Anzeige
Anzeige
Anja Arndt, AfD

Interview der Woche: Jasmin Kosubek: „In zehn Jahren sind wir die Mainstreammedien“

Interview der Woche: Jasmin Kosubek: „In zehn Jahren sind wir die Mainstreammedien“

Interview der Woche: Jasmin Kosubek: „In zehn Jahren sind wir die Mainstreammedien“

Youtuberin und Podcasterin Jasmin Kosubek, ehemalige Russia Today-Moderatorin (RT), Mikrophon
Youtuberin und Podcasterin Jasmin Kosubek, ehemalige Russia Today-Moderatorin (RT), Mikrophon
Kritikerin Kosubek: „Damals sagte man mir, ich würde nie wieder einen Job in ‘den Medien’ bekommen. Damals war das wie eine Drohung, heute kann ich nur mit den Schultern zucken.“ Foto: Privat & Imago / Zoonar
Interview der Woche
 

Jasmin Kosubek: „In zehn Jahren sind wir die Mainstreammedien“

Sie war „das“ Gesicht des russischen Auslandssenders „RT Deutsch“ und eine Provokation – Politik und Medien fielen über sie her. Heute zählt die Moderatorin und Influencerin Jasmin Kosubek zu den Pionieren der Alternativen Medien in Deutschland – denen sie einen Siegeszug voraussagt.
Anzeige

Frau Kosubek, Sie gehören zu den alternativen Medienschaffenden der ersten Stunde. Was hat sich seitdem verändert?

Jasmin Kosubek: Es ist wirklich gigantisch, was in diesen über zehn Jahren passiert ist. Wie viele Menschen kritisch geworden sind, aber auch, was alles entstanden ist. Oder die Tatsache, dass zum Beispiel der ehemalige Bild-Chefredakteur und heutige Nius-Chef Julian Reichelt bei mir zu Gast war, oder dass Welt-Chef Ulf Poschardt einen Podcast wie „Hoss und Hopf“ besucht, oder dass es heute mit der „Seitenwechsel“ sogar eine eigene Buchmesse für uns gibt. All das war vor zehn Jahren noch absolut unvorstellbar, und all das bedeutet etwas!

Nämlich?

Kosubek: ÖRR-Journalisten würden es wohl „unheilige Allianzen“ nennen. Sprich: Die Dinge sind ganz enorm in Bewegung gekommen. Wir, also der Sender „RT Deutsch“, waren damals neben KenFM und dem Magazin Compact eines der ersten alternativen Medien. Natürlich, es gab schon die JUNGE FREIHEIT als konservatives Blatt, die damals aber auch noch nicht so bekannt war wie heute – während Sie nun ja viel mainstreamiger sind.

Kosubek: „Unser gesellschaftliches Außenseitertum ist großenteils vorbei“

„Mainstreamiger“?

Kosubek: Ich meine nicht die inhaltliche Ausrichtung, sondern Bekanntheit und Bedeutung Ihrer Zeitung. Damals galten wir doch alle als randständige Schmuddelkinder. Gut, „Schmuddelkinder“ sind wir für die Etablierten immer noch, aber inzwischen auch Größen, die etwas bewegen.

Damals war es noch richtig unangenehm, als alternatives Medium aufzutreten: Man stand ziemlich alleine, während alle auf uns eindroschen, weil wir der Stachel im Fleisch waren. Natürlich kam für mich hinzu, dass ich jung und völlig neu in der Branche war, mir nicht einmal schwante, was da auf mich zukam.

Um ehrlich zu sein, habe ich damals eine regelrechte Angst vor etablierten Journalisten entwickelt. Ich fragte mich: Warum machen die uns so fertig? Wir machen doch nur unsere Art von Berichterstattung. Klar, die muss einem nicht gefallen – aber hey, wir haben Meinungs- und Pressefreiheit! Warum wird das nicht respektiert? Stattdessen sind sie regelrecht über uns hergefallen. – Aber dann kam Corona.

Heißt?

Kosubek: Vorher waren wir im Grunde hilflos, weil vergleichsweise wenige. Nun aber machten ganz, ganz viele Menschen unsere Erfahrung. Und das hat auch die Fronten verwischt: Auf einmal standen Linke und Rechte gemeinsam gegen die Corona-Maßnahmen.

Und dann folgte der Ukrainekrieg, noch so eine große Sache, die alles durcheinanderrüttelte: wieder fanden sich Leute Seite an Seite, die zuvor nicht unbedingt etwas miteinander zu tun hatten und die nun gemeinsam die Erfahrung machten, von den Etablierten ausgegrenzt zu werden.

Das hat bei unheimlich vielen Menschen einen Lernprozess ausgelöst, im Sinne eines Über-den-Tellerrand-Hinausblickens. Linke und Rechte, Hippies und Bürgerliche etc. mussten sich nun auf einmal mit dem jeweils anderen auseinandersetzen: „Ach so, andere sehen das so und so – interessant!“ Etwas, was ich bis heute immer wieder auch in den Interviews bemerke, die ich auf meinem Kanal führe.

„Wir alternativen Medien haben heute ganz andere Rückendeckung“ 

Sie meinen, dieses Einander-Kennenlernen hat zu einer grundlegenden Veränderung der politischen Situation in den vergangenen zehn Jahren geführt?

Kosubek: Ja, es hat dieses riesige, neue Publikum mitgeschaffen, das heute hinter uns alternativen Medien steht und das uns eine ganz andere politische Rückendeckung gibt als damals, als wir angefangen haben. Auch wenn wir von Medien und Politik natürlich weiter angegriffen werden – denken Sie zum Beispiel an das „Lügenverbot“ in der Koalitionsvereinbarung der neuen Bundesregierung.

„Bewusstes Verbreiten falscher Tatsachenbehauptungen ist von der Meinungsfreiheit nicht gedeckt“, hieß es da.

Kosubek: Was die Gefahr birgt, dass gegen unliebsame Meinungen, wie zum Beispiel die Corona-Laborthese oder alternative Interpretationen der Ursache des Ukrainekriegs etc., vorgegangen wird. Wir stehen also immer noch unter Feuer. Aber eben nicht mehr so alleine wie vor zehn Jahren.

Unser damaliges gesellschaftliches Außenseitertum ist zu einem großen Teil vorbei. Heute sehen viele Menschen, mit denen wir es im ganz normalen Alltag zu tun haben, die Dinge ebenso kritisch wie wir, beziehungsweise sie haben durch die Erfahrung der eigenen Ausgrenzung gelernt, die kritische Sicht anderer zu akzeptieren.

Auch wenn vielen die Veränderungen im Land immer noch zu langsam gehen – was allerdings auch zutrifft, weil angesichts der wachsenden Probleme der Wandel pressiert. Dennoch ist all das doch ungeheuer mutmachend! Und jedem, der sich verzweifelt fühlt, sage ich: Schau auf die vergangenen zehn Jahre. Schau, was wir alles erreicht haben!

„Ich bereue es nicht, für ‘RT Deutsch’ gearbeitet zu haben“

Wieso sind Sie zum damals neuen russischen Auslandssender „RT Deutsch“ gegangen?

Kosubek: Weil ich dachte: „Medien! Berlin! Toll!“ – mehr nicht. Ich kam frisch von der Uni, hatte BWL studiert, war unpolitisch und hatte keine Ahnung davon, in welche Problematik ich da hineingerate. Ich war total naiv. Das habe ich dann auch gemerkt, als plötzlich der Shitstorm losging – aber kein normaler, sondern der mächtigste mögliche Shitstorm: nämlich, wie gesagt, der der etablierten Medien.

2022 ist Putin im großen Maßstab in die Ukraine eingefallen, woraufhin „RT Deutsch“ verboten wurde. Bereuen Sie heute, für RT gearbeitet zu haben?

Kosubek: Nein, auf keinen Fall. Denn das, was ich heute tue, basiert darauf. Folglich wäre es absurd, es zu bereuen – ja, das geht schlicht gar nicht.

Warum nicht?

Kosubek: Weil eben alles, was ich in den letzten zehn Jahren gemacht habe, mich an diesen Punkt heute geführt hat. Dass wir hier sitzen, dass Sie sich für mich interessieren und für das, was ich zu sagen habe, liegt einzig und allein daran.

Seit 2022 sind nach westlichen Angaben über 80.000 Ukrainer getötet und 125.000 bis 150.000 verwundet worden, hinzu kommen Zigtausende Vermisste sowie mutmaßlich 325.000 gefallene Russen – alle Zahlen sind natürlich mit äußerster Vorsicht zu betrachten. Aber kommen da bei Ihnen nicht Zweifel, ob die Entscheidung für einen Sender des Staates, der für all das verantwortlich ist, richtig war? 

Kosubek: Nein, denn die fiel ja lange vor 2022. Zudem muss man wissen, dass ich ein halbes Jahr vor Beginn der Invasion gekündigt hatte.

„Wir waren kein Propagandasender, haben nie irgendwelche Anweisungen erhalten“

Ja, gleichwohl könnten Sie aber doch in der Rückschau anders über alles denken.

Kosubek: Sehen Sie, die Zeit, während der ich für RT gearbeitet habe, war eine andere und auch – ganz wichtig! – der Kontext war ein anderer.

Inwiefern?

Kosubek: Der Vorwurf gegen uns lautete ja damals, „RT Deutsch“ sei ein Moskauer Propagandasender. Aber das war falsch. Denn tatsächlich haben wir nie irgendwelche Anweisungen erhalten, sondern haben das Programm selbst gestaltet. Natürlich hatten wir einen Standpunkt, aber den hat jedes Medium. Und nichts, was wir gemacht haben, war irgendwie verwerflich – auch wenn man es natürlich, wie jede Medienberichterstattung, kritisieren kann.

Im übrigen: Gekündigt habe ich zwar nicht aus politischen, sondern arbeitstechnischen Gründen, aber diese ergaben sich unter anderem, weil die Zentrale in Moskau mit der politischen Ausrichtung unserer Arbeit nicht zufrieden war.

„Moskau wollte, daß ‘RT Deutsch’ weniger ’rechts’ und mainstreamiger wurde“

Also gab es doch politischen Einfluss?

Kosubek: Ab 2020 ja, aber bis dahin haben wir gemacht, was wir für richtig hielten. Und dennoch muss ich Sie nochmal enttäuschen: Denn erstens, diesen Einfluss gab es nun, weil in der Moskauer Zentrale die Verantwortlichen wechselten, die nicht den Respekt vor unserer Unabhängigkeit übten, den ihre Vorgänger noch hatten.

Und zweitens, womit die Neuen nicht zufrieden waren, das war gerade unser kritischer Kurs gegenüber der deutschen Politik! Tatsächlich wollten die Herren in Moskau einen etwas den hiesigen Verhältnissen angepassteren Weg.

Das heißt, RT sollte prowestlicher werden?

Kosubek: Ja, weniger „rechts“, weniger „verschwurbelt“, inhaltlich mainstraemiger im deutschen Sinne – darauf lief es hinaus. Daher gab es für meine Nachrichtensendung „Der fehlende Part“ – in der wir versuchten, jenen „fehlenden Part“ in Politik und Gesellschaft zu thematisieren, den die etablierten deutschen Medien gerne ausblendeten – aus meiner Sicht auch nicht mehr genug Unterstützung, so dass ich sie aufgab.

Stattdessen wechselte ich in die Social-Media-Redaktion, die damals ausgebaut wurde. Doch die Arbeit dort ist ganz anders, als Fernsehen zu machen, wo man viel mehr mit Menschen zu tun hat und nicht so unter der Knute des Algorithmus steht. Deshalb habe ich schließlich gekündigt.

Wie blicken Sie heute auf den Krieg?

Kosubek: Wäre ich nicht bereits zuvor gegangen, hätte ich bei seinem Ausbruch RT wahrscheinlich verlassen. Denn natürlich kann man seitdem wohl schon von Kriegspropaganda sprechen. Und ich glaube, das hätte ich nicht mittragen können. Doch dazu kam es zum Glück nie, und heute ist das Kapitel für mich abgeschlossen.

Doch ändert das nichts daran, dass ich dankbar für die Zeit dort bin, die voller wertvoller Erfahrungen war – übrigens inklusive der Ausgrenzung. Ich habe so zu einem Job gefunden, auf den ich während meines Studiums niemals gekommen wäre, der sich aber als meine Berufung erwiesen hat, weil er mir so sehr liegt, wie ich es nie geahnt habe.

So naiv und unbeholfen ich anfangs war, habe ich mich gemausert und heute einen eigenen Kanal mit weit über 300.000 Abonnenten aufgebaut. Sowie einem Publikum, das ich wirklich liebe, weil es offen und ehrlich an Erkenntnis, Dialog und Austausch interessiert ist. Nämlich auch dann, wenn es mit den Thesen meiner Gäste eher nicht einverstanden ist. Dafür bin ich so dankbar!

„Ich glaube, es wird für alle mit alternativer Meinung immer besser“ 

„Interessante Gespräche mit interessanten Leuten“ ist das Motto Ihres Youtube-Kanals. Wie würden Sie sein Profil beschreiben?

Kosubek: Ich würde sagen, er soll integrieren. Wobei einige die „Hypertoleranz“, die ich vielleicht mitunter an den Tag lege, provoziert – was ich allerdings auch verstehe.

Und da ist sie schon wieder, die „Hypertoleranz“.

Kosubek: Stimmt. Was aber wohl auch etwas mit meiner RT-Zeit zu tun hat, da ich damals ständig zugleich mit östlichen und westlichen Ideen und Überzeugungen konfrontiert war. Zudem komme ich aus einem binationalen Haushalt, habe eine Weile in den USA und Österreich gelebt. Und schließlich ist meine politische Arbeit zwischen Links und Rechts angesiedelt.

Meine Perspektive ist daher eben sehr weitwinkelig. Das ist es, was mein Kanal eröffnen soll: Perspektiven! Und das ist es, was ich mit „integrieren“ meine. Ein Wort, das ich übrigens oft in meinen Gesprächen verwende und das ich der Psychologie entlehnt habe, wo Integration ein therapeutisches Prinzip ist.

Nämlich?

Kosubek: Wir alle wollen uns als gute Menschen sehen. Die Wahrheit ist aber, jeder hat auch gemeine Anteile.

Ich nicht!

Kosubek: Klar, wie konnte ich das übersehen. Aber für den Rest von uns gilt, dass es wichtig ist, diese Anteile zu integrieren. Denn dies bedeutet, sich ihrer gewahr zu werden – wofür man bereit sein muss, sich kritisch selbst kennenzulernen. Wenn man das tut, kann man mit den eigenen Schattenseiten viel besser umgehen. Sonst führen sie nämlich ein Eigenleben, können unterschwellig unser Handeln bestimmen – was man aber vor sich selbst verleugnet, indem man es schönredet.

Und dieses Prinzip übertrage ich auf Politik und Gesellschaft: Auch dort gibt es Anteile, die man nicht wahrhaben will. Und auch die Gesellschaft fährt besser damit, sie sich bewusst zu machen und zu lernen, mit ihnen umzugehen. Deshalb ist es mein Ansatz, in meinen Interviews die Vorstellung, die einen seien die Guten, die anderen die Bösen – sowie unseren Hang, unbequeme Wahrheiten zu verdrängen –, durch einen integrativen Ansatz zu ersetzen.

Zum Beispiel? Konkret bitte.

Kosubek: Nehmen Sie die Migration: Die einen reagieren mit einem Augenrollen, wenn daran erinnert wird, dass nicht alle Migranten kriminell oder eine Belastung für die Gesellschaft sind. Gleichzeitig verweigern andere, die Polizeiliche Kriminalstatistik anzuerkennen.

Aber wir alle müssen uns mit diesen Wirklichkeiten auseinandersetzen, egal ob es die ist, dass Migranten auch produktive Teile der Gesellschaft sind, oder dass Migranten auch Probleme machen. Jeder von uns und auch die Gesellschaft als Ganzes muss die eigenen Wahrheiten integrieren, statt sie zu verdrängen.

Frau Kosubek, wir haben zehn Jahre zurückgeblickt, wie aber sieht es in zehn Jahren aus?

Kosubek: Gute Frage, natürlich weiß das niemand, aber ich glaube, es wird für alle, die eine alternative Meinung haben, immer besser werden. Sehen Sie, als ich damals bei RT begann, sagte man mir voraus, ich würde nun nie wieder einen Job in „den Medien“ bekommen.

Damals war das wie eine Drohung, heute aber kann man nur mit den Schultern zucken: Keiner braucht noch einen Job in „den Medien“, denn heute haben wir unsere eigenen Medien. Und in nochmal zehn Jahren sind vielleicht sogar wir die Mainstreammedien.
__________

Jasmin Kosubek wurde bekannt als Moderatorin des Polit-Magazins „Der fehlende Part“ des 2014 gestarteten russischen Auslandssenders „RT Deutsch“. 2021 machte sie sich mit ihrem Youtube-Kanal „Jasmin Kosubek“ selbständig, der inzwischen 329.000 Abonnenten hat. Die Tochter einer Brasilianerin und eines Deutschen, geboren 1987 im schwäbischen Reutlingen, studierte Marketingkommunikation und Internationale BWL.

Aus der JF-Ausgabe 22/26

 

 

Kritikerin Kosubek: „Damals sagte man mir, ich würde nie wieder einen Job in ‘den Medien’ bekommen. Damals war das wie eine Drohung, heute kann ich nur mit den Schultern zucken.“ Foto: Privat & Imago / Zoonar
Anzeige
Anzeige

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
aktuelles