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JF-Interview: „Heute geraten christliche Positionen in Bedrängnis – und morgen jede andere Meinung“

JF-Interview: „Heute geraten christliche Positionen in Bedrängnis – und morgen jede andere Meinung“

JF-Interview: „Heute geraten christliche Positionen in Bedrängnis – und morgen jede andere Meinung“

Felix Böllmann, Anwalt bei ADF International, setzt sich für christliche Rechte ein
Felix Böllmann, Anwalt bei ADF International, setzt sich für christliche Rechte ein
„Das Klima verschlechtert sich zulasten von Christen“: Felix Böllmann. Foto: IMAGO / Panama Pictures / KI
JF-Interview
 

„Heute geraten christliche Positionen in Bedrängnis – und morgen jede andere Meinung“

Tätliche Angriffe, Strafverfolgung durch die Justiz: Christen stehen auch hierzulande zunehmend unter Druck. Der Menschenrechtsanwalt Felix Böllmann warnt vor der Entwicklung – und muss sich deswegen von der Kirche den Vorwurf anhören, „christlichen Nationalismus“ nach Deutschland zu importieren.
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Herr Dr. Böllmann, warum tragen Sie den ausgrenzenden Kulturkampf eines christlichen Nationalismus nach Deutschland?

Felix Böllmann: Wie kommen Sie denn auf die Idee?

Das hat die Bremische Evangelische Kirche (BEK) jüngst den Teilnehmern einer Veranstaltung in der konservativen Bremer St.-Martini-Gemeinde vorgeworfen, an der Sie als Referent beteiligt waren.

Böllmann: Bei der Veranstaltung ging es um die Frage, wie Christen in Deutschland unter Druck geraten. Ich habe als Vertreter von ADF International referiert …

… der seit über 15 Jahren weltweit aktive internationale Arm einer ursprünglich 1993 in den USA gegründeten Organisation.

Böllmann: Wir setzen uns für Meinungs- und Religionsfreiheit übergreifend ein – auch für andere Religionen. Denn Rechte gelten für alle. Wer das „Kulturkampf“ nennt, müsste auch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zum Kampfprogramm erklären. Die BEK verwendet hier einfach ihrerseits Begriffe, die dazu dienen, die Debatte zu verengen. Mir geht es um den freien Meinungsaustausch.

Die von der Landeskirche kritisierte Veranstaltung stand unter dem Titel „Christenverfolgung in Deutschland?!“. Das klingt provokant. Wie lautet denn die Antwort?

Böllmann: Da muss man differenzieren. Christenverfolgung findet weltweit statt – sehr stark unter anderem in Nigeria, Pakistan und Nicaragua. Deutschland ist sicher kein Verfolgerstaat.

Aber …?

Böllmann: Auch hierzulande hat sich die Situation für Christen spürbar verändert.

„Es ist schlimmer geworden“

Woran machen Sie das fest?

Böllmann: Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Deutschland war laut Jahresbericht der Beobachtungsstelle für Intoleranz und Diskriminierung von Christen (OIDAC) in Europa 2025 europaweiter Spitzenreiter bei Brandanschlägen auf Kirchen. Im Jahr 2024 dokumentierte OIDAC 33 solcher Fälle – fast eine Verdreifachung im Vergleich zu 2023. Die offizielle Statistik des Bundeskriminalamtes verzeichnete für 2024 einen Anstieg christenfeindlicher Straftaten um ein gutes Fünftel auf über 330 Fälle!

Hat sich auch die Qualität der Angriffe verändert?

Böllmann: Es ist schlimmer geworden. Die Angriffe reichen von einfachen Schmierereien bis hin zu gezielter Entweihung und massiver Zerstörung in sakralen Räumen.

Aber handelt es sich bei den Tätern nicht um Einzelpersonen?

Böllmann: Das Problem ist, dass sich zugleich gesamtgesellschaftlich und politisch das Klima zulasten von Christen verschlechtert. Als ADF International bieten wir Rechtsschutz für Menschen, die aufgrund ihres Glaubens strafverfolgt oder denen Rechte vorenthalten werden. Mittlerweile werden wir deutlich häufiger um Unterstützung gebeten. Insbesondere christliche Positionen geraten stärker unter Rechtfertigungsdruck – und zwar auch institutionell.

Wie meinen Sie das?

Böllmann: Wir beobachten zum Beispiel, dass Universitäten und Behörden sensibler auf christliche Einstellungen reagieren.

„Die Politik trägt dazu bei“

Mit „sensibel“ meinen Sie: ablehnend?

Böllmann: Unter anderem. Zum Beispiel mussten die Lebensrechtsgruppen in Aachen, Regensburg und Heidelberg um verbriefte Rechte wie Versammlungs- und Religionsfreiheit vor Gericht kämpfen. Wir haben auch Menschen unterstützt, die friedlich vor Beratungsstellen beteten und denen Behörden das untersagen wollten – die Gerichte gaben den Mandanten techt. Dazu kommen Fälle wie ein Apotheker, der aus Gewissensgründen die „Pille danach“ nicht abgibt und beruflichen Druck erlebt, oder Lehrkräfte, die wegen ihrer Glaubensüberzeugungen unter Druck geraten.

Ist den Fällen etwas gemein?

Böllmann: Es scheint, als würde sich das Verständnis von Toleranz verschieben. Heute kann es schon eine negative Zuschreibung und berufliche Nachteile nach sich ziehen, wenn man einfach nur christliche Einstellungen vertritt. Vor allem Positionen zu Ehe, Sexualethik und Lebensschutz sind immer wieder betroffen.

Was trägt die Politik zu dieser Entwicklung bei?

Böllmann: Einiges, und zwar auch durch gesetzliche Maßnahmen. So hat der Gesetzgeber 2024 mit der Änderung des Schwangerschaftskonfliktgesetzes versucht, sogenannte Bannmeilen um Beratungsstellen zu schaffen – obwohl keine Fälle rechtlich relevanter Belästigungen von Schwangeren dokumentiert waren. Und dann ist der Kampf gegen „Hass und Hetze“ derzeit sehr populär …

… und schlägt sich ebenfalls in Gesetzen nieder.

Böllmann: Nehmen Sie zum Beispiel das Netzwerkdurchsetzungsgesetz von 2017, den EU Digital Services Act, der seit 2024 in Kraft ist, oder auch die Verschärfung der Strafbarkeit von Politikerbeleidigungen, die 2021 vorgenommen wurde.

„Die Gesetze sind vage formuliert“

Sollten Christen nicht an vorderster Front stehen, wenn es gegen „Hass und Hetze“ geht?

Böllmann: Das Problem ist, dass Gesetze teilweise so vage formuliert sind, dass sie Willkür ermöglichen. Selbst wenn die Gesetze verfassungskonform wären – schon da gibt es Zweifel –, besteht das Problem in einer zunehmend extensiven Auslegung. Wenn Staatsanwälte und Richter beginnen, über den rechtlichen Rahmen hinaus zu definieren, welche Meinungen noch zulässig sind, geraten Freiheit und Demokratie strukturell unter Druck. Die Folge ist eine mentale Schere: Menschen halten sich zurück, Selbstzensur greift um sich.

In Finnland wurde kürzlich die frühere Ministerin und überzeugte Christin Päivi Räsänen teilweise wegen Volksverhetzung verurteilt, teilweise freigesprochen. Sie sah sich einer jahrelangen strafrechtlichen Verfolgung ausgesetzt, weil sie eine biblisch fundierte Haltung zu Homosexualität vertreten hatte. Betrifft die von Ihnen beschriebene Negativentwicklung also ganz Europa?

Böllmann: Der Fall Räsänen ist in der Tat ein Warnsignal über Finnland hinaus. Wir sehen ähnliche Muster auch bei Diskriminierung von Lebensschützern in Österreich und Deutschland, bei Bannmeilen in Großbritannien und bei Elternrechten, für die Familien über lange Zeiträume klagen müssen. Leider. Das lässt einen europaweiten Trend erkennen.

Nun nimmt die Zahl der Christen, so man sie an den Kirchenmitgliedschaften messen möchte, in Deutschland seit langer Zeit kontinuierlich ab. Warum sollten sich Nicht-Christen überhaupt für dieses Thema interessieren?

Böllmann: Weil es ein Problem für die Demokratie insgesamt ist, nicht nur für Christen.

Und warum?

Böllmann: Religions- und Meinungsfreiheit schützen jeden, der eine Überzeugung hat und sie friedlich äußern will. Und insofern betrifft auch die wachsende rechtliche Unsicherheit am Ende alle. Wenn heute christliche Positionen unter Druck geraten, kann morgen jede andere Meinung betroffen sein.

Vielen Dank für das Gespräch!


Dr. Felix Böllmann leitet die Rechtsabteilung bei ADF International in Wien. Dort beschäftigt sich der Rechtsanwalt, der zuvor zehn Jahre als Syndikus bei einer Investmentgesellschaft gearbeitet hat, vor allem mit Fällen diskriminierter Christen im deutschsprachigen Raum. Im Oktober 2025 erschien sein gemeinsam mit Dr. David Wengenroth verfasstes Sachbuch über den „Fall Latzel“. Es behandelt die jahrelange Strafverfolgung des Bremer Pastors Olaf Latzel wegen einzelner, aus dem Kontext eines Eheseminars genommener Äußerungen über Homosexualität und Gender-Ideologie.

„Das Klima verschlechtert sich zulasten von Christen“: Felix Böllmann. Foto: IMAGO / Panama Pictures / KI
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