Theodor Fontane-Denkmal: Der Schriftsteller lobte die Energie der Sachsen Foto: picture alliance/akg-images
Sachsen

Mit Fontane raus aus der Erregungsspirale

Der aktuelle Psychokrieg hat strategische wie taktische, wahltaktische Gründe. Das unmittelbare politische Ziel lautet, den Durchmarsch der AfD in den drei östlichen Bundesländern zu verhindern, in denen demnächst Landtagswahlen stattfinden. Im Fokus steht vor allem Sachsen, wo gerade in Görlitz ein Wähleraufstand gegen den alt-neuen Parteienblock, der von der Ex-SED bis zur CDU reicht (in der DDR „Nationale Front“ geheißen), stattgefunden hat.

Die SPD ist hier nur noch eine Kleinpartei, die sogar unter die Fünfprozentmarke rutschen könnte, weshalb zu ihrer Rettung wundersame Kombinationen erwogen werden. Gleichzeitig diffamieren die Medien Sachsen als braunen Schandfleck und seine Bewohner als kulturlose Aliens in der Absicht, sie zu demoralisieren.

Kein deutscher Stamm ist energischer

Was kann man tun? Die Opposition gegen den vereinten Medienchor, die es zweifellos gibt, ist nahezu stimmlos. Deshalb: Fernseher, Radio, Computer auch mal ausschalten, Hände weg von Twitter und Facebook und hin zu antizyklischer Lektüre! Zum Beispiel zu Theodor Fontane, der im zweiten Band der Erinnerungen „Von Zwanzig bis Dreißig“ auf seine Aufenthalte in Leipzig und Dresden und die Sachsen im Allgemeinen zu sprechen kommt:

„Daß die Sachsen sind, was sie sind, verdanken sie nicht ihrer ‚Gemütlichkeit‘, sondern ihrer Energie. Dies Energische hat einen Beisatz von krankhafter Nervosität, ist aber trotzdem als Lebens- und Kraftäußerung größer als bei irgendeinem andern deutschen Stamm, selbst die Bayern nicht ausgenommen; – die bayerische Energie ist nur derber. Die Sachsen sind überhaupt in ihrem ganzen Tun und Wesen noch lange nicht in der Art überholt, wie man sich’s hierzulande so vielfach einbildet.

Und das hat seinen guten Grund, daß von ihrem ‚Überholtsein‘ keine Rede sein kann. Sie sind die Überlegenen, und ihre Kulturüberlegenheit wurzelt in ihrer Bildungsüberlegenheit, die nicht von neuestem Datum, sondern fast vierhundert Jahre alt ist. Das gibt dann, auch im erbittertsten Kampf der Interessen und Ideen, immer einen Regulator.“

Weiter im Hetz- und Erregungsmodus

So der preußische Hugenotten-Nachkomme vor mehr als 120 Jahren. (Sein Hinweis auf den historischen Bildungsvorsprung bezieht sich auf den ökonomischen und kulturellen Aufschwung in Sachsen infolge der Entdeckung von Silbervorkommen im Erzgebirge im 15. Jahrhundert; besonders das Schulwesen wurde vorbildlich für ganz Deutschland.)

Natürlich werden die Jungs und Mädels in den Redaktionen Fontane weder zur Kenntnis nehmen noch verstehen. Sie werden weiter im Hetz- und Erregungsmodus schwadronieren. Darauf sind sie trainiert, dazu sind sie angestellt, dafür werden sie bezahlt: Schmutzigen Schaum zu produzieren, der sich auf den Wellen selbstgefertigter Tagesaktualität kräuselt. „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“ Theodor Fontane zum Beispiel.

Theodor Fontane-Denkmal: Der Schriftsteller lobte die Energie der Sachsen Foto: picture alliance/akg-images

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

All articles loaded
No more articles to load

aktuelles

All articles loaded
No more articles to load