Buchmesse Frankfurt Kuhnke
Techniker bereiten während der Frankfurter Buchmesse 2020 die ARD-Bühne vor Foto: picture alliance/dpa | Arne Dedert

Jasmina Kuhnke und die Frankfurter Buchmesse
 

Willst du gelten, mach dich selten

Auf Twitter hat Jasmina Kuhnke weit über 100.000 Follower. Ihre Reichweite ist groß und damit auch ihre Bekanntheit im Netz. Doch die 39jährige ist dort nicht unter ihrem bürgerlichen Namen unterwegs, sondern als Quattromilf. Das Quattro steht für ihre vier Kinder, Milf in Anspielung an ein bestimmtes sexuelles Beuteschema für „Mom I’d like to follow.

Das Problem: Mit Twitter-Pseudonymen läßt sich in der realen Welt nur bedingt Ruhm generieren. Also versucht Kuhnke, ihre Twitter-Bekanntheit ins wahre Leben zu transformieren und dort in Bares umzumünzen. Das gelang ihr vor allem mit dem Aufkommen der „Black Lives Matter“-Bewegung in Deutschland zunehmend besser, denn als schwarze Frau hat Kuhnke das Vermarkten von angeblichen und echten Rassismuserfahrungen mittlerweile als Geschäft entdeckt.

Eigentlich ist die gebürtige Nordrhein-Westfälin Comedyautorin und Gag-Schreiberin, aber nun hat sie das ernste Genre für sich entdeckt und passend zur Frankfurter Buchmesse ihren Debutroman „Schwarzes Herz“ vorgelegt. Darin geht es mehr oder weniger um sie, ihr Leben, ihre Kindheit, ihr Aufwachsen und – nicht nur, aber vor allem – ihre permanenten Konfrontationen mit dem Alltagsrassismus der Mehrheitsgesellschaft.

Perfekt getimt

Eine Nominierung für irgendeinen wichtigeren Literaturpreis winkt ihr damit natürlich nicht und vermutlich hätte das Buch auch abgesehen von ein paar wohlwollenden Rezensionen kein großes Aufsehen erregt, wenn Kuhnke nicht mit großem Wirbel perfekt getimt einen Tag vor seiner Veröffentlichung und einen Tag vor Beginn der Frankfurter Buchmesse ihren bis dahin unbekannten Auftritt eben dort abgesagt hätte.

Eigentlich sei sie für den kommenden Freitag von der ARD auf die Messe als Überraschungsgast geladen gewesen, ließ sie auf Twitter ihre Follower wissen, doch da sich dort auch ein Stand des rechten „Jungeuropa“-Verlags befinde, müsse sie ihren Auftritt nun schweren, schwarzen Herzens absagen.

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Die Präsenz von Rechtsextremisten mache die Gefahr für sie persönlich unübersehbar, schrieb Kuhnke in einem ausführlichen Statement. „Ich rede nicht mit Nazis. Ich höre Nazis nicht zu. Ich lese keine Bücher von Nazis. Deshalb habe ich mich entschieden, zum Nachteil für die Präsenz meines Buches und die damit verbundene Werbung für dieses, meine Auftritte im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 2021 abzusagen.“ Der Messeleitung und allen anderen Ausstellern warf sie vor, zu dulden, „daß Menschen mit sichtbarer Migrationshistorie durch die Präsenz von Nazis auf dieser Messe gefährdet werden“.

Es dauerte nicht lang und es erhob sich ein großes Wehklagen auf Linkstwitter. Man solle nun unbedingt Kuhnkes Buch kaufen, hieß es. Zudem sah sich die Buchmesse mit wütenden und empörten Protesten konfrontiert, daß sie Ausstellern wie dem Jungeuropa-Verlag eine Bühne biete. Da half es auch nichts, daß die Messeverantwortlichen auf die Meinungsfreiheit als Leitlinie verwiesen, wonach jeder Verlag, der nicht gegen das Gesetz verstoße, unabhängig von seiner politischen Ausrichtung auf der Bücherschau präsent sein dürfe.

Die Bildungsstätte Anne Frank warf der Messeleitung vor, sich hinter der Meinungsfreiheit zu verstecken. „Es ist ein Desaster für unsere offene Debattenkultur, wenn sich Betroffene von Rassismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit von der Frankfurter Buchmesse als der größten Debattenmesse des Landes zurückziehen, weil sie sich dort nicht sicher fühlen“, kritisierte der Direktor der Bildungsstätte, Meron Mendel.

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Auch der Geschäftsführer der Amadeu-Antonio-Stiftung, Timo Reinfrank, beeilte sich, Kuhnke beizupflichten. Die Buchmesse dürfe kein Ort für Nazis, Rassisten und Antisemiten bleiben, mahnte er und rief zur Solidarität mit der Autorin auf. „Die rechte Bedrohung auf der Buchmesse ist real – auch mittels Gewalt.“

Doch wie muß man sich diese rechte Bedrohung vorstellen? Laufen Skinheads mit Springerstiefeln und Baseballschlägern durch die Hallen und halten Ausschau nach dunkelhäutigen Autoren? Machen Autonome Nationalisten Hetzjagd auf sie? Rufen Verleger wie Philip Stein vom Jungeuropa-Verlag oder Mitglieder der Identitäten Bewegung dazu auf, Lesungen von farbigen Publizisten zu stören oder gar mit Gewalt zu verhindern?

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Nachfrage beim hessischen Landesamt für Verfassungsschutz, ob die Behörde eine solche Gefahr bestätigen könne. Diese verweist nach einigem Zögern auf die Zuständigkeit des Landeskriminalamts. Eine entsprechende Anfrage an die dortige Pressestelle bleibt unbeantwortet. Ebenso eine am Dienstag gestellte Anfrage an die Frankfurter Buchmesse. Auch eine dortige Nachfrage am Mittwoch per Mail wird nur mit Schweigen quittiert.

Immerhin das Polizeipräsidium Frankfurt am Main, das für die Sicherheit des Messebetriebs zuständig ist, meldet sich zurück. Ein freundlicher Kriminalhauptkommissar antwortet, man habe doch sicher Verständnis dafür, daß zu taktischen Maßnahmen der Polizei keine Auskunft erteilt werden könne. „Sie können sich allerdings sicher sein, daß wir als Polizei – losgelöst von etwaigen abstrakten oder konkreten Gefährdungslagen – alles für die Sicherheit der Aussteller und Besucher der Buchmesse unternehmen.“ Für Rückfragen stehe er gern zu Verfügung.

Zu viel Bedeutung?

Auf dieses Angebot eingehend, erfolgt eine weitere Presseanfrage, ob, ganz allgemein und ohne Rückschlüsse auf mögliche Abwehrszenarien zu liefern, die Polizei Erkenntnisse habe, daß auf der Buchmesse eine reelle Gefahr für Autoren mit sichtbarem Migrationshintergrund durch gewalttätige Übergriffe von Anhängern des rechten Spektrums bestehe. Doch auch darauf heißt es am Donnerstag nur, Bewertungen seien taktische Maßnahmen, zu denen man keine Auskünfte geben dürfe. Und auch zu Auffassungen der Amadeu-Antonio-Stiftung beziehe man keine Stellung.

Der Rowohlt-Verlag, bei dem „Schwarzes Herz“ erschienen ist, gibt sich auf die Nachfrage, ob eigentlich auch eigene Termine mit Kuhnke geplant gewesen seien, ebenfalls schmallippig. „Es waren mehrere Veranstaltungen mit unserer Autorin Jasmina Kuhnke im Rahmen der diesjährigen Buchmesse geplant. Diese sind inzwischen abgesagt worden“, teilte eine Sprecherin mit. Ob dies auf Wunsch Kuhnkes geschah oder aus anderen Gründen, wird nicht beantwortet. Ebenso wenig, ob es sich bei den abgesagten Terminen um Veranstaltungen des Rowohlt-Verlags handelte.

Im offiziellen Programm der Buchmesse finden sich solche zumindest nicht. Dort werden zwar rund ein Dutzend Veranstaltungen des Verlags aufgeführt, allerdings keine mit Kuhnke. Sie taucht im Programm lediglich mit einem taz-Gespräch zur Buchpremiere auf, das vorab aufgezeichnet worden war, nun aber auf Bitten der Autorin wegen ihrer Absage nicht gesendet werde. Statt dessen ist ein Interview mit Kuhnke für die taz am Wochenende angekündigt. Kann es also sein, daß der Rowohlt-Verlag seiner neuen Star-Autorin gar keinen großen Bahnhof bereiten wollte? Die Frage bleibt offen.

Genauso wie die nach dem Beweis für eine echte, rechte Gefahr auf der Buchmesse. Selbst Hanning Voigts von der Frankfurter Rundschau, der sonst eigentlich überall rechte Umtriebe, Netzwerke und Bedrohungen wittert und twittert, fragt sich nach der Eröffnung der Buchmesse, ob man so einem kleinen Stand wie dem des Jungeuropa-Verlags nicht etwas zu viel Bedeutung beimesse.

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Kuhnkes Buch hingegen klettert unterdessen in den Verkaufscharts munter nach oben. Rangierte es kurz nach Ankündigung noch unter ferner liefen, erreichte es am Tag, als Kuhnke ihre Absage publik machte, bereits nachmittags auf Amazon den Bestseller-Rang 652 und wenig später Platz 237. Schon am nächsten Morgen hatte „Schwarzes Herz“ den Sprung in die Top 100 (Rang 82) geschafft. Derzeit liegt es auf Platz 88 der meistverkauften Bücher des Handelsriesens.

Und so läßt sich zumindest jetzt schon festhalten, daß die Buchmesse für Jasmina Kuhnke ein voller Erfolg war – auch ganz ohne Anwesenheit. Vielleicht auch aber gerade deswegen.

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