daran, daß es eine höher Macht gibt, weshalb es angepaßt wär, das eigene Handeln in regelmäßigen Abständen kritisch zu hinterfragen.

Nun war die überwiegende Mehrheit der Bürger damals gläubig oder zumindest christlich getauft, doch auch rund 150 Jahre später, in Zeiten steigender Kirchenaustritte und einem Christentum auf dem Rückzug, hat das Sprichwort in Deutschland durchaus noch seine Berechtigung, wie ein aktueller Fall aus Wiesbaden zeigt.

Dort hatte sich ein anonymer Schreiber an den Pfarrer der Evangelischen Johanneskirchengemeinde, Stephan Da Re, gewandt und sich über das seiner Ansicht nach überflüssige Glockenläuten zwischen 18.55 und 19.00 Uhr beklagt. Er wolle als einer von mehreren direkt betroffenen Nachbarn einmal fragen, ob „dieser allabendliche Lärm wirklich sein“ müsse.

„In unserem Kulturkreis seit Jahrhunderten üblich“

Schließlich finde zu dieser Zeit gar kein Gottesdienst statt, wodurch es doch auch keinen Grund für das Geläute gebe. „Babys und ältere Personen“ würden sich wegen des Lärms erschrecken. „Wir sind keine Kirchgegner, aber das gibt es sonst in keiner Kirche und es nervt gewaltig“, schrieb der anonyme „genervte Nachbar“ am Sonntag an Pfarrer Da Re und endete seinen Protestbrief mit der Frage „MUß DAS WIRKLICH SEIN?“

Die überraschend klare Antwort folgte bereits zwei Tage später am Dienstag mit einem öffentlichen Aushang im Infokasten der Gemeinde. Da er sich wegen des fehlenden Absenders nicht direkt an den gestörten Anwohner wenden könne, wähle er diese Form der Kommunikation, schrieb Pfarrer Da Re. Beim Läuten der Glocken zwischen 18.55 und 19.00 Uhr handle es sich um das Stundengeläut, „wie es in unserem Kulturkreis seit Jahrhunderten üblich ist“, ließ er den anonymen Kritiker wissen.

„Als Christen erinnern wir daran, wem wir unser Leben verdanken, und welche Verantwortung sich daraus ableitet. Die Glocken erinnern daran, daß die vergehende Zeit von Gott geschenkte Zeit ist. Unser Geläut geht in das abendliche Glockengeläut von St. Michael über, die mittags und 12.00 Uhr und abends um 19.00 Uhr läuten, so daß sich ein Glockenband über den Stadtteil legt. Für viele Kinder ist das abendliche Geläut ein Hinweis, vom Spielen nach Hause zu gehen.“ Das Glockengeläut sei als Hinweisgeber, Einladung zum Gebet und Verkündung nicht ohne Grund gesetzlich geschützt.

Glocken werden weiter läuten

Ob die Nutzung des Gebäudes als christliche Kirche vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und der zurückgehenden Mitgliederzahlen von Dauer sein werde, oder ob künftig an dieser Stelle andere Religionsgemeinschaften mit ihren eigenen Sitten und Bräuchen ihren Glauben praktizieren würden, sei zum heutigen Zeitpunkt noch nicht absehbar, ergänzte der Pfarrer und lud die Kritiker des Geläuts ein, ihn doch einfach auch einmal persönlich anzusprechen.

Und so wird sich der genervte Anwohner wohl damit abfinden müssen, daß vom Turm der evangelischen Johanneskirchengemeinde auch in Zukunft täglich zwischen 18.55 und 19.00 Uhr die Glocken die Kinder nach Hause schicken und die erwachsenen Bürger daran erinnern, daß ihr irdisches Leben nur von begrenzter Dauer ist. Zumindest so lange, bis vielleicht eines Tages eine andere Religionsgemeinschaft den Turm zur Verkündung ihres Glaubens nutzt. Ob es dann auch anonyme Protestschreiben dagegen gibt und wie die Antwort darauf ausfällt, wird sich zeigen.

Trotz Protestbrief: Pfarrer Stephan Da Re läßt die Kirchenglocken weiter läuten Fotos: picture alliance/dpa/- | Markus Klümper / Twitter @StephanDaRe / JF-Montage
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