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Arabische Revolution
 

Libysches Bürgerkriegstagebuch XXI

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Auf einmal für alle der Held der Revolution – ein frisch aufgestelltes Fattah-Jounis-Porträt vor dem Tibesty-Hotel in Bengasi
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Dr. Saad Chomies al Obeidi auf der Suche nach Spuren am angeblichen Leichenfundort
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Offiziell ohne jeden Zusammenhang – die zerschossene Fabrik, jener Kampfort zwischen den beiden unbekannten Milizen liegt nur 300 Meter vom Anwesen des Fattah Jounis entfernt Fotos: Billy Six

Bengasi, 5. August

Es herrscht Verwirrung in der Hochburg der libyschen Opposition. Am 28. Juli wurde der Tod von Abdel Fattah Jounis, dem obersten Feldherrn der libyschen Rebellen, gemeldet. Mit ihm seien General Mohamed Chomies und Oberst Nasser Madkuhr bei einem Attentat ums Leben gekommen. Am 31. Juli kam es schließlich zu einem mysteriösen Gefecht in Bengasis Außenbezirk Arhabbah. Es gibt keine logische Erklärung für die Ereignisse. Angesichts der Spekulationen in deutschen Medien ist es aber an der Zeit, vor Ort nach der Wahrheit zu suchen.

Bengasi bleibt eine der sichersten Städte in Afrika – bei Tag und bei Nacht. Von einem „Bürgerkrieg“ wie von der Jungen Welt am 2. August gemeldet, kann keine Rede sein. Auch ein Angriff von Einheiten des Obeidi-Klans auf den Übergangsrat im Tibesty Hotel hat nie stattgefunden.

Im Gegenteil: Dr. Mabrouk Salama al Obeidi, Chemieprofessor und Stadtvater von Derna, saß neben „Übergangspräsident“ Mustafa Abdul Dschalil, als dieser die dramatische Nachricht vom Tode Jounis’ verkündete. Mabrouk ist ein einflußreicher Vetter von Abdel Fattah.

„Es wird zuviel erzählt“

„Wir stehen weiter hinter der Revolution – ohne Abstriche“, sagt er gegenüber der JUNGEN FREIHEIT. Mit regungsloser Miene sitzt er auf einem der vielen Stühle unter dem Trauerzelt der Familie. Die Nachricht der Süddeutschen Zeitung, Fattah-Sohn Ashraf habe während der Beerdigung um die Rückkehr Gaddafis gefleht, hört er zum ersten Mal. Auch der Betroffene selbst schüttelt nur mit dem Kopf. „Es wird zu viel erzählt!“

Dennoch: Unter der Oberfläche gären Konflikte. Die Geschichte, die drei Militärs wären von Dutzenden Fahrzeugen im Auftrag des Übergangsrates aus Aschdabija nach Bengasi abgeholt und dann plötzlich von Unbekannten erschossen und ihre Leichname anschließend weggeschafft worden, klingt höchst nebulös. Bemerkenswert ist außerdem, daß alle drei Getöteten nicht nur demselben Clan, sondern auch der gleichen Familie, den Msini, angehören. Familienhäuser, Tatort, Leichenversteck und selbst der spätere Kampfplatz in der alten Fabrik liegen nur einige Hundert Meter auseinander.

Der Geologe und Tiefen-Ingenieur Dr. Saad Chomies al Obeidi ist ein Bruder des zweiten Toten, Mohamed Chomies. Gemeinsam mit einem Freund wandert er das ausgetrocknete Flußbett Wadi Kattarrah ab. Hier seien die drei verbrannten Leichen gefunden worden, so die Sicherheitskräfte. Spuren finden sich an diesem Tag keine. Saad bestätigt, daß es Probleme mit Personen des Rebellenrates gäbe. Dies betreffe jedoch nicht den Vorsitzenden, Mustafa Abdul Dschalil. Der sei eine zu schwache Persönlichkeit. „Libyer brauchen einen starken Führer“, gibt er zu bedenken.

Es ist interessant, daß die Familienangehörigen der Getöteten keine ernsthaften Anstalten machen, den Diktator in Tripolis des Mordes zu beschuldigen. Im Gegenteil: Unter der Hand fällt immer wieder der Name Ahmed Bukhatella al Mugasby. Er war der Führer der Einheit „Abu Obeida Ibn Jerrah“ und soll Fattah Jounis und seine Begleiter nach Bengasi beordert haben – dann seien sie eliminiert worden, heißt es. Der bärtige Mann ist die sogenannte „islamistische Spur“, von der mehrere Medien berichten.

Höchste Zeit für ein Kennenlernen: Am Ende der Jemen-Straße im Stadtteil Leti wohnt die Familie von Ahmed Bukhatella. Die Nachbarn machen große Augen angesichts des fremden Besuches. Der Vater ist offen für ein Gespräch. Die Überraschung: Die Mutter des Hauses erscheint ebenfalls zur Begrüßung. Und eine alte Bekanntschaft: Bukhatellas Schwester arbeitete wochenlang im Medienzentrum. Eine junge Frau mit Kontakt zu fremden Männern – das ist nicht üblich in Libyen, und schon gar kein Markenzeichen von Al-Kaida-Sympathisanten.

„Ahmed ist unschuldig“

Abu Bakr, der Bruder des Beschuldigten, erläutert in klarem Englisch: „Ahmed führt seit Februar eine 300 bis 400 Mann große Einheit. Als Abdel Fattahs Wagen vor dem Stützpunkt stand, erschien ein Privatfahrzeug, das die Männer erschoß. Mein Bruder ist unschuldig.“ Warum niemand die Verfolgung aufnahm, kann Abu Bakr nicht erklären.

Ahmed Bukhatella selbst ist untergetaucht. Kein Wunder, daß über einen Mann wie ihn, der bis vor kurzem eine zehnjährige Gefängnisstrafe abgesessen hat, viele Gerüchte die Runde machen.

Ist die Familie in Sorge? Abu Bakr, selbst Rundfunkmitarbeiter, lächelt: „Wir sind Araber – da wird geredet und gelogen. Was immer wir tun: Wir denken nicht mit dem Hirn, sondern mit dem Herzen.“

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