Linke Proteste gegen Islamophobie in Paris Foto: picture alliance/dpa/MAXPPP | Julien Mattia / Le Pictorium

„Islamo-Gauchisme“
 

Das Volk verloren

Vor wenigen Wochen löste Frédérique Vidal mit ihrer Ankündigung einer umfassenden „Untersuchung“ und den folgenden Worten einen regelrechten Sturm der Entrüstung aus: „Ich denke, daß der ‘Islamo-Gauchisme’ (die Islamo-Linke) die Gesellschaft als Ganzes vergiftet und daß auch die Universitäten nicht davor immun sind“, erklärte die französische Ministerin für Hochschulbildung, Forschung und Innovation.

Zuvor hatte bereits Bildungsminister Jean-Michel Blanquer kurz nach der Ermordung des Lehrers Samuel Paty, der am 16. Oktober in der Pariser Vorortgemeinde Conflans-Sainte-Honorine von einem Islamisten enthauptet worden war, verkündet, daß „der ‘Islamo-Gauchisme’, der an der Universität sein Unwesen treibt, Schäden in den Köpfen verursacht, die zum Schlimmsten führen können“.

Die Reaktionen waren heftig: Von linker Seite wurde Frédérique Vidal sofort beschuldigt, Marine Le Pens Rassemblement National „in die Hände zu spielen“. Mehr als 800 Lehrer reagierten mit einer Petition, die ihren Rücktritt als Ministerin forderte. Seitdem werden von allen Seiten Beleidigungen in jegliche Richtung geschleudert. Frankreich ist diese Art von Polemik längst gewöhnt.

Polemische Etiketten

Der Ausdruck „Islamo-Gauchismus“, wie die Gefälligkeit, wenn nicht gar Komplizenschaft, bestimmter linker Kreise mit dem Islamismus bezeichnet wird, ist nicht neu. Er wurde in den frühen 2000er Jahren von dem Politikwissenschaftler Pierre-André Taguieff geprägt. Seitdem wird der Begriff aber auch immer wieder von all jenen kritisiert, die beklagen, die Wortschöpfung habe nichts „Wissenschaftliches“ an sich.

Tatsächlich ist es so, daß der Ausdruck in vielerlei Hinsicht mehrdeutig ist. Zum einen ist nicht ganz klar, ob sich „Islamo-“ auf den Islam oder auf Islamisten bezieht. Andererseits ist der französische Begriff „Gauchisme“ (radikale Linke) ein schwer zu fassendes Gummiwort. Historisch gesehen bezieht er sich auf die linken Kritiker des Bolschewismus, die Lenin 1919 als an der „Kinderkrankheit des Kommunismus“ leidend bezeichnete. Im Jahr 1968 gingen die Kommunisten gegen die „Gauchisten“ vor, die damals als Anarchisten, Trotzkisten und Maoisten identifiziert wurden.

Der „Islamo-Gauchisme“ ist in dieser Hinsicht kaum besser als der „Judäo-Bolschewismus“, der „Hitler-Trotzkismus“ oder die „Rot-Braunen“. In allen Fällen handelt es sich um polemische Etiketten, die auf einem klassischen Prozeß der Abstoßungsübertragung beruhen: Das Ziel ist die Diskreditierung durch Assimilation an ein bereits identifiziertes abstoßendes Objekt. Indem man das Gleichheitszeichen zwischen die Wörter setzen will, verwirrt man nur, statt aufzuklären.

Schuldhafte Nachsicht gegenüber dem Islam

Es sollte zusätzlich darauf hingewiesen werden, daß Pierre-André Taguieff, als er zum ersten Mal vom ‘Islamo-Gauchismus’ sprach, in erster Linie linksextreme Gruppen im Visier hatte, die er als Hauptträger eines „neuen Antisemitismus“ ansah, der oft als „Antizionismus“ getarnt war und sich damals um so stärker durchsetzte, als der rechtsextreme Antisemitismus verschwand.

Ab 2005 änderte die extreme Linke jedoch ihre ideologische Software, indem sie sich allmählich dem „Dekolonialismus“ und einem Pseudo-Antirassismus zuwandte, der schnell die Form eines anti-
weißen Rassismus annahm. In diesem neuen Kontext hat der Begriff „Islamo-Gauchismus“ mehr oder weniger seine Bedeutung verändert.

Tatsache bleibt, daß die schuldhafte Nachsicht einer gewissen Linken gegenüber dem Islamismus und generell die Sympathie, die die Linke dem Islam entgegenbringt, eine unbestreitbare Realität ist. Eine Realität, die überraschen mag, wenn man weiß, wie sehr sich die französische Linke im Laufe ihrer Geschichte dem „republikanischen Laizismus“ zugetan hat und der Religion stets mißtrauisch gegenüberstand.

Diese Verschiebung läßt sich in der Tat durch einen ganz wesentlichen Fakt erklären: die unermeßliche Kluft, die sich zwischen der Linken und dem Volk aufgetan hat. Eine Kluft, die sich noch weiter vergrößert hat, seit die Sozialistische Partei (PS) sich der Marktgesellschaft angeschlossen hat, während die Kommunistische Partei (PCF) die größten Bataillone ihrer Wählerschaft auf die Seite des Front National (jetzt Rassemblement National) abwandern sah.

Wähler unter Immigranten suchen

Nachdem die Linke also das Volk verloren hatte, bemühte sie sich um eine alternative Wählerschaft. Bereits 2002 hatte die Terra Nova Foundation, eine französische Denkfabrik mit sozialdemokratischer Ausrichtung, den Sozialisten vorgeschlagen, ihre Wähler nun unter den Immigranten zu suchen, deren Zahl stetig wächst und deren große Mehrheit Muslime sind.

Es ist diese Entwicklung, die erklärt, warum so viele Linke in wenigen Jahrzehnten von einem unqualifizierten Antiklerikalismus zu einer zunehmend „verständnisvollen“ Haltung gegenüber dem Islam übergegangen sind. Die Popularisierung von „wokem“ Aktivismus und „Cancel Culture“ tat ihr Übriges.

Schon der Schriftsteller Michel Houellebecq sah in seinem Buch „Unterwerfung“ im „Islamo-Gauchismus“ einen „verzweifelten Versuch von verfallenden, verrottenden, klinisch toten Marxisten, aus dem Mülleimer der Geschichte zu klettern, indem sie sich an die aufsteigenden Kräfte des Islam klammern“. Auch der berühmte Essayist Jacques Julliard stellt fest, daß das Phänomen darauf hinausläuft, das Proletariat und im weiteren Sinne die Arbeiter, deren Verteidigung die Linke nun aufgegeben hat, endgültig zu verabschieden. Ganz so, als ob der Klassenkampf einem Krieg der Rassen weichen sollte!

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Alain de Benoist, französischer Philosoph und Publizist, ist Herausgeber der Zeitschriften „Nouvelle École“ und „Krisis“.

JF 11/21

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