Anzeige
AnzeigeLangen Müller, Fritz Söllner, Rechtsstaat, Freiheit, Energiekrise, Thilo Sarrazin

Nachruf auf Jean-Luc Godard: Kleine Banditen

Nachruf auf Jean-Luc Godard: Kleine Banditen

Nachruf auf Jean-Luc Godard: Kleine Banditen

Der jüngst verstorbene, französische Filmregisseur Jean-Luc Godard während einer Preisverleihung in Zürich im Jahre 2010 (Archiv). Der Filmschaffende hatte zu Lebzeiten die „Neue Welle“ im französischen Kino entscheidend mitgeprägt. Foto: picture alliance/KEYSTONE | GAETAN BALLY
Der jüngst verstorbene, französische Filmregisseur Jean-Luc Godard während einer Preisverleihung in Zürich im Jahre 2010 (Archiv). Der Filmschaffende hatte zu Lebzeiten die „Neue Welle“ im französischen Kino entscheidend mitgeprägt. Foto: picture alliance/KEYSTONE | GAETAN BALLY
Der jüngst verstorbene, französische Filmregisseur Jean-Luc Godard während einer Preisverleihung in Zürich im Jahre 2010 (Archiv). Der Filmschaffende hatte zu Lebzeiten die „Neue Welle“ im französischen Kino entscheidend mitgeprägt. Foto: picture alliance/KEYSTONE | GAETAN BALLY
Nachruf auf Jean-Luc Godard
 

Kleine Banditen

Als Michel Houellebecq seinen tragikomischen Helden in dem Roman „Unterwerfung“ in die französische Provinz schickt und sich zeitgleich binnen weniger Tage das Antlitz von Frankreich radikal wandelt, weil eine Moslem-Partei die Macht übernimmt, wirkt das wie ein ironisches Spiel mit Jean-Luc Godards anti-bourgeoiser Anarcho-Satire „Weekend“. In dem Film drehen während eines Wochenendes reihenweise Franzosen durch. Auf einmal herrschen Sittenlosigkeit und Gewalt.

Die Reise von Houellebecqs Pariser Philologen wirkt wie ein Gegenentwurf dazu: Auch hier gerät die bisherige Ordnung aus den Fugen. Doch in „Unterwerfung“ sind es nicht Chaos und Anarchie, die das Zepter übernehmen, sondern das Gegenteil davon: eine neue, vom Islam geprägte Ordnung.

„Weekend“ von Regisseur und Drehbuchautor Godard, 1967 ins Kino gekommen und somit auch Reflex des Brodelns an französischen Universitäten, ist sicher einer der schrillsten Filme des am Dienstag in seiner Wahlheimat Rolle am Genfer See verstorbenen Filmschaffenden: formal virtuos und voller großartiger visueller Einfälle; doch das Zusehen ist, wie bei vielen seiner Werke, immens anstrengend. Denn Godard liebte Verfremdungseffekte und Brüche im Erzählfluß. „Das Fernsehen erzeugt Vergessen, das Kino Erinnerungen“, glaubte er. Durch seinen konsequenten Bruch mit den Konventionen filmischen Erzählens wurde diese Überzeugung zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Doch es sind eher die leichter verdaulichen Werke

Godard arbeitete häufig mit Film-Star Belmondo

Es sind eher die leichter verdaulichen Werke, an die man bei dem Namen Godard zuerst denkt. Natürlich die Gangsterballade „Außer Atem“ (1960), auf der Berlinale mit dem Bären für die beste Regie ausgezeichnet, Godards Katapultstart in den Film-Olymp. In der Hauptrolle: der damals noch unbekannte Jean-Paul Belmondo, dessen Karrierestart von dem Godards nur schwer zu separieren ist. Es ist weniger die Räuberpistole über einen Ganoven auf der Flucht vor der Polizei, die im Gedächtnis bleibt, als die Art und Weise, wie Godard seinen tragischen Helden inszeniert: als wilden Typen, manisch fokussiert auf die Gegenwart und auf seine Gefährtin (dargestellt von Jean Seberg). Ihr Verrat gehört zu den größten Schockern der Filmgeschichte und machte damit auch „Außer Atem“ zu einem dieser Filme, die man nie vergißt.

Das Gangsterdrama, von dem es auch eine US-Version mit Richard Gere gibt, gilt als programmatisch für die „Nouvelle Vague“, die neue Welle im französischen Film, die ohne den Namen Jean-Luc Godard kaum denkbar wäre. Denn so radikal probierte sich keiner am neuen Stil aus: Godard hielt nicht viel von fertigen Drehbüchern, sondern improvisierte lieber. Belmondo konnte sich also in der Rolle nach Herzenslust austoben, ihr sein ganz persönliches Gepräge geben. So entstanden – auch in „Elf Uhr nachts“ („Pierrot le fou“, 1965), wo Belmondo erneut einen jungen Mann mit krimineller Energie spielen durfte – Figuren, die man schon nach wenigen Filmminuten sehr genau zu kennen meint.

Daß Godard, der 1930 in Paris zur Welt gekommene, aber in Nyon am Genfer See aufgewachsene Sohn eines Schweizer Augenarztes ein Faible für kleine Banditen hatte, lag vielleicht auch daran, daß er selber einer war: Der aus großbürgerlichen Verhältnissen Stammende erlaubte sich später bei knapperer Kasse den zweifelhaften Spaß, Leute zu bestehlen. Godard mußte dafür Ende der Vierziger sogar einmal ins Gefängnis.

Film über Algerienkrieg sorgte für Kontroversen

In „Elf Uhr nachts“ war die Filmpartnerin an Belmondos Seite Anna Karina, einer der großen weiblichen Stars des französischen Kinos der Sechziger – und Godards Ehefrau von 1961 bis zur Scheidung 1965. Mit ihr schuf Godard zuvor Kinoklassiker wie „Eine Frau ist eine Frau“ (1961) über eine Tänzerin, die ihren Freund mit einem rabiat vorgetragenen Kinderwunsch unter Druck setzt, „Die Geschichte der Nana S.“ (1962), die Tragödie einer Frau, die sich aus Geldnot prostituiert, sowie das ebenso spannende wie facettenreiche Krimidrama „Die Außenseiterbande“ (1964) über zwei Gelegenheitsverbrecher.

Mit „Der kleine Soldat“ (1960), einem kritischen Beitrag zum Algerienkrieg, löste er eine heftige Kontroverse aus. In „Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola“ (1966) wurden zwei Erzählungen des französischen Realisten Guy de Maupassant für die (damalige) Gegenwart adaptiert.

Godard erhielt Oscar für sein Lebenswerk

Aus dem uferlosen filmischen Werk herauszuheben ist noch „Die Verachtung“ (1963), der Film, mit dem der deutsch-französische Kulturkanal Arte den Verstorbenen am am Tag nach seinem Tod würdigte: eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Alberto Moravia, die den Zerbruch der Ehe eines Drehbuchautors und seiner verführerischen Gemahlin (gespielt von Brigitte Bardot) zeigt, ausgerechnet während der Dreharbeiten zu einem Film. Regie-Titan Fritz Lang trat als er selbst auf.

Die filmische Selbstreferenz war auch prägend für „Nouvelle Vague“ (1990). Darin spielte Godard mit der Epochenbezeichnung, für die er selbst prägend war – mit einer gewohnt experimentellen Regiearbeit voller Anspielungen und Zitate. 2010 gewann Godard den Oscar für ein Lebenswerk, das bleiben wird.

Der jüngst verstorbene, französische Filmregisseur Jean-Luc Godard während einer Preisverleihung in Zürich im Jahre 2010 (Archiv). Der Filmschaffende hatte zu Lebzeiten die „Neue Welle“ im französischen Kino entscheidend mitgeprägt. Foto: picture alliance/KEYSTONE | GAETAN BALLY
Anzeige
Anzeige
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
aktuelles