Landlust: Gegentrend ins Grüne

Die Wahlerfolge zuwanderungskritischer Parteien in vielen europäischen Ländern, die Sarrazin-Debatte oder die wachsende Kritik an der Finanzpolitik der EU: all dies zeigt, daß der Geist zunehmend rechts weht und den Machteliten ins Gesicht bläst. Weniger spektakulär, aber von nachhaltiger Wirkung sind in diesem Zusammenhang die kulturellen Veränderungen, die sich in der Ablehnung der „Shopping“-Mentalität, der Bevorzugung hochwertiger Produkte, der Hinterfragung des eigenen Konsumverhaltens sowie der „ethischen Investition“ und schließlich auch in einer neuen „Landlust“ zeigen.

Wird in den Massenmedien immer noch ein schnelllebiger, amerikanisierter, „urbaner“ Lebensstil propagiert, so weist ein wachsender Gegentrend hinaus ins Grüne. Allein die Verkaufszahlen der Zeitschrift Landlust sprechen Bände: Steigerungen von bis zu 45,3 Prozent pro Quartal und mittlerweile mehr als 800.000 verkaufte Exemplare pro Ausgabe verdeutlichen die Interessen eines Milieus, dem sich die Soziologen mit Wortschöpfungen wie LOHAS („Lifestyles of Health and Sustainability“) und LOVOS („Lifestyle of Voluntary Simplicity“) zu nähern versuchen:

Für beide Lebensstile stehen Gesundheit, Nachhaltigkeit und Entschleunigung im Vordergrund; der erstere verbindet damit aber ein kostenintensives, hedonistisches, „wellness“-orientiertes Konsumverhalten, den Einkauf in teuren Bioläden und so weiter, während letzterer mit freiwilligem Konsumverzicht, weltanschaulicher Neuorientierung und der Suche nach einem „einfachen Leben“ einhergeht – wobei bewußte Einfachheit und die Authentizität des Selbstgemachten in heutiger Zeit paradoxerweise aufwendiger sind als der schnelle Gang in den Supermarkt.

Konservativer Mentalitätswandel deutet sich an

Vielleicht gibt es in Deutschland noch einen spezifischen Unterschied der Wohngegenden beider Konsumtypen: Bevorzugen die einen die zentrumsnahen Vorstädte, finden sich unter den anderen auch solche, die freiwillig in sehr ländliche Regionen – gerade auch in den von einer homogenen Bevölkerungsstruktur geprägten östlichen Bundesländern – ziehen. Politisch wird der LOHAS-Typus am ehesten den Grünen nahestehen, während für den LOVOS-Anhänger als Urenkel der Deutschen Jugendbewegung auch rechte Parteien wählbar sind; der Anteil der Nichtwähler dürfte bei beiden hoch sein, und die Mischungen und Übergänge, die es von jeher zwischen grünen und konservativen Ideologiefeldern gibt, machen eine Einordnung in politische Lager schwierig.

Konservative Züge hat der sich in beiden Tendenzen ausdifferenzierende Mentalitätswandel allemal, auch wenn in Deutschland die Grünen einen großen Teil des darin liegenden Protestpotentials an das noch immer linke Establishment binden, zumal eine nennenswerte rechtsökologische Partei, die sich die Verknüpfung von Natur- und Heimatschutzgedanken auf die Fahne geschrieben hätte, nicht existiert.

Sollte eine wachsende Zahl von Grünen-Wählern allerdings begreifen, daß die Folgeschäden der von ihrer favorisierten Partei betriebenen Politik irgendwann die Speckgürtel erreichen, in die sie sich aus den Großstadt-Kiezen ihrer Studentenzeit zurückgezogen haben, dann könnte sich wieder einmal zeigen, daß ihr Konservatismus auch einer der Anpassung an die gerade vorherrschende politische Großwetterlage ist. Authentizität und Multikulturalismus, Nachhaltigkeit und linke Fortschrittsideologie könnten dann in der Wahrnehmung so weit auseinandertreten wie sie tatsächlich von einander entfernt sind, was selbst in Deutschland einen wirklichen politischen Wandel befördern würde.

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