Olympia 1936

Dem antiken Ideal verpflichtet

Olympia
Berliner Olympiastadium während der Olympischen Spiele im August 1936 Foto: Wikipedia/Bundesarchiv

Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin waren ein sportliches Großereignis, wie es noch keines gegeben hatte. Die Organisation war perfekt, die Ästhetik atemberaubend, der politische und kommerzielle Erfolg durchschlagend. Olympia erhielt die globale Bedeutung, die heute als selbstverständlich gilt.

Berlin 1936 ist und bleibt das Vorbild für die sich alle vier Jahre wiederholenden Spiele. Ein umfassendes Bild- und Bauprogramm wurde in Gang gesetzt. Dazu gehörte das Sportforum („Reichssportfeld“) mit einem 77 Meter hohen Glockenturm, der Langemarckhalle und der Waldbühne (damals Dietrich-Eckart-Bühne), deren getreppte Zuschauerreihen sich im antiken Halbkreis um das Podium legten.

Richard Strauss komponierte die Hymne

Leider, das Olympiastadion war aus Zeit- und Kostengründen zu flach gebaut und zu tief gelegt worden, so daß seine Außenansicht den beabsichtigten Vergleich mit dem Colosseum in Rom nicht bestand, doch im Innern verband es die Harmonie der alten Amphitheater mit modernem Komfort. Richard Strauss, der weltberühmte Komponist der „Salome“ und des „Rosenkavalier“, komponierte die Olympia-Hymne. Eine effektvolle Idee war der Staffellauf, der die Olympische Flamme nach Berlin brachte. Er sollte die Rückbindung der Wettkämpfe an das antike Ideal und die Parallele von griechischer Vergangenheit und deutscher Gegenwart symbolisieren.

Modernste Technik kam zum Einsatz: 130 rund um das Stadion postierte Scheinwerfer richteten ihre scharfen Strahlen in den Himmel, die in mehreren Kilometern Höhe zu einer leuchtenden Fläche verschwammen; sie bildeten den sogenannten Lichtdom, der die 100.000 Anwesenden umschloß. Der britische Botschafter Neville Chamberlain, der drei Jahre später das Kriegsultimatum überbringen sollte, schrieb noch 1940: „Gleichzeitig feierlich und schön, als ob man sich in einer Kathedrale aus Eis befände.“

Da erstaunt es nicht, daß IOC-Präsident Graf de Baillet-Latour sich mit den Worten an Adolf Hitler wandte: „Ich bin sicher, daß die gewaltige Anstrengung, die Deutschland zugunsten der Olympischen Spiele gemacht hat und die in der Organisation dieser Wettkämpfe so edel zum Ausdruck kommt, ein unvergängliches Zeugnis des Beitrags sein wird, den Deutschland für die Kultur der Menschheit geleistet hat. Alle diejenigen, die in sich die heilige Flamme fühlen, die von Olympia nach Berlin getragen wurde, hegen auch Ihnen, Herr Reichskanzler, gegenüber die tiefste Dankbarkeit dafür, daß Sie nicht nur die Gegenwart mit der Vergangenheit verbunden, sondern daß Sie auch zur Förderung der Olympischen Idee in der Zukunft beigetragen haben.“

Unvergängliche Bilder von Leni Riefenstahl

Eine Neuerung waren auch die laufenden Rundfunkübertragungen. Den Gipfelpunkt der Rezeption aber bildeten die 1938 uraufgeführten Filme „Fest der Schönheit“ und „Fest der Völker“ von Leni Riefenstahl, die das Ereignis nochmals ästhetisch überhöhten und die Bilder in alle Welt trugen. Diese Bilder sind bis heute der visuelle Inbegriff des friedlichen Kampfes auf dem Feld des Sports.

Standen politische Absichten dahinter? Ja, natürlich. Die Nationalsozialisten inszenierten ein Ideal, das die Welt für sie einnehmen sollte. Andererseits: Welcher Staat hat je darauf verzichtet, bei der Ausrichtung Olympischer Spiele auf den politisch-propagandistischen Nutzwert zu spekulieren? München 1972 sollte ein „anderes Deutschland“ zeigen, die – wegen der Afghanistan-Besetzung boykottierten – Spiele von Moskau 1980 die Überlegenheit des Sozialismus beweisen, und Peking 2008 stellte China als neue Supermacht vor. Die Zahl der politischen Gefangenen dürfte in der Sowjetunion und in China jeweils höher gewesen sein als seinerzeit in Deutschland.

Warenästhetisch fortschrittlich, gesellschaftlich reaktionär – so lautet die heute gängige Bewertung. Die Sportler seien auf ihre Körperlichkeit reduziert, die Zuschauer zum akklamierenden Ornament formiert worden. Die vom Faschismus formierten Massen aber, weil sie auf Revolution und den Umsturz der Eigentumsverhältnisse verzichteten, könnten ihre gebündelten Energien nur in einem Krieg entladen.

Totale Funktionalisierung der Körper fand erst später statt

„Die Menschheit, die einst bei Homer ein Schauobjekt für die Olympischen Götter war, ist es nun für sich selbst geworden. Ihre Selbstentfremdung hat jenen Grad erreicht, der sie ihre eigene Vernichtung als ästhetischen Genuß ersten Ranges erleben läßt.“ So die Sätze Walter Benjamins, die heute als prophetisch gelten.

Doch treffen sie zu? Die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs verlief komplizierter, als Benjamin voraussah, und demonstrierte Wehrhaftigkeit läßt nicht automatisch auf Kriegslust, jedenfalls aber auf politischen Realismus schließen. Zudem sind gesunde und trainierte Körper nun mal schöner anzusehen als versehrte und untrainierte. Das ist noch keine ethische, aber eine ästhetische, überdies anthropologisch fundierte Wertentscheidung, die man verfremden, aber nicht aufgeben kann, weil sonst der äußeren und dann der inneren Verwahrlosung Tür und Tor geöffnet wird.

Die Körper der Sportler von 1936, desgleichen der Skulpturenschmuck auf dem Olympiaforum – etwa Arno Brekers „Siegerin“ und „Zehnkämpfer“ – blieben überwiegend dem antiken Ideal verpflichtet. Die totale Funktionalisierung der Körper einschließlich ihrer Vergiftung im Namen der Politik oder des Kommerzes, die fand erst später statt. Die hypermuskulösen, mit Mitteln aus der Tiermast konditionierten US-Sprinter und die vermännlichten Schwimmerinnen aus der DDR bieten entsprechendes Anschauungsmaterial!

Vom Gendertum unberührt

Bei Olympia 1936 dagegen bleiben Männer stets Männer und Frauen stets Frauen, polar aufeinander bezogen, vom Gendertum unberührt und bereit zur natürlichen Fortpflanzung. Auf praktische Weise bestätigt sich die Fähigkeit zur Transzendenz, zur Selbstüberschreitung, die Leni Riefenstahl in unvergänglichen symbolischen Bildern festgehalten hat. 

Die Olympischen Spiele von Berlin waren in diesem Sinne auch ein Gegenbild zur europäischen Dekadenz. Die historische Tragik besteht darin, daß sie unter Herrschaft eines Lumpenproletariats inszeniert wurden, dem die ethische Potenz dieser Ästhetik verschlossen blieb. Sonst wäre es um Deutschland und Europa heute besser bestellt.

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