Es gibt diese eine Szene in Helmut Dietls „Kir Royal“, die mittlerweile jeder mitsprechen kann – da spielt Mario Adorf den neureichen, rheinischen Klebstoff-Fabrikanten Heinrich Haffenloher, der sich – im weißen Bademantel am Pool den Reporter Baby Schimmerlos für eine lobende Erwähnung in dessen Kolumne kaufen will. Legendärer Auftritt. Adorf verkörpert den Industriellen, weißer Bademantel, Brusthaar, Rolex in einer Mischung aus schmieriger Verbrüderung und mafiöser Kälte, und diese Sätze heißen:
– „Isch scheiß dich sowas von zu mit meinem Geld…“
– „Isch mach dich nieder, Schimmerlos.“
– „Isch kauf dich einfach.“
– „Isch schieb et dir hinten und vorne rein.“
– „Gegen meine Kohle haste doch gar keine Schangse… Komm, und jetzt sach Heini zu mir!“
Manche sind größer als die Werke, in denen sie spielen. Ich habe Mario Adorf als „Santer“ in „Winnetou“ kennengelernt. Aber unvergesslich wurde er mir hier. Bis heute kann ich das auswendig. Gute Reise, Sie Großer. Dem Tod werden sie so über sein! pic.twitter.com/IIqL8LIfWb
— Philipp Michaelis (@philmich1) April 9, 2026
Was für ein großartiger Slalom, den Adorf da hinlegt, ein knurrender, werbender, bösartiger und unwiderstehlicher Scheißkerl den er da im rheinischen Singsang gibt, und nebenbei: Nur Dietl konnte solche Szenen schreiben. Adorf spielt das brillant: Er beginnt bedrohlich wie ein Mafia-Boss („isch ruinier dich“), wird dann väterlich-schmierig und drückt Baby schließlich an seine behaarte Brust – eine Mischung aus Einschüchterung und erzwungener Umarmung. Baby, der sonst immer den Ton angibt, wird sichtlich kleiner, schluckt trocken und verliert die Farbe im Gesicht. Die Kamera fängt die Machtverschiebung durch Geld perfekt ein: Der vermeintlich integre Reporter steht einem rohen, aber unendlich liquiden Kapitalisten gegenüber.
Mario Adorf war das letzte große Kaliber des deutschen Films der Nachkriegszeit: Eine merkwürdige Mischung aus deutscher Eiche und Espresso-Tasse, Hochleistung und Dolce Vita, Lebenskünstler, Publikumsliebling. Er starb „nach kurzer Krankheit“ in seiner Wohnung in Paris. Er sei „sanft eingeschlafen“, ließ seine Frau verlauten. Ich stelle mir vor, dass er gelächelt hat, versöhnt mit seinem Leben, seinem Werk, seiner Kunst. Er bleibt als freundlicher, hochgescheiter, leinwandfüllender Brummbär und großartiger Komödiant in Erinnerung.
Adorf war wichtiger als die Kuba-Krise
Allerdings habe ich noch, wie viele meiner Generation, eine Rechnung mit ihm offen. Er war es, der in seiner Rolle als unrasierter, bösartiger Oberbandit Santer Winnetous Schwester Nscho-tschi erschossen, und meine Kinderseele hat getrauert und gehasst. Adorf ist sogar auf der Straße dafür beschimpft worden. Das war 1963 in dem Film Winnetou I, die Beatles hoben gerade ab, Kennedy wurde in diesem Jahr erschossen und ich hatte einen Starschnitt von Lex Barker und Pierre Brice in meinem Kinderzimmer an der Wand hängen, neben solchen von Beckenbauer und Vivi Bach, in die ich verliebt war.
In anderen Worten: Mario Adorf war eine viel größere Erschütterung meiner Unschuldswelt als etwa die Kuba-Krise. Er war optisch der Gegenentwurf zum blonden germanischen Heldentenor. Die Umstände seiner Geburt am 8.September 1930 in Zürich waren durchaus dramatisch. Seine Mutter, Röntgenärztin, hatte sich in den Chirurgen Matteo Menniti verliebt, der in Siderno in Kalabrien eine Klinik leitete. Da es im faschistischen Italien unter Mussolini, mit den strikten Regeln der Kirche, nahezu unmöglich war, ein nicht-eheliches Kind allein aufzuziehen – diese wurden in staatliche Anstalten gesteckt – floh die Mutter hochschwanger außer Landes.
Weitreichende Bildung und unglaubliches Schauspieltalent
Nach der Geburt in Zürich wurde sie ausgewiesen und musste sie erneut fliehen. Sie ließ sich im Eifel-Nest Mayen nieder und brachte sich und ihr Kind mit Näharbeiten über die Runden, was schwer war: Als ihr Sohn Mario drei Jahre alt war, gab sie ihn zum katholischen Orden der Borromäerinnen.
Nach seinem Abitur 1950 studierte Mario Adorf „Geisteswissenschaften“, also praktisch alles: Philosophie, Psychologie, Kriminologie, Literaturwissenschaft, Historische Musikwissenschaft, Theaterwissenschaft und kehrte zurück an seinen Geburtsort Zürich, wo er als Statist und Regieassistent am Schauspielhaus arbeitete, bis er ab 1954 im Ensemble der Münchner Kammerspielen wirkte.
Seine erste große Leinwandrolle war die des Serienmörders Bruno Lüdke in der Nazizeit – Robert Siodmak, der zurückgekehrte Emigrant, hatte Adorf in einer stummen Rolle auf der Bühne erlebt und war beeindruckt von seiner Intensität: „Mario Adorf hatte kein Wort zu sprechen. Er saß auf der rechten Bühnenseite als Stenograph und tippte auf einer stummen Schreibmaschine den Verlauf des Prozesses mit. Das machte er mit einer solchen Aufmerksamkeit und Intensität, dass er mir – und wahrscheinlich nicht nur mir allein – auffiel und ich mich bereits damals entschloss, ihn eines Tages zu besetzen.“
Mit Preisen überhäuft
Eine heikle Geschichte, zwölf Jahre nach Kriegsende. Der geistig eingeschränkte Kleindieb hatte in suggestiven Verhören reale und dokumentierte Morde gestanden, eine Mordserie inmitten eines mörderischen Systems, das diese auf seine Weise löste: Mord und Vertuschung, denn geisteskranke Täter durfte es im gesunden, arischen Volkskörper nicht geben.
Für Siodmak, der einen „antifaschistischen Film“ drehen wollte, war es neben seiner Verfilmung von Hauptmanns „Ratten“ die wichtigste seiner deutschen Produktionen. Adorf grub sich in seine Rolle ein, er las Akten und Verhörprotokolle und überzeugte in seiner Doppelrolle als Opfer und Täter zugleich. Die Geständnisse zu über 80 Morden wurden von ihm erpresst, kein einziger wurde nachgewiesen.
Der Film „Nachts, wenn der Teufel kam“ erhielt zehn Bundesfilmpreise, einen davon Mario Adorf, den die Kritik als „überzeugend“, „naiv-brutal“, „vom Kindlichen bis zum Brutalen, vom Gutmütigen bis zum Mörderischen“ beschrieben. Viele Kritiken betonten die Authentizität und Intensität, mit der Adorf den „schwachsinnigen, triebhaften Massenmörder“ verkörpere.
Von dem Erfolgsfilm distanziert
Mario Adorf distanzierte sich später von dem Film und sprach bei der Verlegung eines Stolpersteins für Lüdke als Opfer des Naziregimes davon, dass er die Rolle anders angelegt hätte, hätte er die wahre Geschichte gekannt. Aber ab sofort war er auf sinistre Typen festgelegt (Santer!, Winnetou I), bis er 1970 in der Gaunerkomödie „Die Herren mit der weißen Weste“ als krimineller Boxpromoter seinen Durchbruch ins komische Frach gelang – auch hier gründliches Rollenwissen, denn er hatte eine Zeitlang selber geboxt.
In den 70ern und 80ern wurde er zum Internationalen Star, in Rollen, die ihm der neue deutsche Film bot: in Roland Klicks düsteren Western „Deadlock“, vor allem in Schlöndorffs „Blechtrommel“ sowie dessen „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, in französischen und italienischen Produktionen. Er spielte Banditen in Italowestern, aber auch den Duce Mussolini im Politthriller „Die Ermordung Matteottis“, den Kritikern zufolge offenbar beeindruckend: Sie lagen ihm zu Füßen.
Es ist diese Bandbreite vom Erzschurken bis zum lässig generösen cleveren Gauner und Patriarchen, die Mario Adorf dann in Dieter Wedels Dreiteilern ab den 1990er Jahren in jedes Wohnzimmer brachte: „Der große Bellheim“, „Der Schattenmann“, „Die Affäre Semmeling“.
Wir werden ihn vermissen
Tatsächlich aber war er ein Arbeitstier, er trat in über 220 Film- und TV-Produktionen auf, er gehörte zum deutschen Fernsehen wie die Sportschau und der Wetterbericht. Die Lesetour mit seiner Autobiografie „Himmel und Erde. Unordentliche Erinnerungen“ waren ausverkauft, denn Mario Adorf war Zeitzeuge, er hatte tatsächlich deutsche Geschichte erlebt wie kaum einer, er hatte was zu Erzählen.
Politisch unabhängig blieb er ein Leben lang, aber gehörte zu denen, die öffentlich dringend dazu rieten, mit den Russen ins Gespräch zu kommen. Er war wach.
Und er blieb zur Hälfte Italiener. Rom war seine Wahlheimat. „Meine Vergangenheit. Das war natürlich damals diese Dolce-Vita-Zeit, sowohl vom Leben her, ein sehr leichtes Leben, wo man sehr gut leben konnte, mit wenig Geld auch. Eine sehr gut gelaunte Zeit auch.“ Beiläufiger und heiterer kann man ihn nicht erklären. Den Deutschen. Und den Italiener.
Wir werden ihn und seine Freundlichkeit vermissen.






